{"id":68348,"date":"2026-03-27T06:25:06","date_gmt":"2026-03-27T06:25:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/68348\/"},"modified":"2026-03-27T06:25:06","modified_gmt":"2026-03-27T06:25:06","slug":"steuert-europa-schlafwandelnd-auf-schlimmste-gaskrise-seit-2022-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/68348\/","title":{"rendered":"Steuert Europa schlafwandelnd auf schlimmste Gaskrise seit 2022 zu?"},"content":{"rendered":"<p>Binnen weniger Wochen hat der Konflikt mit Iran Europas Energiebilanz grundlegend ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>          <img decoding=\"async\" class=\"c-ad__placeholder__logo\" src=\"https:\/\/static.euronews.com\/website\/images\/logos\/logo-euronews-stacked-outlined-72x72-grey-9.svg\" width=\"72\" height=\"72\" alt=\"\" loading=\"lazy\"\/><br \/>\n          WERBUNG<\/p>\n<p>          <img decoding=\"async\" class=\"c-ad__placeholder__logo\" src=\"https:\/\/static.euronews.com\/website\/images\/logos\/logo-euronews-stacked-outlined-72x72-grey-9.svg\" width=\"72\" height=\"72\" alt=\"\" loading=\"lazy\"\/><br \/>\n          WERBUNG<\/p>\n<p>Der ma\u00dfgebliche niederl\u00e4ndische Gaspreis TTF ist seit Monatsbeginn von 38 auf 54 Euro je Megawattstunde gestiegen \u2013 ein Plus von rund 70 Prozent. Damit steuert der M\u00e4rz 2026 auf den st\u00e4rksten Monatsanstieg der europ\u00e4ischen Gaspreise seit September 2021 zu.<\/p>\n<p>Diese Zahl hat weit \u00fcber die Energiem\u00e4rkte hinaus Gewicht.<\/p>\n<p>Europas Gasverwundbarkeit ist ungleich verteilt<\/p>\n<p>Europa ist mit einer ohnehin angespannten Ausgangslage in diese Krise gerutscht.<\/p>\n<p>Die unterirdischen Gasspeicher waren zum 24. M\u00e4rz nur zu 28,4 Prozent gef\u00fcllt, das entspricht 325 Terawattstunden. Das sind f\u00fcnf Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr und klar unter dem saisonalen F\u00fcnf-Jahres-Durchschnitt, meldet Kyos European Gas Analytics.<\/p>\n<p>Deutschland geh\u00f6rt zu den am st\u00e4rksten exponierten L\u00e4ndern: Die Speicher sind nur zu 22,3 Prozent gef\u00fcllt, fast sieben Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich sieht es in Frankreich aus mit 22,1 Prozent.<\/p>\n<p>Am kritischsten ist die Lage in den Niederlanden. Dort liegen die F\u00fcllst\u00e4nde nur bei rund sechs Prozent bzw. neun Terawattstunden \u2013 weniger als ein Drittel des Vorjahresniveaus und deutlich unter dem historischen Minimum f\u00fcr diese Jahreszeit.<\/p>\n<p>Der Kontrast zur Iberischen Halbinsel k\u00f6nnte kaum gr\u00f6\u00dfer sein.<\/p>\n<p>Portugal geht mit zu 85,3 Prozent gef\u00fcllten Speichern in die Krise, Spanien liegt bei 55,5 Prozent. Beide L\u00e4nder profitieren von einer st\u00e4rkeren LNG-Importinfrastruktur, einem geringeren Gasanteil im Strommix und einem Ausbau der Erneuerbaren, der ihre Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Schwankungen der Gro\u00dfhandelsgaspreise strukturell verringert hat.<\/p>\n<p>Wie weit k\u00f6nnen die europ\u00e4ischen Gaspreise steigen?<\/p>\n<p>Der Angebotsschock an der Quelle ist strukturell, nicht vor\u00fcbergehend.<\/p>\n<p>Katar, mit j\u00e4hrlich 84 Milliarden Kubikmetern zweitgr\u00f6\u00dfter LNG-Exporteur der Welt und wichtiger Lieferant f\u00fcr EU-Staaten wie Italien, Belgien und Spanien, kann seine Liefervertr\u00e4ge vorerst nicht mehr erf\u00fcllen. Das Land best\u00e4tigte dies nach den iranischen Angriffen Anfang des Monats auf die Industriestadt Ras Laffan.<\/p>\n<p>Die Reparaturen an der besch\u00e4digten Anlage k\u00f6nnten bis zu f\u00fcnf Jahre dauern.<\/p>\n<p>In einer Analyse vom 22. M\u00e4rz hat Goldman Sachs seine Prognose f\u00fcr den TTF-Preis im zweiten Quartal 2026 von 63 auf 72 Euro je Megawattstunde angehoben. Die Bank warnt, Europa m\u00fcsse gen\u00fcgend LNG-Ladungen vom asiatischen Markt abziehen, um die Speicher vor dem n\u00e4chsten Winter ausreichend zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>In einem ung\u00fcnstigen Szenario, in dem die Energieexporte durch die Stra\u00dfe von Hormus nicht sechs, sondern zehn Wochen lang gedrosselt bleiben, k\u00f6nnte der durchschnittliche TTF-Preis f\u00fcr den Sommer 2026 auf \u00fcber 89 Euro je Megawattstunde steigen, so Goldman Sachs.<\/p>\n<p>In einem deutlich schlimmeren Szenario mit langfristigeren Sch\u00e4den an der Infrastruktur Katars l\u00e4ge der TTF den ganzen Sommer \u00fcber bei mehr als 100 Euro je Megawattstunde.<\/p>\n<p>Eine Umfrage von Montel News unter Energieanalysten zeichnet ein noch sch\u00e4rferes Bild der Risiken.<\/p>\n<p>Bleibt Hormus drei Monate lang blockiert, k\u00f6nnte der vorderste TTF-Kontrakt auf etwa 90 Euro je Megawattstunde steigen, sch\u00e4tzen Wood Mackenzie und Montel Analytics.<\/p>\n<p>Am oberen Ende der Spanne warnt Ole Hvalbye, Rohstoffanalyst bei der schwedischen SEB-Bank, vor Preisen zwischen 115 und 155 Euro je Megawattstunde in diesem Szenario. Dann w\u00fcrden rund 28,6 Milliarden Kubikmeter LNG vom Weltmarkt verschwinden.<\/p>\n<p>Bei einer sechsmonatigen Schlie\u00dfung, so die Umfrage, kletterte der durchschnittliche TTF-Preis auf fast 160 Euro je Megawattstunde. Hvalbye spricht von einer \u201eVerknappung wie 2022 oder schlimmer\u201c, mit m\u00f6glichen Preisen zwischen 145 und 240 Euro je Megawattstunde und nahezu unm\u00f6glichen Speicherf\u00fcllungen f\u00fcr den n\u00e4chsten Winter.<\/p>\n<p>Zum Vergleich: Im August 2022, nach Russlands Angriff auf die Ukraine, erreichte der TTF seinen H\u00f6chststand von 345 Euro je Megawattstunde.<\/p>\n<p>Folgen f\u00fcr die Energierechnungen der Haushalte<\/p>\n<p>F\u00fcr Europas Haushalte ist der Schock real, er schl\u00e4gt sich aber nicht \u00fcberall gleich stark in den Energierechnungen nieder.<\/p>\n<p>Im Exklusivinterview mit Euronews erl\u00e4uterte Giuseppe Moles, Chef von Acquirente Unico, dem italienischen Staatsunternehmen f\u00fcr die Versorgung von regulierten Kunden, die \u00dcbertragungsmechanismen.<\/p>\n<p>Bei Gasrechnungen erfolgt die Weitergabe direkt. Die Regulierungsbeh\u00f6rde ARERA hatte den reinen Energiepreis f\u00fcr gesch\u00fctzte Kunden im Februar auf 35,21 Euro je Megawattstunde festgelegt, warnte aber, dass dieser Wert den Preissprung nach der Eskalation noch nicht abbildet.<\/p>\n<p>Auch die Strompreise steigen, weil teureres Gas die Gro\u00dfhandelsm\u00e4rkte belastet. Beim Endkunden f\u00e4llt der Effekt jedoch weniger stark aus.<\/p>\n<p>\u201eDer Strommarkt verarbeitet bereits einen Teil des Gasschocks\u201c, sagte Moles. Er sch\u00e4tzt die Mehrbelastung f\u00fcr Haushalte auf einige Prozentpunkte \u2013 sp\u00fcrbar, aber weit entfernt von dem Anstieg um 60 bis 70 Prozent im Gro\u00dfhandel mit Gas.<\/p>\n<p>Bei Kraftstoffen geht der Druck \u00fcber den Roh\u00f6lpreis hinaus. H\u00f6here Frachtraten, Versicherungspr\u00e4mien und Engp\u00e4sse in den Raffinerien treiben die Kosten entlang der gesamten Lieferkette.<\/p>\n<p>\u201eDer eigentliche Flaschenhals ist die Raffinerie-Kapazit\u00e4t\u201c, so Moles.<\/p>\n<p>Italien stockt Gasimporte aus Algerien auf: Reicht das?<\/p>\n<p>Auch wenn Italien im EU-Vergleich relativ gut dasteht \u2013 die Gasspeicher sind zu 43,9 Prozent gef\u00fcllt \u2013, warnt Moles vor allem vor Preisspr\u00fcngen, nicht vor einem akuten Versorgungsengpass.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund sucht Ministerpr\u00e4sidentin Giorgia Meloni verst\u00e4rkt den Schulterschluss mit Algerien, schon jetzt Italiens gr\u00f6\u00dftem Pipeline-Lieferanten von Gas.<\/p>\n<p>Moles nennt diesen Schritt \u201eeine rationale und wichtige Entscheidung\u201c und verweist auf Algeriens Rolle f\u00fcr die Versorgungssicherheit.<\/p>\n<p>Zugleich warnt er vor \u00fcberzogenen Erwartungen. \u201eAlgerien kann die Folgen f\u00fcr Italien abmildern, aber eine systemische Krise im Golf nicht allein neutralisieren\u201c, sagte er. Die St\u00f6rungen rund um die Stra\u00dfe von Hormus bestimmten weiterhin die globalen Energiepreise \u2013 weit \u00fcber jede einzelne bilaterale Beziehung hinaus.<\/p>\n<p>\u201eIch rechne nicht mit einer Wiederholung des Jahres 2022, sondern eher mit einer Phase erh\u00f6hter Volatilit\u00e4t und wiederkehrender Preisspitzen. Viel wird davon abh\u00e4ngen, wie robust das Angebot bleibt und wie sich die weltweite Nachfrage in den kommenden Monaten entwickelt\u201c, so Moles.<\/p>\n<p>Welche Folgen hat das f\u00fcr die Inflation?<\/p>\n<p>Der disinflation\u00e4re Trend der vergangenen drei Jahre in Europa ist vorerst vorbei.<\/p>\n<p>Goldman Sachs erwartet, dass die Gesamtinflation im Euroraum im M\u00e4rz auf knapp drei Prozent gegen\u00fcber dem Vorjahr steigt, nach knapp zwei Prozent im Februar. Der Sprung geht fast vollst\u00e4ndig auf Energie zur\u00fcck, deren Teuerungsrate sich binnen eines Monats von minus 3,1 auf plus 5,9 Prozent drehen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Auch die mittelfristige Perspektive hat sich abrupt ver\u00e4ndert: F\u00fcr das Jahr 2026 rechnet Goldman Sachs nun mit einer durchschnittlichen Gesamtinflation von rund drei Prozent und einem Zwischenhoch von gut drei Prozent im zweiten Quartal \u2013 ein Szenario, das zu Jahresbeginn noch als Randrisiko galt.<\/p>\n<p>Die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel d\u00fcrfte ebenfalls anziehen und im dritten Quartal etwa zweieinhalb Prozent erreichen, wenn sich die h\u00f6heren Energiekosten zunehmend in Dienstleistungs- und Transportpreisen niederschlagen.<\/p>\n<p>Die \u00dcberw\u00e4lzung verl\u00e4uft jedoch nicht \u00fcberall gleich. Deutschland steht Ende M\u00e4rz vor einem Dieselschock von rund 25 Prozent gegen\u00fcber dem Vormonat, w\u00e4hrend Spanien den Anstieg durch eine Halbierung der Mehrwertsteuer auf die meisten Energieformen teilweise abfedert.<\/p>\n<p>\u201eWir erwarten, dass die deutsche HVPI-Gesamtinflation im M\u00e4rz auf drei Prozent von zuvor zwei Prozent steigt\u201c, schrieb Goldman-Sachs-Volkswirtin Katya Vashkinskaya diese Woche.<\/p>\n<p>Aber die Richtung ist \u00fcberall dieselbe.<\/p>\n<p>Das Zeitfenster, in dem die EZB glaubhaft machen konnte, sie sei klar auf Kurs zu ihrem Zwei-Prozent-Ziel, ist zu.<\/p>\n<p>Was h\u00f6here Inflation f\u00fcr Zinsen und Wachstum bedeutet<\/p>\n<p>F\u00fcr die Europ\u00e4ische Zentralbank hat sich die Lage binnen weniger Wochen komplett gedreht.<\/p>\n<p>Vor Beginn des Kriegs in Iran rechneten die M\u00e4rkte bis 2026 mit weiteren Zinssenkungen. Diese Diskussion ist vorbei.<\/p>\n<p>Goldman Sachs und ABN AMRO gehen nun davon aus, dass der EZB-Rat auf seiner Sitzung am 30. April und erneut im Juni den Leitzins jeweils um 25 Basispunkte anhebt. Der Einlagensatz w\u00fcrde damit einen H\u00f6chststand von 2,5 Prozent erreichen.<\/p>\n<p>Bundesbankpr\u00e4sident Joachim Nagel hatte bereits \u00f6ffentlich f\u00fcr eine Zinserh\u00f6hung im April pl\u00e4diert, falls der Druck von den Energiepreisen nicht nachl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Laut Prognosem\u00e4rkten liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB die Zinsen dieses Jahr anhebt, bei 77 Prozent.<\/p>\n<p>In einem ung\u00fcnstigen Szenario sch\u00e4tzt Goldman Sachs den notwendigen Straffungsbedarf auf insgesamt 75 bis 100 Basispunkte. In einer deutlich schlechteren Variante w\u00e4ren es bis zu 150 bis 200 Basispunkte.<\/p>\n<p>Der Zeitpunkt ist \u00e4u\u00dferst ung\u00fcnstig.<\/p>\n<p>Goldman Sachs hat seine Prognose f\u00fcr das Wirtschaftswachstum im Euroraum f\u00fcr das Gesamtjahr auf knapp ein Prozent gesenkt \u2013 fast nur noch halb so viel wie vor Ausbruch des Konflikts erwartet. Strengere Finanzierungsbedingungen verst\u00e4rken den Nachfrageschock durch h\u00f6here Energierechnungen.<\/p>\n<p>Der zusammengesetzte Einkaufsmanagerindex f\u00fcr die Eurozone lag im M\u00e4rz nur knapp \u00fcber der Stagnationsschwelle, w\u00e4hrend die Vorleistungskosten so schnell stiegen wie seit drei Jahren nicht.<\/p>\n<p>\u201eDie EZB ist nicht l\u00e4nger in einer komfortablen Position\u201c, kommentierte Chris Williamson, Chefvolkswirt von S&amp;P Global, die Schnellsch\u00e4tzung des Einkaufsmanagerindex f\u00fcr M\u00e4rz 2026.<\/p>\n<p>Ist die Lage so schlimm wie 2022?<\/p>\n<p>Noch nicht \u2013 und wom\u00f6glich gar nicht, meint Bill Diviney, Leiter der Makroforschung bei ABN AMRO.<\/p>\n<p>\u201eDer Schock d\u00fcrfte deutlich kleiner ausfallen als w\u00e4hrend der Energiekrise 2022\/23 nach Russlands Angriff auf die Ukraine und die Volkswirtschaften der Eurozone nicht so einheitlich treffen wie damals\u201c, schrieb er in einer aktuellen Analyse.<\/p>\n<p>Am deutlichsten zeigt sich das an den Stromm\u00e4rkten: Zwar sind die Gaspreise seit Jahresbeginn um 80 Prozent gestiegen, doch die durchschnittlichen Gro\u00dfhandelspreise f\u00fcr Strom in den f\u00fcnf gr\u00f6\u00dften Volkswirtschaften der Eurozone haben sich seit Ausbruch des Konflikts kaum ver\u00e4ndert und liegen im Jahresverlauf noch immer rund 14 Prozent niedriger.<\/p>\n<p>Diese Entkopplung spiegelt den beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien seit 2022 und die R\u00fcckkehr des franz\u00f6sischen Atomparks zur Volllast wider \u2013 ein struktureller Wandel, der inzwischen als Teilpuffer wirkt.<\/p>\n<p>Auch die fiskalische Antwort d\u00fcrfte begrenzter ausfallen: Die Spielr\u00e4ume der Regierungen sind kleiner, die Anleihem\u00e4rkte weniger nachsichtig, und die Politik ist sich der inflationsf\u00f6rdernden Risiken breit angelegter Energiehilfen st\u00e4rker bewusst als 2022.<\/p>\n<p>Die Krise von 2022 war ein systemischer Schock, der alle Schwachstellen freilegte, die Europa in Jahrzehnten billigen russischen Gases aufgebaut hatte. Die jetzige Krise trifft gezielter, verl\u00e4uft ungleichm\u00e4\u00dfiger \u2013 und ist vorerst besser beherrschbar.<\/p>\n<p>Die Frage ist, wie lange das so bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Binnen weniger Wochen hat der Konflikt mit Iran Europas Energiebilanz grundlegend ver\u00e4ndert. 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