{"id":57056,"date":"2026-03-21T04:33:07","date_gmt":"2026-03-21T04:33:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/57056\/"},"modified":"2026-03-21T04:33:07","modified_gmt":"2026-03-21T04:33:07","slug":"argentinien-zorn-ueber-mileis-polemische-geschichtsrevision","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/57056\/","title":{"rendered":"Argentinien: Zorn \u00fcber Mileis polemische Geschichtsrevision"},"content":{"rendered":"<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Wie jedes Jahr werden auch am kommenden Dienstag wieder Zehntausende Argentinier im ganzen Land die zentralen Pl\u00e4tze ihrer St\u00e4dte f\u00fcllen, um den &#8222;Tag des Gedenkens an Wahrheit und Gerechtigkeit&#8220; zu begehen. Es ist der Gedenktag an die Opfer der Milit\u00e4rdiktatur. Vor genau 50 Jahren, am 24. M\u00e4rz 1976, putschten rechtskonservative Milit\u00e4rs in Argentinien gegen die linke Regierung von Isabel Per\u00f3n und errichteten bis 1983 eine der brutalsten Diktaturen Lateinamerikas.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">&#8222;Doch in diesem Jahr gedenken wir nicht nur der Diktaturopfer, sondern protestieren auch gegen den schrecklichen Geschichtsrevisionismus der aktuellen Regierung. Deshalb ist es wichtiger denn je, dass m\u00f6glichst viele Menschen kommen&#8220;, erkl\u00e4rt Miriam Lewin im Gespr\u00e4ch mit der APA.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Lewin ist selber ein Opfer der Diktatur und geh\u00f6rt heuer zu den bekanntesten Menschenrechtsaktivistinnen des Landes. Die Journalistin arbeitete die Verbrechen der Diktatur in Reportagen, B\u00fcchern und Dokumentarfilmen auf. Sie sagte auch 1985 im historischen Gerichtsprozess gegen die Milit\u00e4rjunta aus.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Bisher war sie eigentlich stolz auf die Aufarbeitungsarbeit der Diktaturverbrechen in ihrem Land. &#8222;Tats\u00e4chlich galt Argentinien bisher international als Vorbild die f\u00fcr moralische wie strafrechtliche Aufarbeitung jener Zeit&#8220;, versichert auch Emilio Crenzel, Soziologe an der Universit\u00e4t von Buenos Aires. Bereits 1983 legte in der noch jungen Demokratie eine staatliche Kommission zur Wahrheitsfindung in ihrem Bericht &#8222;Nunca m\u00e1s&#8220; (&#8222;Nie wieder&#8220;) die Verbrechen der Diktatur offen.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Fast 1.200 Milit\u00e4rs wurden verurteilt. Ehemalige Folterzentren wurden in Gedenkst\u00e4tten verwandelt, Opfer entsch\u00e4digt. 1985 wurde der Milit\u00e4rjunta in einem historischen Gerichtsverfahren der Prozess gemacht. Ex-Diktator Jorge Rafael Videla starb nach lebenslanger Haft 2013 hinter Gittern.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">&#8222;Doch seit der rechtslibert\u00e4re Pr\u00e4sident Javier Milei seit Dezember 2023 an der Macht ist, findet ein nie da gewesener Geschichtsrevisionismus statt&#8220;, erkl\u00e4rt Crenzel, einer der renommiertesten Experten Argentiniens zum Thema Diktaturbew\u00e4ltigung. Milei verharmlost die Folter und Ermordung zigtausender Menschen als &#8222;Exzesse&#8220;. Die von Experten gesch\u00e4tzten 30.000 Opfer und Gefangene w\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur bezeichnet er als &#8222;L\u00fcge&#8220; und &#8222;Propaganda&#8220; der Linken.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Mileis Vizepr\u00e4sidentin Victoria Villarruel, die aus einer Milit\u00e4rfamilie stammt, setzt sich daf\u00fcr ein, verurteilte Milit\u00e4rs zu begnadigen. Unterdessen schaffte Milei das Staatssekretariat f\u00fcr Menschenrechte ab, k\u00fcrzte staatliche Zusch\u00fcsse f\u00fcr Opferverb\u00e4nde und Gedenkst\u00e4tten wie die ehemalige Marine-Mechanikerschule ESMA. &#8222;Unter Milei ist selbst die Erinnerungspolitik unter seine Kettens\u00e4gen-Politik geraten&#8220;, versichert Mayki Gorosito. Sie spricht von einem massiven Personalabbau und Zur\u00fcckhaltung notwendiger Gelder, um Argentiniens Diktaturgedenkst\u00e4tten umzufunktionieren und funktionsunf\u00e4hig zu machen.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Im Juni 2025 entlie\u00df die Regierung sie als Direktorin der ESMA-Gedenkst\u00e4tte. Sie hatte sich geweigert, in Ausstellungen auch die Gewalt linker Guerilleros zu betonen und Videos \u00fcber Verurteilungen von Milit\u00e4rs zu entfernen. Im gr\u00f6\u00dften Folterzentrum der Diktatur sollen mehr als 5.000 Menschen gefangen gehalten worden sein. Weniger als 300 \u00fcberlebten.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Auch Miriam Lewin \u00fcberlebte ihre Gefangenschaft in der ESMA. Sie war 19 Jahre alt, als sie am 17. Mai 1977 in Buenos Aires am helllichten Tag auf der Stra\u00dfe festgenommen wurde. Sie geh\u00f6rte einer linken Studentenbewegung an. Zun\u00e4chst kam sie ins Haftzentrum Virrey Cevallos. \u00dcber 800 solcher geheimen Folteranstalten gab es im Land, in Milit\u00e4r- oder Polizeigeb\u00e4uden. Wochenlang wurde sie dort nackt, gefesselt und mit einem Sack \u00fcber dem Kopf gefoltert. <\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Sie wollten Informationen \u00fcber den Aufenthaltsort einer von Lewins Freundinnen erfahren, die sich in einer linken Widerstandsgruppe bet\u00e4tigte. T\u00e4glich gab es Pr\u00fcgel. W\u00e4rter steckten ihr Plastiks\u00e4cke \u00fcber den Kopf, bis sie zu ersticken drohte. &#8222;Submarino seco&#8220; nannten sie diese Methode &#8211; trockenes U-Boot. Mit Elektrost\u00e4ben verabreichten sie ihr Stromschl\u00e4ge &#8211; in der Vagina, an den Br\u00fcsten.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Als klar war, dass sie keine aktuellen Hinweise mehr liefern konnte, lie\u00df man von ihr ab und verlegte sie nach zehn Monaten in die ESMA. Hier blieb Lewin ein weiteres Jahr gefangen. Doch man lie\u00df sie am Leben. Sie war Journalistin, sprach mehrere Sprachen. So konnte sie den Milit\u00e4rs w\u00e4hrend der Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft in Argentinien 1978 \u00fcbersetzen, was die ausl\u00e4ndische Presse \u00fcber das Regime schrieb.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Wenn sie heute Milei sagen h\u00f6rt, es seien vor allem linke Guerillagruppen wie die Montoneros und die Revolution\u00e4re Volksarmee ERP gewesen, die damals &#8222;mordeten und Bomben legten&#8220; und gegen diese &#8222;Terroristen&#8220; musste sich der Staat halt wehren, wird sie w\u00fctend: &#8222;Die Rechtfertigung der Diktaturverbrechen und deren Verkl\u00e4rung gab es schon immer in gewissen Kreisen. Doch nun werden sie erstmals durch einen Regierungschef sozial legitimiert und breiten sich bereits unter jungen Menschen aus&#8220;.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Man brauchte damals nicht im bewaffneten Untergrund gewesen sein, um ins Visier der Diktatur zu geraten. Es waren auch Zigtausende gewaltlose Regimegegner, die f\u00fcr immer verschwanden: Kommunistische Politiker, Gewerkschafter, kritische Intellektuelle, unbequeme Journalisten oder einfach auch nur linkspolitisch engagierte Studenten wie Miriam Lewin.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Wer heute in Buenos Aires im &#8222;Park der Erinnerung&#8220; am Ufer des R\u00edo de la Plata das Denkmal f\u00fcr die Opfer der Milit\u00e4rdiktatur besucht, bekommt eine ersch\u00fctternde Vorstellung von der Dimension der Gr\u00e4ueltaten. Die Namen zigtausender Opfer sind in eine mehrere hundert Meter lange Steinwand eingraviert. Auch Lewins Name h\u00e4tte auf dieser Steinwand stehen k\u00f6nnen. Der Park liegt am Flughafen, von dem aus die Milit\u00e4rs ihre ber\u00fcchtigten &#8222;Todesfl\u00fcge&#8220; starteten, um Regimegegner lebendig aus den Fliegern ins Meer zu werfen.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">&#8222;Der Staatsterrorismus der Milit\u00e4rs l\u00f6ste eine Periode massiver Menschenrechtsverletzungen aus. Dabei war vor allem das Verschwindenlassen von Regimegegnern eine systematische Methode, um den Terror in der Gesellschaft zu verbreiten&#8220;, erkl\u00e4rt Diktaturforscher Emilio Crenzel.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">F\u00fcr Miriam Lewin ist es deshalb umso wichtiger, dass der Opfergedenktag am kommenden Dienstag massiver als je zuvor ist. &#8222;Wir m\u00fcssen uns Mileis Geschichtsrevisionismus entgegenstellen, der den bisherigen politischen und gesellschaftlichen Konsens des &#8218;Nunca M\u00e1s&#8216; in Gefahr bringt&#8220;, sagt sie.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">(Von Manuel Meyer\/APA)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie jedes Jahr werden auch am kommenden Dienstag wieder Zehntausende Argentinier im ganzen Land die zentralen Pl\u00e4tze ihrer&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":57057,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[1872,1771,40,41,1434,39,66,65,64],"class_list":{"0":"post-57056","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-welt","8":"tag-argentinien","9":"tag-diktatur","10":"tag-nachrichten","11":"tag-news","12":"tag-newsticker","13":"tag-schlagzeilen","14":"tag-welt","15":"tag-world","16":"tag-world-news"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116265301069658694","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57056","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=57056"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57056\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/57057"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=57056"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=57056"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=57056"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}