{"id":64495,"date":"2026-03-25T06:02:09","date_gmt":"2026-03-25T06:02:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/64495\/"},"modified":"2026-03-25T06:02:09","modified_gmt":"2026-03-25T06:02:09","slug":"constantin-brancusi-die-moderne-bildhauerei-wurde-im-skandal-geboren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/64495\/","title":{"rendered":"Constantin Brancusi: Die moderne Bildhauerei wurde im Skandal geboren"},"content":{"rendered":"<p>Im Schatten von Rodin schuf Constantin Brancusi ein besonders delikates Werk. In der Berliner Nationalgalerie sind jetzt aber nicht nur seine sch\u00f6nsten Skulpturen zu sehen. Die Ausstellung zeigt sogar, wo und wie der Bildhauer arbeitete.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die Enth\u00fcllung der Prinzessin war zu viel f\u00fcr das Publikum im Pariser Salon des Ind\u00e9pendants des Jahres 1920. Die Skulptur d\u00fcrfte den noch mehrheitlich Zylinder oder Korsett tragenden Besuchern die Schamesr\u00f6te ins Gesicht getrieben haben \u2013 sofern sie nicht gleich den Blick abwandten. Und dann mussten auch noch Picasso und Matisse unisono herausposaunen: \u201eDa ist der Phallus!\u201c Der Polizeipr\u00e4fekt zensierte die Schau, die Prinzessin wurde ausgeschlossen, k\u00f6nnte sie doch \u201ezu Zwischenf\u00e4llen f\u00fchren\u201c.<\/p>\n<p>Nun ja, es kommt auf den Blickwinkel an. Wie so oft. Und auch bei Constantin Brancusi. Seine \u201ePrinzessin X\u201c l\u00e4sst sich als abstrahierte Darstellung einer weiblichen Figur beschreiben, betrachtet man sie von jener Seite, die an die R\u00fcckenansicht eines Frauenakts erinnert: geneigter Kopf, Haaransatz im Nacken, gebogener R\u00fccken. Dreht man sich ein wenig um sie herum, verliert sich jede Ambivalenz, und es erscheint ein leidlich aufgerichtetes m\u00e4nnliches Geschlechtsteil.<\/p>\n<p>\u00dcber hundert Jahre sp\u00e4ter sind in der <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.smb.museum\/ausstellungen\/detail\/brancusi\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.smb.museum\/ausstellungen\/detail\/brancusi\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Ausstellung in der Neuen Nationalgaleri<\/a>e in Berlin weder Zensur noch Zwischenf\u00e4lle zu bef\u00fcrchten. Obwohl man in einem Filmausschnitt, den das Museum neben der Gipsplastik zeigt, Brancusi selbst sieht, wie er die Skulptur in seinem Atelier enth\u00fcllt \u2013 und mit einer z\u00e4rtlichen Geste \u00fcber ihren Schaft streicht.<\/p>\n<p>Dass der Skandal im Salon, bef\u00f6rdert von den ma\u00dfgeblichen Avantgardek\u00fcnstlern der Zeit, kalkuliert war, liegt nahe. Brancusi \u00fcberlie\u00df wenig dem Zufall \u2013 schon gar nicht die eigene Inszenierung. Er kultivierte den Mythos um seine Person und sein k\u00fcnstlerisches Schaffen mit selbst angefertigten Fotografien, die seine Werke ins rechte Licht setzten. \u201eEs spricht f\u00fcr Brancusis Modernit\u00e4t, dass er sich sehr bewusst war, wie Marketing funktioniert\u201c, erkl\u00e4rt die Kuratorin Maike Steinkamp. Tats\u00e4chlich verstand er es perfekt, Bild und Selbstbild miteinander zu verschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>So will der 1876 am Fu\u00df der rum\u00e4nischen Karpaten in einem Dorf Aufgewachsene nach der Ausbildung als Holzschnitzer und Bildhauer an der Kunstgewerbeschule in Craiova und der Akademie in Bukarest von dort zu Fu\u00df nach Paris gelaufen sein. Mit Rucksack und Stock oder im orthodoxen Sakristan-Gewand stilisierte er sich als K\u00fcnstlerpilger, der nach einj\u00e4hriger Wanderung und mit entz\u00fcndeter Lunge am 14. Juli 1904, dem franz\u00f6sischen Nationalfeiertag, in Paris eingetroffen sei. <\/p>\n<p>J\u00fcngere Recherchen haben ergeben, dass er durchaus mit der Eisenbahn reiste. Aber w\u00e4hrend dieser Reise reifte der Wunsch, ein moderner K\u00fcnstler zu werden, auch wenn Brancusi seine l\u00e4ndliche Herkunft nie verleugnet hat. Angekommen in Paris, dem damaligen Zentrum der Kunstwelt, suchte Brancusi \u2013 im Schatten des \u00fcberm\u00e4chtigen <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/auguste-rodin\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/auguste-rodin\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Auguste Rodin<\/a> \u2013 nach einer \u201edirekten Bildhauerei\u201c, nach einem k\u00f6rperlichen, unmittelbaren Umgang mit dem Material: Gips, Marmor, Bronze, Holz.<\/p>\n<p>Den Auftakt der Berliner Ausstellung bildet eine im Halbrund pr\u00e4sentierte Serie liegender K\u00f6pfe. Deren ber\u00fchmtester ist \u201eSchlafende Muse\u201c von 1910, ein teils auf Hochglanz polierter, teils dunkel patinierter Frauenkopf von strenger, beinahe au\u00dferirdischer Anmut. Andere K\u00f6pfe sch\u00e4len sich noch naturalistisch aus dem unbehauenen Stein oder sind so abstrahiert, dass nur eine polierte Stelle den aufgerissenen Mund andeutet. Manchmal bleibt nur das ovale Volumen wie von einem glatt geschliffenen Kieselstein \u2013 doch glaubt man, gerade in der Reihung, ein Gesicht zu erkennen.<\/p>\n<p>Ab dem Jahr 1916 bis zu seinem Tod 1957 arbeitete Brancusi in seinem Atelier in der Impasse Ronsin nahe Montparnasse. Legend\u00e4r wurde die Werkstatt nicht nur durch die Fotoaufnahmen, sondern auch durch ihre museale Wiederauferstehung: 1997 wurde das Atelier gegen\u00fcber dem Centre Pompidou rekonstruiert. Mehr als 130 Skulpturen, rund 80 Sockel, Zeichnungen und \u00fcber 1600 Fotoplatten und Abz\u00fcge hatte Brancusi dem franz\u00f6sischen Staat vermacht. Dass einige nun \u2013 wegen der bis 2030 dauernden Sanierung des Centre Pompidou \u2013 in Berlin zu sehen sind, ist ein Gl\u00fccksfall. Welche Gegenleistung f\u00fcr die Leihgabe versprochen wurde, bleibt diskret.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich zeigt sich in der schwierig zu bespielenden, weil so monumentalen <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/architektur\/plus230538777\/Neue-Nationalgalerie-Taugt-der-Mies-Bau-ueberhaupt-als-Museum.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/architektur\/plus230538777\/Neue-Nationalgalerie-Taugt-der-Mies-Bau-ueberhaupt-als-Museum.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mies-van-der-Rohe-Halle<\/a> der Neuen Nationalgalerie, wie ideal sich dieser Raum f\u00fcr moderne Skulptur eignet. Die hellen Gipse und wei\u00dfen Steinskulpturen behaupten sich trotz ihrer geringen Gr\u00f6\u00dfe m\u00fchelos. Die goldgl\u00e4nzenden Bronzen reflektieren das Licht vor den mit dunkelgr\u00fcnem Tinos-Marmor verkleideten Techniksch\u00e4chten des Berliner Tempels der Moderne. Eindrucksvoll sind auch Brancusis Tierskulpturen \u2013 der \u201eFisch\u201c von 1924 ist nicht mehr als ein spitz zulaufendes, flaches Gipsoval und doch sieht man ihn gleich agil durchs Wasser schie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die erhabene Serie der \u201eV\u00f6gel\u201c erschlie\u00dft sich wiederum erst in der Reihung. \u201eNicht den Vogel selbst will ich darstellen, sondern den Impuls, den Aufflug, den Elan\u201c, sagte Brancusi einmal. Kaum je wurde ein Werk so pr\u00e4zise vom K\u00fcnstler selbst beschrieben. Die \u201eMaiastra\u201c (1911) steht mit geschwellter Brust und ge\u00f6ffnetem Schnabel da. \u201eV\u00f6gelchen II\u201c (1928) scheint aus einem Ei zu schl\u00fcpfen \u2013 nicht mehr als ein marmorner Tropfen mit abgeflachter Spitze. \u201eVogel\u201c (1923\/47) k\u00f6nnte als abstraktes Art-d\u00e9co-Objekt durchgehen und ist doch unverkennbar ein schlanker Stelzvogel beim Imponiergehabe. Und \u201eVogel im Raum\u201c (1941) verdichtet die Bewegung zum reinsten Emporschwung \u2013 die Darstellung von Fl\u00fcgeln ist nicht einmal n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Constantin Brancusi wird von Kunsthistorikern gesch\u00e4tzt, weil sich in seinem Werk manche Fragen an die moderne Bildhauerei beantworten. In Frankreich und den USA ist er in \u00f6ffentlichen Sammlungen gut vertreten, in Deutschland weniger. Mit der Berliner Ausstellung wird er nun einem breiten Publikum zug\u00e4nglich gemacht \u2013 gerade weil seine Skulpturen und Plastiken unmittelbar \u00fcber ihre \u00e4sthetische Gestalt wirken. Mal schuf er \u00e4therische K\u00f6rper, mal archaische Wesen, die sich im \u201eKuss\u201c vereinigen. <\/p>\n<p>Es ist ein Genuss zu sehen, wie er sich \u00fcber den hierzulande gern gepflegten Gegensatz von Kunst und Kunsthandwerk hinwegsetzte, indem er die extravaganten Sockel ebenso sorgf\u00e4ltig und in alleiniger Handarbeit bearbeitete wie die Figuren selbst. Auch ein Teil seines legend\u00e4ren Ateliers wurde mitsamt Werkzeugen<\/p>\n<p>Dass Brancusis bekanntestes Werk \u2013 die \u201eUnendliche S\u00e4ule\u201c \u2013 in der acht Meter hohen Halle nur drei Meter aufragt, mindert nicht ihre Bedeutung f\u00fcr die moderne Kunst. Endlos wird sie ohnehin erst vor dem inneren Auge des Betrachters.<\/p>\n<p>\u201eBrancusi\u201c, bis zum 9. August 2026, Neue Nationalgalerie, Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Schatten von Rodin schuf Constantin Brancusi ein besonders delikates Werk. 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