{"id":53747,"date":"2026-03-19T10:25:06","date_gmt":"2026-03-19T10:25:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/53747\/"},"modified":"2026-03-19T10:25:06","modified_gmt":"2026-03-19T10:25:06","slug":"will-russland-estland-destabilisieren-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/53747\/","title":{"rendered":"Will Russland Estland destabilisieren? \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Die \u201eVolksrepublik Narva\u201c hat eine eigene Hymne, Fahne und milit\u00e4rische Abzeichen.<\/p>\n<p>Bisher gibt es das Gebilde nur im Internet. Die Follower-Zahl ist mit einigen Hundert bescheiden. Doch das reicht, um in Estland die Sorge vor einem Eingreifen Russlands wachsen zu lassen.<\/p>\n<p>Seit Mitte Februar werben anonyme Accounts auf Telegram, TikTok und dem russischen Netzwerk V Kontakte f\u00fcr eine Abspaltung Narvas und der sie umgebenden Region Ida-Viru von Estland. Narva ist eine mehrheitlich russischsprachige Stadt im Osten Estlands. Von Russland trennt sie nur der gleichnamige Grenzfluss. Der Ort wird immer wieder in Szenarien eines russischen Angriffs auf das Baltikum genannt.<\/p>\n<p>Die Macher der Kan\u00e4le bleiben anonym und treten nur maskiert auf. Sie behaupten, nicht f\u00fcr Separatismus, sondern f\u00fcr Autonomie einzutreten: \u201eWir sind eine B\u00fcrgerbewegung.\u201c Freilich haben die meisten B\u00fcrger Narvas bis vor kurzem noch nichts von dieser Bewegung geh\u00f6rt. Der Telegram-Kanal ruft zum Teilen der Nachrichten und zu Spenden in Kryptow\u00e4hrung auf: \u201eDenn wir sind leider kein Projekt des Kreml\u201c, schreibt man ironisch. Einige der ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge sind schlecht gemachte Fotomanipulationen. So ist die vermeintliche Fahne der Volksrepublik bei einem Aufmarsch bewaffneter K\u00e4mpfer zu sehen, der sich 2014 im ostukrainischen Donezk zutrug. <\/p>\n<p>Die historischen Parallelen sind gewollt. Das ist es auch, was Beobachter beunruhigt: In der Ostukraine verwendete Russland das Konzept zu Beginn seiner milit\u00e4rischen Intervention, um den ukrainischen Staat zu destabilisieren. <\/p>\n<p>Nach einem Bericht der estnischen Desinformations-Bek\u00e4mpfer des Portals \u201ePropastop\u201c wurde die deutsche \u201eBild-Zeitung\u201c auf das Thema aufmerksam. \u201eBereitet Putin einen Angriff auf Estland vor?\u201c, fragte die Boulevardzeitung plakativ. <\/p>\n<p>Doch auch die estnischen Beh\u00f6rden nehmen das Ph\u00e4nomen ernst. Marta Tuul, Vertreterin des estnischen Inlandsgeheimdienstes ISS, sagte gegen\u00fcber dem litauischen Online-Portal Delfi, dass man von einer Provokation ausgehe, die Verwirrung stiften und den sozialen Zusammenhalt untergraben solle. \u201eSolche Taktiken wurden nicht nur in Estland, sondern auch in anderen L\u00e4ndern angewendet. Es ist eine einfache und billige Methode, um die Gesellschaft zu provozieren und einzusch\u00fcchtern.\u201c Der estnische Premierminister Kristen Michal sprach von einer russischen Informationsoperation. Und der estnische Au\u00dfenminister Margus Tsahkna schrieb auf X: \u201eNarva ist eine estnische Stadt und wird es immer bleiben.\u201c Er riet den B\u00fcrgern: \u201eBleiben Sie ruhig und informiert!\u201c<\/p>\n<p>Anton Shekhovtsov, Dozent an der Central European University in Wien und Experte f\u00fcr russische Desinformation, warnt vor allzu gro\u00dfer Aufmerksamkeit. Shekhovtsov h\u00e4lt das Projekt wegen seiner dilettantischen Machart f\u00fcr einen \u201emarginalen Witz\u201c, wie er gegen\u00fcber der \u201ePresse\u201c sagt. \u201eWenn marginale Geschichten wie diese von Medien, insbesondere Mainstream-Medien verbreitet werden, werden sie gr\u00f6\u00dfer gemacht als sie sind.\u201c Das sei letztlich kontraproduktiv, so der Experte.<\/p>\n<p>Stehen hinter der Narva-Republik ernstzunehmende politische Akteure? Ist die Sache ein Polit-Prank? Das bleibt schwer zu beurteilen. Wom\u00f6glich dient die Aktion auch als Testballon, um zu sehen, wie die lokale \u00d6ffentlichkeit auf Provokationen reagiert.<\/p>\n<p>Eine Stra\u00dfenumfrage des Portals Delfi ergab, dass die meisten der Befragten entweder nichts von der Aktion geh\u00f6rt hatten, oder sie f\u00fcr \u201eUnsinn\u201c hielten. \u201eWir bleiben lieber auf estnischem Staatsgebiet\u201c, sagte ein russischsprachiger Este in Narva. \u201eUnd werden uns in der gegebenen Lage entwickeln.\u201c <\/p>\n<p>Estland bietet als EU- und Nato-Mitglied im Vergleich zum sanktionsbeladenen Russland objektiv mehr Chancen f\u00fcr alle seine Bewohner, egal welchen Hintergrunds. Aufgrund der Spannungen zwischen Moskau und dem Westen ist das Land im Baltikum \u2013 wie Litauen und Lettland auch \u2013 in einer exponierten Lage. <\/p>\n<p>Ein russischer Angriff auf die Nato, den westliche Geheimdienste f\u00fcr die Zukunft nicht ausschlie\u00dfen, w\u00fcrde aller Wahrscheinlichkeit nach das Baltikum treffen. Die gesellschaftliche Integration der gro\u00dfen russischsprachigen Minderheit ist daher auch aus sicherheitspolitischen Gr\u00fcnden relevant. Russische Propaganda skandalisiert regelm\u00e4\u00dfig die angebliche \u201eRussophobie\u201c in den Baltenrepubliken, um die soziale Kluft zu vertiefen.<\/p>\n<p>Der Kreml hat in der Vergangenheit die Propagierung von \u201eVolksrepubliken\u201c erfolgreich genutzt, um den staatlichen Zusammenhalt anderer Staaten zu destabilisieren. Bekannt sind die \u201eDonezker Volksrepublik\u201c und \u201eLuhansker Volksrepublik\u201c,\u00a0die im Fr\u00fchling 2014 in der Ostukraine ausgerufen wurden. Schon damals wurde das Narrativ einer angeblichen Benachteiligung und existenziellen Bedrohung der russischsprachigen Bev\u00f6lkerung, als deren Unterst\u00fctzer sich Russland inszenierte, verbreitet. <\/p>\n<p>In den Jahren davor f\u00f6rderten russische Akteure gewaltbereite Milieus in der Region, etwa prorussische Sport-Clubs, Wehrsport-Gruppen und Kosakenvereine. Als im Fr\u00fchling die sozialen Spannungen in der Ostukraine infolge des Machtwechsels in Kiew zunahmen, propagierten lokale Vertreter zun\u00e4chst die Autonomie des Donbass. Im Lager der \u201eVolksrepubliken\u201c konsolidierten sich Kiew-kritische und antiukrainische Kr\u00e4fte. Viele ihrer Vertreter wirkten zun\u00e4chst wie Witzfiguren. Als sie vom Kreml Waffen bekamen, \u00e4nderte sich das schnell. Das Gebiet sagte sich von der Ukraine los.<\/p>\n<p>Das weitere Schicksal ist bekannt: Die vermeintliche Zuspitzung der Lage in den besetzten Gebieten diente Wladimir Putin im Jahr 2022 als Vorwand seine Ukraine-Vollinvasion.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die \u201eVolksrepublik Narva\u201c hat eine eigene Hymne, Fahne und milit\u00e4rische Abzeichen. 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