{"id":50972,"date":"2026-03-17T23:09:07","date_gmt":"2026-03-17T23:09:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/50972\/"},"modified":"2026-03-17T23:09:07","modified_gmt":"2026-03-17T23:09:07","slug":"polen-will-die-schnellsten-zuege-europas-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/50972\/","title":{"rendered":"Polen will die schnellsten Z\u00fcge Europas haben"},"content":{"rendered":"<p><a name=\"sprung0\" class=\"jumpLabel\">Polens Bahnpl\u00e4ne: Klotzen statt Kleckern<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nNun will Premier Donald Tusk dieselbe Revolution auf der Schiene: &#8222;Wir werden die schnellsten Eisenbahnen Europas haben&#8220;, k\u00fcndigte er an und versprach ein Schienennetz, das alle Regionen und Landkreise erreicht. Herzst\u00fcck des Vorhabens ist der Neubau einer Hochgeschwindigkeitsbahn, die Warschau, \u0141\u00f3d\u017a, Posen und Breslau, also die gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte des Landes verbinden soll. Geplante H\u00f6chstgeschwindigkeit: 350 km\/h, deutlich mehr als beim deutschen ICE. Fertigstellung: 2035. Abzweigungen nach Danzig und Krakau k\u00f6nnten sp\u00e4ter noch dazukommen. Von Posen k\u00f6nnten die Z\u00fcge in Zukunft au\u00dferdem nach Berlin weiterfahren, von Breslau \u2013 nach Leipzig und Prag.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nGleichzeitig werden die &#8222;gew\u00f6hnlichen&#8220; Bahnstrecken saniert und punktuell um Neubauabschnitte erg\u00e4nzt. So verk\u00fcrzen sich die Fahrzeiten, v.a. aber sollen viele Mittel- und Kleinst\u00e4dte wieder einen Anschluss bekommen, die ihn vor Jahren verloren haben \u2013 zum Beispiel \u0141om\u017ca (nord\u00f6stlich von Warschau, 59.000 Einw.) nach 33 Jahren Unterbrechung. Allein bis 2032 will Polen umgerechnet fast 43 Mrd. Euro in die Bahn investieren.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung1\" class=\"jumpLabel\">Niedergang der Bahn nach 1989<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nDer Aufholbedarf ist gro\u00df. Nach dem Ende des Sozialismus fehlte zun\u00e4chst das Geld f\u00fcr Instandhaltung und Investitionen. Fahrpl\u00e4ne und Netz wurden ausged\u00fcnnt, Geschwindigkeiten und Passagierzahlen sanken. Die Massenmotorisierung verst\u00e4rkte die Abw\u00e4rtsspirale \u2013 die Polen hatten hier <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/geschichte\/ddr\/deutsche-einheit\/wiedervereinigung\/automarkt-waehrungsunion-westauto-gebrauchtwagen-100.html\" title=\"Endlich Westautos!\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">einen \u00e4hnlichen Nachholbedarf wie Ex-DDR-B\u00fcrger<\/a>. Politiker betrachteten die Bahn zunehmend als ein Relikt der Vergangenheit \u2013 die Zukunft geh\u00f6rte nach damaliger Wahrnehmung dem Auto.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie Folgen waren dramatisch. Das Netz schrumpfte von rund 24.000 km im Jahr 1989 auf etwa 19.000 km jetzt. Ganze Regionen verloren den Anschluss, viele kleinere und mittlere St\u00e4dte wie \u0141om\u017ca verschwanden von der Eisenbahnkarte. Die Bahn wurde zum Sinnbild staatlichen R\u00fcckzugs. Jetzt soll sie zum Sinnbild der Modernisierung werden.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung2\" class=\"jumpLabel\">Hilft die Bahn beim Machterhalt?<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nBaustellen, neue Bahnh\u00f6fe und moderne Z\u00fcge lassen sich dagegen massenwirksam in Szene setzen. Sie sind &#8222;greifbar&#8220; und vermitteln das Gef\u00fchl, es geht voran, das Leben wird besser. Gerade in der Provinz, die sich oft vernachl\u00e4ssigt f\u00fchlt und die PiS w\u00e4hlt, kann man damit punkten \u2013 und es ist Politologen zufolge die Provinz, die \u00fcber den Wahlausgang in Polen entscheidet.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie Bahnmodernisierung liefert zudem Bilder, die jahrelang h\u00e4ngen bleiben. Sie lenkt von dem Dauerkonflikt mit der PiS und dem Pr\u00e4sidenten ab. Die Regierung kann sich als handlungsf\u00e4hig und durchsetzungsstark pr\u00e4sentieren \u2013 eine Eigenschaft, die die polnischen W\u00e4hler sehr goutieren.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung3\" class=\"jumpLabel\">Tusk &#8222;kapert&#8220; Bahnprojekte der PiS<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nTusk erfindet die Bahnrevolution allerdings nicht neu \u2013 er &#8222;kapert&#8220; vielmehr geschickt Projekte der fr\u00fcheren PiS-Regierung. Diesen wurde vielfach Gigantomanie vorgeworfen. Das geplante Hochgeschwindigkeitsnetz bestand urspr\u00fcnglich aus zehn &#8222;Speichen&#8220;, die sternf\u00f6rmig in der Landesmitte zusammenliefen, an einem im Bau befindlichen Megaflughafen zwischen Warschau und \u0141\u00f3d\u017a.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nExperten zufolge rechneten sich die meisten dieser &#8222;Speichen&#8220; aber nicht \u2013 zu wenig Fahrg\u00e4ste bei exorbitanten Baukosten. Die Tusk-Regierung hat das Netz deshalb von etwa 2.000 km auf knapp 500 km zusammengestrichen. Gleichzeitig setzte sie die geplante H\u00f6chstgeschwindigkeit von 250 km\/h auf 350 km\/h herauf. So wurden die PiS-Planungen an den realen Bedarf angepasst und mit der h\u00f6heren Geschwindigkeit zukunftssicher gemacht.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAuch die zweite Komponente der Bahnrevolution \u2013 die Reaktivierung regionaler Bahnstrecken \u2013 stammt von der PiS und wurde neu justiert. Reichten unter der PiS vier Zugpaare t\u00e4glich, werden jetzt nur noch Strecken saniert, auf denen danach mindestens acht Zugpaare fahren sollen. So will man vermeiden, das Gelder f\u00fcr Strecken mit geringer Nutzung &#8222;verbrannt&#8220; werden, deren Sanierung nur dem Stimmenfang der PiS dienen sollte. Auch das in Teilen \u00fcberdimensionierte Bahnhofssanierungsprogramm der PiS wurde zurechtgestutzt und an den tats\u00e4chlichen Bedarf angepasst.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung4\" class=\"jumpLabel\">Geschicktes Politmarketing<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nMit dieser Strategie neutralisiert Tusks Regierung die Modernisierungsnarrative der PiS. Deren Gigantomanie kam nicht von ungef\u00e4hr, denn viele Polen sind stolz auf den erreichten Aufschwung und wollen ihn in Form gro\u00dfer Infrastrukturprojekte sichtbar machen \u2013 die polnische Variante von &#8222;wir sind wieder wer.&#8220; Tusks Taktik &#8222;revidieren, statt wegzuwerfen&#8220; kommt diesen Menschen entgegen, ohne die strammen PiS-Kritiker unter den eigenen Anh\u00e4ngern zu verprellen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nSie passt auch zum Social-Media-Slogan der Regierung &#8222;Handeln statt quatschen&#8220;, der nahelegen soll, dass die PiS viel PR-Wind machte, w\u00e4hrend das Kabinett Tusk eine Spur bescheidener, daf\u00fcr aber real und realistisch an einer besseren Zukunft arbeitet. Au\u00dferdem wurde das Bahnsanierungsprogramm umbenannt: Statt der PiS-Bezeichnung &#8222;Eisenbahn Plus&#8220; promotet Tusk nun den Slogan &#8222;Unsere Bahn&#8220; \u2013 so kann er das Projekt als seine Leistung pr\u00e4sentieren.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDadurch gelingt ein politischer Befreiungsschlag von den \u00fcberambitionierten, aber popul\u00e4ren PiS-Visionen. Die Regierung kann sie politisch vor den eigenen Karren spannen. Sie &#8222;liefert&#8220;, ohne bei null beginnen zu m\u00fcssen, und schl\u00e4gt dem Gegner die Waffen aus der Hand. Ein cleverer Schachzug, der aber auch Risiken birgt.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung5\" class=\"jumpLabel\">Geht Tusks Bahn-Rechnung auf?<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nGro\u00dfe Versprechen erzeugen gro\u00dfe Erwartungen. Die Bahnsanierung wird erst im n\u00e4chsten Jahrzehnt Fr\u00fcchte tragen. Die Menschen m\u00fcssen aber jetzt schon das Gef\u00fchl bekommen, dass es auf der Schiene \u2013 und damit in ihrem Alltag \u2013 vorangeht. Und so feiert Tusks Regierung mit \u00e4hnlichem PR-Wind wie einst die PiS jeden Teilerfolg \u2013 etwa neulich die Bestellung von 42 hochmodernen Doppelstockz\u00fcgen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nNeben politischen Unw\u00e4gbarkeiten kommt Verkehrsexperten zufolge ein technisches Problem hinzu: die Kapazit\u00e4t des bestehenden Schienennetzes. Denn alle Sanierungen n\u00fctzen nichts, wenn es Flaschenh\u00e4lse gibt, die so stark ausgelastet sind, dass mehr Z\u00fcge dort kaum noch durchkommen. Die Regionalbahnen m\u00fcssen schon jetzt l\u00e4ngere Zwischenhalte einlegen, um Fernz\u00fcge vorbeizulassen, und wer zur Arbeit pendelt, wird auch in Zukunft eher die Regionalbahn nutzen, und nicht den Hochgeschwindigkeitszug.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nUm hier Abhilfe zu schaffen, m\u00fcssten an den Flaschenh\u00e4lsen zus\u00e4tzliche Gleise verlegt werden \u2013 das scheint die Regierung nicht auf dem Schirm zu haben. Nach wie vor fehlt zudem ein Taktfahrplan mit gleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber den Tag verteilten Abfahrtszeiten, z.B. alle zwei Stunden.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie von Premier Tusk ausgerufene Bahnrevolution kann also kurzfristig helfen, das Image der Regierungspartei aufzupolieren. Sie tr\u00e4gt auch unbestritten zur Modernisierung des Landes bei. Ob sie die Polen dazu bewegen wird, von der Autobahn auf die Schiene zu wechseln, wird sich aber erst im n\u00e4chsten Jahrzehnt zeigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Polens Bahnpl\u00e4ne: Klotzen statt Kleckern Nun will Premier Donald Tusk dieselbe Revolution auf der Schiene: &#8222;Wir werden die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":50973,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[5459,12116,76,75,74,21341,21339,21340,1036,8203,40,3734,1035,1712,2611,1577,1489,18136,66],"class_list":{"0":"post-50972","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-europa","8":"tag-bahn","9":"tag-eisenbahn","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-hochgeschwindigkeitsbahn","14":"tag-hochgeschwindigkeitszug","15":"tag-hochgeschwindigkeitszuege","16":"tag-mdr","17":"tag-modernisierung","18":"tag-nachrichten","19":"tag-polen","20":"tag-sachsen","21":"tag-sachsen-anhalt","22":"tag-sanierung","23":"tag-strecken","24":"tag-thueringen","25":"tag-tusk","26":"tag-welt"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116247040542577165","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50972","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50972"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50972\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/50973"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50972"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50972"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50972"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}