{"id":65376,"date":"2026-03-25T15:55:08","date_gmt":"2026-03-25T15:55:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/65376\/"},"modified":"2026-03-25T15:55:08","modified_gmt":"2026-03-25T15:55:08","slug":"filmkritik-blue-moon-die-verzwergung-des-ethan-hawke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/65376\/","title":{"rendered":"Filmkritik \u201eBlue Moon\u201c: Die Verzwergung des Ethan Hawke"},"content":{"rendered":"<p>Er textete Superhits des 20. Jahrhunderts, dann ruinierte er sich durch Alkohol. \u201eBlue Moon\u201c zeigt nun zwei letzte verzweifelte Stunden aus dem Leben des Lorenz Hart. Ethan Hawke war mit der Rolle f\u00fcr einen Oscar nominiert. Warum man das sehen soll.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">F\u00fcr diesen Film musste einer der gr\u00f6\u00dften Schauspieler der letzten Jahrzehnte sich kleiner machen: Ethan Hawke ist 1,79 Meter gro\u00df. Das ist zwar nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben unterdurchschnittlich, aber doch 27 Zentimeter mehr als die 1,52 Meter, die der Songtexter Lorenz Hart ma\u00df. Regisseur Richard Linklater und sein Produktionsteam arbeiteten mit den \u00e4ltesten analogen Tricks, um Hawke kleiner wirken zu lassen: Die M\u00f6bel im Restaurant Sardi\u2019s, wo der ganze Film spielt, wurden vergr\u00f6\u00dfert, andere Schauspieler, die mit ihm reden, stehen auf Podesten. Obendrein hat man ihn auch noch in einen viel zu gro\u00dfen Anzug gesteckt, der ihn noch mehr verzwergt.\u00a0<\/p>\n<p>Besonders dem\u00fctigend wirkt der Kontrast zur von Hart protegierten Yale-Studentin Elisabeth (Margaret Qualley), die wie aus Adlerflugh\u00f6he auf den Glatzkopf des Texters herabschaut, der von einer quergek\u00e4mmten und angeklebten Haartolle vollends ins Groteske verunstaltet wird. Es geh\u00f6rt zu den gr\u00f6\u00dften schauspielerischen Leistungen der beiden, dass das Liebeswerben des Mannes, der 22 Jahre \u00e4lter ist als Elisabeth, aber 2200 Jahre \u00e4lter wirkt, nicht zu einer Monstrosit\u00e4tenshow wird. Wie leicht h\u00e4tte man Hart einem Publikum von heute als Inbegriff eines \u00fcbergriffigen, gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen, alten Patriarchatsprovokateurs vorwerfen k\u00f6nnen \u2013 aber das war nat\u00fcrlich weder die Absicht von Linklater noch von Hawke.<\/p>\n<p>In den Dialogen mit Elisabeth wird klar, dass sie ihn zwar mag, aber mehr eben nicht \u2013 obwohl er noch einmal all seinen Witz aufbietet. Und davon hatte er im \u00dcberfluss: Er schrieb Songtexte f\u00fcr Lieder wie \u201eThe Lady Is a Tramp\u201c, \u201eMy Funny Valentine\u201c oder eben das titelgebende \u201eBlue Moon\u201c. Allerdings ist die Partnerschaft mit dem Komponisten dieser Lieder, Richard Rodgers, ans Ende gekommen. Von der Verzweiflung eines Mannes, der ahnt, dass dieses Ende ein anderes, gr\u00f6\u00dferes Ende vorwegnimmt (Hart starb noch im Jahre 1943, in dem der Film spielt), handelt \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.berlinale.de\/de\/2025\/programm\/202505649.html\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.berlinale.de\/de\/2025\/programm\/202505649.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Blue Moon<\/a>\u201c. Hart will noch einmal geliebt werden, obwohl er sich selbst nicht liebt.<\/p>\n<p>Der Film, der dem Drehbuchautor Robert Kaplow den Oscar f\u00fcr das beste Originaldrehbuch einbrachte, spielt am Premierenabend von Richard Rodgers\u2019 neuem Musical \u201eOklahoma!\u201c, das er diesmal mit dem Texter Oscar Hammerstein geschaffen hat. Im Sardi\u2019s, in dem sich damals tats\u00e4chlich regelm\u00e4\u00dfig die Broadway-Prominenz versammelte, lauert Hart auf die \u201eOklahoma!\u201c-Crew. Er wei\u00df, dass sie hierherkommen, um auf die ersten Zeitungskritiken zu warten. Er selbst ist sich schon sicher, dass das Musical ein gewaltiger Erfolg wird.<\/p>\n<p>Nun will er Rodgers \u00fcberzeugen, es noch einmal mit ihm zu versuchen. Um zu demonstrieren, dass der Trennungsgrund \u2013 Unzuverl\u00e4ssigkeit wegen Alkoholproblemen \u2013 nicht mehr existiert, trinkt er als einziger Gast den ganzen Abend nur Wasser. Einmal l\u00e4sst er sich vom Barkeeper Eddie (Bobby Carnavale in der dritten wichtigen Rolle des Films) einen Bourbon einsch\u00fctten, nur um den Anblick zu genie\u00dfen. Als dann Rodgers erscheint, strahlend umflort von der Aura des Triumphs, gibt dieser sich gr\u00f6\u00dfte M\u00fche, den alten Freund Hart nicht zu dem\u00fctigen. Aber der versinkt mehr und mehr in Verzweiflung, weil er wei\u00df, dass dieser Triumph, den der Ex-Partner mit seinem neuen Co-Autor errungen hat, eine neuerliche Zusammenarbeit nun g\u00e4nzlich unwahrscheinlich macht.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte fragen, warum sich deutsche Zuschauer f\u00fcr das Schicksal von Menschen interessieren sollten, deren Lieder zwar in den USA ein volkst\u00fcmlicher Bestandteil des musikalischen und poetischen Kanons sind, aber deren Namen hier in Europa nur noch auf den Covern ungez\u00e4hlter Jazzplatten stehen, auf denen ihre Lieder nachgespielt worden sind. Die erste Antwort ist Ethan Hawke, der mit seiner Rolle f\u00fcr den Oscar nominiert war. Die zweite Antwort ist, dass \u201eBlue Moon\u201c einfach ein stylischer, heiterer und zugleich trauriger, herzw\u00e4rmender und zutiefst menschlicher Film ist. Unabh\u00e4ngig vom Bekanntheitsgrad der Protagonisten erz\u00e4hlt er von der Conditio Humana aller Menschen, nicht nur der K\u00fcnstler.<\/p>\n<p>Aufgrund eines merkw\u00fcrdigen Verleihzufalls kommt \u201eBlue Moon\u201c fast gleichzeitig mit Linklaters neuerem Film \u201eNouvelle Vague\u201c \u00fcber die jungen franz\u00f6sischen Filmrevolution\u00e4re der 1960er Jahre, der schon 2025 in Cannes lief, in deutsche Kinos. Der eine handelt vom inspirierten Gr\u00f6\u00dfenwahn der Jugend, der andere von der zerknautschten Lebensbesch\u00e4digung eines Mannes mittleren Alters. Beides sind universelle Themen. Und das ist der dritte Grund, sich \u201eBlue Moon\u201c anzusehen, auch wenn man (was v\u00f6llig unwahrscheinlich ist) noch nie ein Lied von Rodgers und Hart geh\u00f6rt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Er textete Superhits des 20. 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