{"id":63817,"date":"2026-03-24T19:37:17","date_gmt":"2026-03-24T19:37:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/63817\/"},"modified":"2026-03-24T19:37:17","modified_gmt":"2026-03-24T19:37:17","slug":"ausstellung-in-frankfurt-erst-kam-monet-dann-netflix-kultur-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/63817\/","title":{"rendered":"Ausstellung in Frankfurt: Erst kam Monet, dann Netflix &#8211; Kultur"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Es ist wirklich erstaunlich, wie sich mit drei Felsb\u00f6gen im Meer und einer Kalksteinspitze sowohl die Kulturgeschichte wie die Kunstgeschichte Europas der letzten 240 Jahre erz\u00e4hlen l\u00e4sst. Und das, obwohl auf den meisten der 170 Bilder im Frankfurter St\u00e4del immer das Gleiche zu sehen ist: ein knapp vier Kilometer langer K\u00fcstenabschnitt in der Normandie rund um das ehemalige Fischerdorf \u00c9tretat. Die steilen Kreidefelsen mit ihren langen R\u00fcsseln in den \u00c4rmelkanal und ihren spektakul\u00e4r gerahmten Durchblicken sind ein besonderes geologisches Schauspiel. Aber anders als an der C\u00f4te d\u2019Azur w\u00fcrde man dort, im windigen, nassen und kalten Atlantikklima, nicht die versammelten Kulturgr\u00f6\u00dfen der Grand Nation erwarten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/1774381036_65_3d62c791-ab85-4f4d-b68a-a33953c29abf.jpg\"   alt=\"\u201eSteilk\u00fcste von Aval\u201c (1885), ein weiteres der 24 Monet-Gem\u00e4lde aus \u00c9tretat, die in der Ausstellung zu sehen sind.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>\u201eSteilk\u00fcste von Aval\u201c (1885), ein weiteres der 24 Monet-Gem\u00e4lde aus \u00c9tretat, die in der Ausstellung zu sehen sind. Hasso Plattner Collection<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Wie man sich t\u00e4uschen kann: Victor Hugo, Guy de Maupassant und Gustave Flaubert bis hin zu Maurice Leblanc, dem Autor der Erfolgsromane um den Meisterdieb Ars\u00e8ne Lupin, sch\u00e4tzten den\u00a0Ort als literarischen Schauplatz. Jacques Offenbach baute sich in dem Dorf, zu dem bis Mitte des 19. Jahrhunderts nicht einmal eine Stra\u00dfe f\u00fchrte, eine pr\u00e4chtige Villa, wohin er regelm\u00e4\u00dfig zu rauschenden Partyn\u00e4chten lud. Doch es waren vor allem franz\u00f6sische Nationalmaler wie Delacroix, Courbet, Corot, Vallotton und schlie\u00dflich Matisse, die f\u00fcr den Ruhm von \u00c9tretat verantwortlich sind. Seit 1830 lieferten sie sich einen kontinuierlichen Kampf um das beste Bild von Aiguille und Porte d\u2019Aval, Manneport und Porte d\u2019Amont, den vier skurril geformten Natur-Monumenten.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Keiner war jedoch in dem windschiefen Dorf mit den tief reichenden Strohd\u00e4chern so produktiv wie der titelgebende Maler von \u201eMonets K\u00fcste\u201c, wie die au\u00dfergew\u00f6hnliche Ausstellung im Frankfurter St\u00e4del hei\u00dft.<\/p>\n<p>Der erste K\u00fcnstler wurde nach \u00c9tretat geschickt, um Reklamebilder f\u00fcr Austern zu malen<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Rund 80 Bilder sind von Claude Monet aus \u00c9tretat bekannt. Tats\u00e4chlich entdeckte der sp\u00e4ter als Seerosen-Maler unsterblich gewordene Impressionist in der weiten Bucht an der Alabaster-K\u00fcste das Prinzip der Serie. Mit einem Haufen Dorf-Kinder im Schlepptau, die ihm Leinw\u00e4nde trugen, kraxelte er die steilen Klippen rauf und runter, immer verschiedene Motive in Arbeit, die unterschiedliche Licht- und Wetterstimmungen betrafen. Im Hauptraum der Ausstellung sind einige dieser effektvollen Varianten zusammengestellt, erg\u00e4nzt um ein gro\u00dfes Bild, das seine Familie beim Fr\u00fchst\u00fcck zeigt. 1869 hatte Monet ein Haus in \u00c9tretat gemietet und dort diese Genre-Szene gemalt.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Begonnen hat die k\u00fcnstlerische Erfolgsgeschichte von \u00c9tretat aber tats\u00e4chlich mit Reklame. Die Lust der Franzosen, Austern zu schl\u00fcrfen, hatte einen windigen Unternehmer Ende des 18. Jahrhunderts in das arme Dorf zwei Tagesreisen mit der Postkutsche von Paris entfernt gef\u00fchrt, um dort Muschelfarmen anzulegen. Um Werbung f\u00fcr seine Unternehmung zu machen, bestellte er den Maler Alexandre Jean No\u00ebl vor Ort, der hier 1786 das erste Aquarell des gro\u00dfen Bogens mit Felsspitze schuf, das bald danach in Stichen rege Verbreitung fand. Der Sehnsuchtsanblick war erzeugt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/1774381037_702_7e655279-c2f3-4a1e-be1f-baf041ab7729.jpg\"   alt=\"Derselbe Felsen, gemalt von Eug\u00e8ne Delacroix: \u201eEtretat, la Porte d\u2019Aval\u201c (um 1840-1846).\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Derselbe Felsen, gemalt von Eug\u00e8ne Delacroix: \u201eEtretat, la Porte d\u2019Aval\u201c (um 1840-1846). Mus\u00e9e Marmottan Monet<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Von hier aus entwickelte sich mit zunehmendem Tempo eine Nachfrage nach den Motiven, die Pariser Kunsth\u00e4ndler bis ins 20. Jahrhundert dazu trieb, ihre Maler (alles M\u00e4nner) nach \u00c9tretat zu schicken. Auch Monet wurde hierher von seinem Galeristen beordert, damit beide Geld verdienten. Aber er kam dann auch gerne immer wieder in das K\u00fcnstlerhotel Blanquet am Strand, aus dessen Fenstern sich auch sehr geruhsam das fabelhafte Panorama in immer neuen Farbvarianten auf die Leinwand setzen lie\u00df.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Das pittoreske Pathos der bis zu 100 Meter hohen Naturarchitektur, das so gut zum romantischen Terminus des \u201eErhabenen\u201c passte, also zu der Idee vom \u00fcberw\u00e4ltigend Bedrohlichen, bestimmte anf\u00e4nglich die k\u00fcnstlerische Wiedergabe der normannischen Abbruchkante. Aber in der g\u00e4renden Rivalit\u00e4t der K\u00fcnstlergenerationen entstanden auch bald Motive, die zwar in \u00c9tretat gemalt wurden, aber dabei keine Spur von der ortstypischen K\u00fcstenlandschaft und ihrer titanischen Wucht mehr zeigten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/1774381037_228_1db056b4-bdb7-4a36-b8a6-801885d0db6f.jpg\"   alt=\"Gustave Courbet: \u201eDie Woge\u201c (1869).\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Gustave Courbet: \u201eDie Woge\u201c (1869). St\u00e4del Museum, Frankfurt am Main<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Vor allem Gustave Courbet schuf hier 1869 seine ber\u00fchmten finsteren Wellen-Portr\u00e4ts, die inspiriert waren von einem aufziehenden Wirbelsturm, den er dort erlebte. Diese kommerziell erfolgreichste Serie von Courbet, die das Meer wie pure Gewalt und Warnung aussehen lie\u00df, forderte wiederum seinen viel j\u00fcngeren Freund Monet heraus, der dasselbe Motiv der Ozeanwellen 1881 wie eine bl\u00fchende Hecke aussehen lie\u00df.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/1774381037_641_1b3d584d-477a-4bf9-89a9-2ca98302cb1d.jpg\"   alt=\"Claude Monet: \u201eRaue See\u201c (1881).\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Claude Monet: \u201eRaue See\u201c (1881). National Gallery of Canada, Ottawa.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Aber es finden sich in dieser Ausstellung auch Wellenstudien des deutschen \u00c9tretat-Pioniers Johann Wilhelm Schirmer von 1836, auf denen das Meer so realistisch erscheint wie eine Fotografie. Auch Schirmers Detailbildnisse der Steinformationen n\u00e4hern sich eher dem Anspruch von wissenschaftlicher Akkuratesse, wie sie wiederum Courbet sp\u00e4ter auch an den Kieselstr\u00e4nden des bereits als Seebad bekannten \u00c9tretats suchte.<\/p>\n<p>Heute k\u00f6nnte man die Klippen nicht mehr malen, sie sind wegen ihrer Popularit\u00e4t gesperrt<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">In den drei Jahrhunderten, in denen K\u00fcnstler und wenige K\u00fcnstlerinnen die Steilk\u00fcste im jeweiligen Stil ihrer Zeit in die Rahmen setzten, vom Klassizismus, der Romantik und dem Symbolismus bis zum Impressionismus und der Abstraktion, ersch\u00f6pfte sich das Prim\u00e4rmotiv nat\u00fcrlich irgendwann. Doch genau jenen Bildern, die Felsen und Meer nur noch als Hintergrund verwendeten, verdankt diese Ausstellung ihre soziologische Reiselust. Den gravierenden Wandel in \u00d6konomie, Lebensstil und Architektur, den der K\u00fcsten- und K\u00fcnstlerflecken infolge seiner ununterbrochenen Popularit\u00e4t durchmachte, erz\u00e4hlt diese Ausstellung mit Genrebildern sehr plastisch.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Es ist die Metamorphose einer unterm Wind geduckten Gemeinschaft armer Leute in einem Lebensraum, der dem Meer abgetrotzt werden musste, zu einem mond\u00e4nen Seebad mit Fischer-Folklore, zu einem Villen-Ort, den die deutschen Truppen w\u00e4hrend ihres Kampfes am w\u00fcst errichteten Atlantikwall ruinierten, zu einer mittelh\u00fcbschen Urlaubsdestination, in der 1200 Einwohner auf 1,5 Millionen Tagestouristen j\u00e4hrlich treffen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Die Geschichte, wie die falsche Idylle des harten \u00dcberlebenskampfes sich \u00fcber Epochen in eine Touristenbus-Routine verwandelt, kann kaum besser ausgemalt werden als durch diese Ausstellung. Die letzte Episode dieser touristischen Gezeiten hat schlie\u00dflich Netflix geschaffen. Die Adaption der Meisterdieb-Romane von Maurice Leblanc \u00fcber den Gentleman-Gauner Ars\u00e8ne Lupin, in dem die Felsnadel im Meer ein Schatzlager ist, spielte 2021 in einer entscheidenden Episode von \u201eLupin\u201c mit Omar Sy in dem Ort. Seither sind die Besucherzahlen so angestiegen, dass die Klippen gesperrt werden mussten. Monet k\u00f6nnte also heute nicht mehr an Monets K\u00fcste malen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\"><a href=\"https:\/\/www.staedelmuseum.de\/de\/monets-kueste\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Monets K\u00fcste: Die Entdeckung von \u00c9tretat.<\/a> St\u00e4del, Frankfurt. Bis 5. Juli.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist wirklich erstaunlich, wie sich mit drei Felsb\u00f6gen im Meer und einer Kalksteinspitze sowohl die Kulturgeschichte wie&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":63181,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26],"tags":[158,157,46,42,15578,159,147,1132,161,160,44,1076,148],"class_list":{"0":"post-63817","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art","9":"tag-art-and-design","10":"tag-at","11":"tag-austria","12":"tag-claude-monet","13":"tag-design","14":"tag-entertainment","15":"tag-kultur","16":"tag-kunst","17":"tag-kunst-und-design","18":"tag-oesterreich","19":"tag-sueddeutsche-zeitung","20":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116285842594791368","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63817","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63817"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63817\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/63181"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63817"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63817"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63817"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}