{"id":67653,"date":"2026-03-26T19:15:07","date_gmt":"2026-03-26T19:15:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/67653\/"},"modified":"2026-03-26T19:15:07","modified_gmt":"2026-03-26T19:15:07","slug":"ab-mitternacht-haben-wir-den-dingen-freien-lauf-gelassen-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/67653\/","title":{"rendered":"\u201eAb Mitternacht haben wir den Dingen freien Lauf gelassen\u201c \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Ein Hauseingang in der N\u00e4he der Wiener Ringstra\u00dfe. Unten ein Zahnarzt, dann B\u00fcros, dar\u00fcber: Eine Parallelwelt. Wer die Wohnung in dem Gr\u00fcnderzeithaus betritt, landet in einer Mischung aus gro\u00dfb\u00fcrgerlichem Salon und Filmkulisse: Fritz J\u00fcptner-Jonstorff, Szenenbildner des Nachkriegskinos und insbesondere der Sissy-Filme, hat hier der Eigent\u00fcmerfamilie, inspiriert von franz\u00f6sischem Barock, mit historischen Versatzst\u00fccken eine Wohnungseinrichtung entworfen, Jagdsaal inklusive. <\/p>\n<p>Eine Verquickung verschiedenster Geschichten ist es auch, die am Sonntagabend in ebendieser Wohnung zu einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Treffen gef\u00fchrt hat. <\/p>\n<p>Sie habe schon in ihrer Studentenzeit im Wohnzimmer ihrer Mutter Musiksalons veranstaltet, erz\u00e4hlt Ophelia Orlandianyi in jenem blauen, eigens angefertigten Kleid, das mit Augenzwinkern an fr\u00fchere Saloni\u00e8ren erinnern soll. Aufgewachsen war die Nachfahrin von Kaiser Karls Musiklehrer mit Besuchen in Konzerthaus, Musikverein und Staatsoper. Bis heute k\u00f6nne sie sich an den Geruch des alten, roten Samts in der gro\u00dfm\u00fctterlichen Loge erinnern, wie auch an das allererste Konzert, das sie als Kind erlebt habe: \u201eDas war im Konzerthaus mit Elisabeth Leonskaja.\u201c (Jahre sp\u00e4ter sollte sie die Pianistin in ihrem sp\u00e4teren Job als Tourmanagerin gro\u00dfer Orchester wieder treffen.)<\/p>\n<p><a href=\"#kapitel-2\"\/>         <\/p>\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bbBeim letzten Musiksalon im Wohnzimmer meiner Mutter hatte ich 213 Leute.\u00ab     <\/p>\n<p>                  Ophelia Orlandianyi                   <\/p>\n<p>Mit der Zeit lernte Orlandianyi jedenfalls selbst immer mehr Musiker kennen, \u201eund die haben alle einen Proberaum mit Fl\u00fcgel gebraucht, wo man auch bis sp\u00e4t am Abend L\u00e4rm machen kann\u201c. Ihre Eltern seien wenig zu Hause gewesen, und so wurde bei ihr auf der Hohen Warte geprobt, gekocht \u2013 und irgendwann dann auch f\u00fcr Testpublikum gespielt. \u201eSo hat das alles begonnen. Zum Schluss hatte ich beim letzten Musiksalon im Wohnzimmer meiner Mutter 213 Leute.\u201c Danach verstreuten das Leben und die Karriere die Anwesenden in alle Welt. Seither, sagt Ophelia Orlandianyi, \u201etr\u00e4ume ich davon, dass ich diesen Musiksalon wieder verwirklichen kann\u201c. <\/p>\n<p>In den letzten paar Jahren wurde der Traum immer konkreter. \u201eIch habe eine klare Vision: Das kann nur privat sein, keine Sesselreihen, keine Barriere zwischen B\u00fchne und Publikum.\u201c 20, 30 verschiedene Wohnungen und Salons hatte sie, nachdem ihr die Wohnung ihrer Mutter nicht mehr zur Verf\u00fcgung steht, besichtigt. Aber kein Ort erschien ihr richtig, bis sie ihren jetzigen M\u00e4zen traf. Genau genommen hatte Orlandianyi, der in jungen Jahren von einer eigenen k\u00fcnstlerischen Karriere aus Vernunftgr\u00fcnden abgeraten worden war, irgendwann doch wieder zu singen begonnen. Und war gebeten worden, das auch auf dem Begr\u00e4bnis einer alten Dame zu tun \u2013 die sich als ehemalige Saloni\u00e8re und Bewohnerin selbiger Wohnung entpuppte.<\/p>\n<p>So kam es, dass sie am Sonntag erstmals nach 25 Jahren wieder zu einem Salon laden konnte \u2013 und nicht nur das: Auch Teile ihrer ehemaligen \u201eSalongang\u201c, wie sie sie nennt, waren wieder dabei. Darunter die Pianisten Daisy Jopling und Hyung-ki Joo (eine H\u00e4lfte des Komikerduos Igudesman &amp; Joo). Apropos: Auf dem Klavier der Wohnung hat zwar schon <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/friedrich-gulda\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" an=\"\" geheimer=\"\" adresse:=\"\" mitternacht=\"\" haben=\"\" wir=\"\" den=\"\" dingen=\"\" freien=\"\" lauf=\"\" gelassen=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Friedrich Gulda<\/a> in die Tasten gegriffen; auf der H\u00f6he der Zeit ist dessen Wiener Mechanik allerdings nicht gerade: Auch hier trat ein Sponsor auf den Plan und stiftete eigens einen Steinway-Fl\u00fcgel. <\/p>\n<p>In Summe dr\u00e4ngten sich, von Anna Anderluh, Marina &amp; The Kats und Wolfgang Muthspiel bis zu Michael Dukhnych, der f\u00fcr Marvel, Disney und Netflix Cello und Mundharmonika spielt, mehrere Dutzend Musikerinnen und Musiker aus Klassik, Pop, Jazz und World Music in genanntem Apartment, dessen Eigent\u00fcmer sich Diskretion bez\u00fcglich der Adresse erbeten hatte. Manches war vorab geplant, manches nicht, dazwischen gab es Essen, \u201eab Mitternacht haben wir den Dingen dann ganz freien Lauf gelassen\u201c. <\/p>\n<p>Ein gr\u00f6\u00dferes und hochkar\u00e4tigeres Treffen, als sie je erwartet h\u00e4tte, res\u00fcmiert Orlandianyi: \u201eEs gab ja keine Gage. Aber offenbar gibt es mitten in diesem digitalen Vernetzungswahnsinn eine Sehnsucht nach echter Begegnung, nach N\u00e4he, nach gemeinsam erlebter analoger Musik und Gespr\u00e4chen, die \u00fcber eine Kurznachricht hinausgehen.\u201c Schon vorab hatte jeder die G\u00e4steliste bekommen, mit kleinen Beschreibungen der Teilnehmenden. Denn ja, selbst Musiker w\u00fcrden vor allem in ihren eigenen Genre-Bubbles leben. \u201eDass ein Popmusiker mit einem klassischen Geiger auf einen Kaffee geht, das passiert eher kaum.\u201c<\/p>\n<p>                    Auf einen Blick<\/p>\n<p>Ophelia Orlandianyi hat u. a. im Kulturmanagement als Tourmanagerin und pers\u00f6nliche Assistentin von K\u00fcnstlern gearbeitet. \u201eKein Schild an der T\u00fcr, keine Tickets, kein Publikum im klassischen Sinn\u201c, so k\u00f6nnte man ihren neuen Musiksalon in einem privaten Wohnzimmer umrei\u00dfen: Ein Happening, das sich \u201ebewusst der \u00f6ffentlichen Eventlogik entzieht\u201c. Invitation only, Fortsetzung nach M\u00f6glichkeit geplant. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Hauseingang in der N\u00e4he der Wiener Ringstra\u00dfe. Unten ein Zahnarzt, dann B\u00fcros, dar\u00fcber: Eine Parallelwelt. 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