{"id":55691,"date":"2026-03-20T10:32:09","date_gmt":"2026-03-20T10:32:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/55691\/"},"modified":"2026-03-20T10:32:09","modified_gmt":"2026-03-20T10:32:09","slug":"israel-sachbuch-von-johannes-becke-hier-ist-nicht-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/55691\/","title":{"rendered":"Israel-Sachbuch von Johannes Becke: \u00bbHier ist nicht Europa\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Alle paar Monate das gleiche Ritual. Nimmt Israel an internationalen Wettbewerben wie dem Eurovision Song Contest oder Uefa-Fu\u00dfballturnieren teil, gibt es sofort Diskussionen dar\u00fcber, ob das wirklich so rechtens sei \u2013 schlie\u00dflich geh\u00f6re das Land ja irgendwie nicht zu Europa. Meistens steckt dahinter die leicht durchschaubare Absicht, Israel mit dem Verweis auf die Geografie auszuschlie\u00dfen und zu boykottieren. Doch wer das aktuelle Buch Hier ist nicht Europa \u2013 Wie Israel Teil des Nahen Ostens wurde von Johannes Becke, Professor f\u00fcr Israel- und Nahoststudien an der Hochschule f\u00fcr J\u00fcdische Studien Heidelberg, zur Hand nimmt, wird nichts dergleichen finden.<\/p>\n<p>Vielmehr geht der Autor der Frage auf den Grund, ob Israel weiterhin als Teil der westlichen Wertegemeinschaft zu verstehen ist oder inwieweit das Land sich politisch und kulturell mehr und mehr den politischen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten der Region angen\u00e4hert hat. Daher der Titel, der auf dem gleichnamigen Song von Margalit Zanani beruht, einer israelischen Musikerin mit jemenitischen Wurzeln.<\/p>\n<p>Oder anders formuliert: Stimmt eigentlich noch die Metapher von der \u00bbVilla im Dschungel\u00ab, die einst Ex-Ministerpr\u00e4sident Ehud Barak pr\u00e4gte, um auf die fundamentalen Unterschiede zwischen dem j\u00fcdischen Staat und den mehr oder weniger funktionierenden Gemeinwesen in unmittelbarer Nachbarschaft hinzuweisen?<\/p>\n<p>Bald setzte die \u00bbR\u00fcckkehr der Religion\u00ab ein, die auch eine \u00bbRache der Peripherie\u00ab war.<\/p>\n<p>Dabei erteilt Becke jeder Form einer Delegitimierung vorab eine unmissverst\u00e4ndliche Absage: \u00bbDas hier skizzierte Forschungsparadigma von Israel als nah\u00f6stlicher Gesellschaft richtet sich dabei dezidiert gegen eine dritte Lesart der israelischen Gesellschaft, wie sie langsam aus dem angels\u00e4chsischen Raum nach Deutschland importiert wird: Israel als koloniale Gesellschaft, die aus allen Kontexten des Globalen S\u00fcdens systematisch ausgeschlossen geh\u00f6re und letztendlich im Kontext der transnationalen Kampagne BDS (Boykott, Desinvestition und Sanktionen) zu Fall gebracht werden m\u00fcsse.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSystematische Rekontextualisierung\u00ab <\/p>\n<p>Er unternimmt genau das, was die Vertreter des postkolonialen Ansatzes stets ausblenden wollen, um \u00bbIsrael aus Zeit und Raum zu l\u00f6sen\u00ab: einen R\u00fcckgriff auf ideengeschichtliche, kulturelle und historische Entwicklungsstr\u00e4nge. Kurzum, der Politikwissenschaftler pl\u00e4diert f\u00fcr eine \u00bbsystematische Rekontextualisierung\u00ab der israelischen Geschichte, sodass der j\u00fcdische Staat nicht einfach nur als eine, wie er es bezeichnet, \u00bb\u00fcberzeitliche Essenz des Westens\u00ab wahrgenommen und bewertet wird.<\/p>\n<p>Wenn es um die israelische Gesellschaft selbst geht, skizziert er andere Trennungslinien als viele der Beobachter des Landes. So existieren seiner Einsch\u00e4tzung zufolge augenf\u00e4llige grenz\u00fcberschreitende Parallelen: \u00bbDie israelischen Oligarchens\u00f6hne und -t\u00f6chter mit den englischsprachigen Abschl\u00fcssen der Reichman University in Herzliya sind soziokulturell kaum zu unterscheiden von den \u00e4gyptischen Absolventen der American University in Kairo; die fr\u00fchere maronitische Elite des Libanon k\u00e4mpft \u00e4hnlich mit Nostalgie und Abwanderung wie die fr\u00fchere sozialistisch-aschkenasische Elite Israels.\u00ab<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt, der mehr auf die Region als auf Europa als Bezugsrahmen schlie\u00dfen l\u00e4sst, ist die Ents\u00e4kularisierung, die Israel mit anderen Staaten der postkolonialen Welt teilt. So definierten sich ihre Gr\u00fcndereliten \u00fcberwiegend als \u00bbaufgekl\u00e4rt\u00ab, woraufhin irgendwann in der Entwicklung der jungen Nationen die \u00bbR\u00fcckkehr der Religion\u00ab einsetzte, die nicht selten auch eine \u00bbRache der Peripherie\u00ab gewesen sei, was man im Fall von Israel durchaus w\u00f6rtlich nehmen sollte.<\/p>\n<p>\u00bbIndigenisierung\u00ab der j\u00fcdisch-israelischen Gesellschaft im Nahen Osten <\/p>\n<p>Becke nennt ferner drei weitere Perspektiven, um die, wie er es formuliert, \u00bbIndigenisierung\u00ab der j\u00fcdisch-israelischen Gesellschaft im Nahen Osten zu erfassen: Da w\u00e4re die Abgrenzung von der j\u00fcdischen Diaspora, Stichwort \u00bbKanaanismus\u00ab, die Synthese zwischen Ost und West, was eine eigene Form des \u00bbLevantismus\u00ab hervorgebracht habe, sowie die \u00bbkreative Neusch\u00f6pfung\u00ab aus den kulturellen Arsenalen der verschiedenen Einwanderergruppen, f\u00fcr ihn eine ganz eigene Version des \u00bbKreolismus\u00ab oder ein, wie man es ebenfalls bezeichnen kann, \u00bbungeplanter Pluralismus\u00ab.<\/p>\n<p>Interessanterweise nennt der Politikwissenschaftler eine gro\u00dfe Klammer, die vielleicht die wenigsten auf dem Radar haben d\u00fcrften, wenn es um eine Analyse gesellschaftlicher Ph\u00e4nomene geht, und zwar die Tatsache, dass es sich bei Israel wie auch den anderen Staaten in der Region um eine \u00bbpostosmanische Gesellschaft\u00ab handelt. Diese zeige sich in den Rechtsnormen, besonders deutlich im Familien- und Bodenrecht, aber auch im Verh\u00e4ltnis von Religionsgemeinschaften und Staat oder im Umgang der Autorit\u00e4ten mit Minderheiten, und das bis in die Gegenwart.<\/p>\n<p>Bemerkenswert: \u00bbDie Unwilligkeit, Israel als Teil der Region zu verstehen, ist vielleicht am st\u00e4rksten unter der israelischen Linken ausgepr\u00e4gt\u00ab, weshalb sie am Bild von der \u00bbVilla im Dschungel\u00ab besonders festh\u00e4lt. Dass diese Villa durchaus einige dominante nah\u00f6stliche Stilelemente aufweisen kann, wollen sie sich ungern eingestehen.<\/p>\n<p>Becke betrachtet sein Buch auch als eine Art Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Israel-Studien, ein kleines Forschungsfeld, das seiner Ansicht nach zu sehr im Schatten anderer Disziplinen steht. Es beinhalte aber durchaus das Potenzial, ein Bild von der israelischen Gesellschaft zu zeichnen, das nicht von negativen \u2013 oder auch projektiven positiven \u2013 Klischees \u00fcberlagert ist.<\/p>\n<p>Hier ist nicht Europa. Wie Israel Teil des Nahen Ostens wurde belegt auf eindrucksvolle Weise, wie eine solche Analyse aussehen kann. Nicht nur manchen Kommentatoren zu den Ereignissen in der Region hierzulande m\u00f6chte man es daher dringend empfehlen. Denn die Lekt\u00fcre ist f\u00fcr jeden, der sich f\u00fcr Israel interessiert, ein Gewinn.<\/p>\n<p>Johannes Becke: \u00bbHier ist nicht Europa. Wie Israel Teil des Nahen Ostens wurde\u00ab. Wallstein, G\u00f6ttingen 2026, 272 S., 28 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Alle paar Monate das gleiche Ritual. Nimmt Israel an internationalen Wettbewerben wie dem Eurovision Song Contest oder Uefa-Fu\u00dfballturnieren&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":55692,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[61,15572,76,75,74,750,15569,15573,15571,1132,40,269,1451,15570],"class_list":{"0":"post-55691","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-europa","8":"tag-berichte","9":"tag-blogs","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-israel","14":"tag-juedische-allgemeine","15":"tag-juedisches-leben","16":"tag-kommentare","17":"tag-kultur","18":"tag-nachrichten","19":"tag-politik","20":"tag-religion","21":"tag-wochenzeitung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116261050755694579","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55691","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=55691"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55691\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/55692"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=55691"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=55691"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=55691"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}