{"id":69642,"date":"2026-03-27T20:20:25","date_gmt":"2026-03-27T20:20:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/69642\/"},"modified":"2026-03-27T20:20:25","modified_gmt":"2026-03-27T20:20:25","slug":"queere-kunst-in-der-ddr-gab-es-die","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/69642\/","title":{"rendered":"Queere Kunst in der DDR &#8211; gab es die?"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/fux-100.jpg\" alt=\"Andreas Fux\" title=\"Andreas Fux | Andreas Fux und KVOST, Berlin\"\/><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 26.03.2026 \u2022 16:45 Uhr<\/p>\n<p class=\"article-head__shorttext\">\n        Vier Berliner Kunstinstitutionen haben DDR-Kunst auf ihre Queerness untersucht. Das Ergebnis ist eine Ausstellung, die Bez\u00fcge erst auf den zweiten Blick liefert &#8211; und damit die n\u00f6tige Vorsicht der Zeit trifft.\n    <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Gab es queere Kunst in der DDR? Und wenn ja, wie sah sie aus? Diesen Fragen sind Berliner Kunstinstitutionen nachgegangen. Die Ergebnisse werden in einer Ausstellung an vier Standorten in der Hauptstadt gezeigt. Bei den einzelnen K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern gibt es gro\u00dfe Unterschiede &#8211; zwischen einzelnen Generationen liegen Welten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Toni Ebel beispielsweise wurde 1881 geboren, Harry Hachmeister 1979. Ebel hatte schon eine Geschlechtsanpassung und zwei Kriege hinter sich, als die DDR gegr\u00fcndet wurde, Hachmeister war erst zehn Jahre alt, als sie zusammenbrach. Ebels Selbstportr\u00e4ts, die sie in den 50er Jahren mit Kreide auf Leinwand zeichnete, wirken nachdenklich &#8211; Hachmeisters poppige Hinter-Glas-Malereien sind fr\u00f6hlich bunt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Sie geh\u00f6ren zu den wenigen Werken in der Ausstellung, die Sexualit\u00e4t zum Thema machen. Da sind nackte M\u00e4nner durch eine Nabelschnur verbunden, die von Penis zu Penis reicht, andere M\u00e4nner reiten aufeinander oder treffen sich im Geb\u00fcsch. Doch diese Bilder sind lang nach dem Mauerfall entstanden. In der DDR gab es diese homoerotischen Darstellungen nicht.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Die Werke von Harry Hachmeister, geboren 1979, sind fr\u00f6hlich bunt &#8211; so wie &#8222;Boy with Horse&#8220;.\n                    <\/p>\n<p>    Gem\u00e4lde, Grafiken, Skulpturen &#8211; und Stasi-Akten<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Warum das so ist, hat der Kurator der Ausstellung Stephan Koal, der auch Leiter des Kunstvereins KVOST ist, erforscht. &#8222;Wir mochten die Idee, queere Kunst \u00fcber die gesamte Stadt zu verteilen&#8220;, so Koal. Pr\u00e4sentiert werden Gem\u00e4lde, Grafiken, Skulpturen, Fotos und Schmuck, aber auch Stasi-Akten, die zeigen, wie K\u00fcnstler \u00fcberwacht wurden.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Eine Grundidee der Ausstellung sei, nicht nur Kunstwerke zu pr\u00e4sentieren, sondern auch die Biografien der K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler. Koal hat gemeinsam mit seinem Team ein Heft zusammengestellt, in dem private Lebensumst\u00e4nde und politische Entwicklungen sehr \u00fcbersichtlich dargestellt werden. Dieses Heft wird in der Ausstellung kostenlos verteilt, zusammen mit einem Zeitstrahl, der wichtige Ereignisse f\u00fcr queere Menschen in der Gesellschaft auflistet &#8211; von der ersten Nennung des Wortes &#8222;homosexual&#8220; 1869 bis zum Inkrafttreten des Gesetzes zur Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag im Jahr 2024.<\/p>\n<p>    Queere Bez\u00fcge erst auf den zweiten Blick<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Vor diesem Hintergrund \u00fcberrascht die Ausstellung: kein Sex, keine Rebellion, keine Betonung von Andersartigkeit. Die queeren Bez\u00fcge erkennt man erst auf den zweiten Blick &#8211; etwa in einer Serie aus Holz- und Linolschnitten von J\u00fcrgen Wittdorf aus dem Jahr 1964. Sie hei\u00dft &#8222;Jugend und Sport&#8220; und zeigt im Stil des sozialistischen Realismus Kollektive selbstbewusster junger Menschen. Jedes dieser Bilder strahlt den staatlich gew\u00fcnschten Optimismus aus &#8211; bis auf eines, das junge M\u00e4nner in einer Gemeinschaftsdusche darstellt. Hier dominiert eine homoerotische Spannung.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">In Wittdorfs Biografie kann man nachlesen, dass er 1964 sein Coming-out hatte. J\u00fcrgen Wittdorf war Mitglied der Regierungspartei SED und bekam viele staatliche Auftr\u00e4ge. Er verbarg seine sexuelle Orientierung und konnte so bis zum Ende der DDR in der staatlich gef\u00f6rderten Kunstszene eine wichtige Rolle spielen.<\/p>\n<p>    Unterschiedlicher Umgang mit dem Druck<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Ganz anders als Jochen Hass, der sich nicht den Konventionen des sozialistischen Realismus unterwarf. Er hatte an der Hochschule f\u00fcr Baukunst und bildende K\u00fcnstler studiert, war dort Meistersch\u00fcler und hatte einen eher expressionistischen Malstil. Die Ausstellung pr\u00e4sentiert seine melancholischen M\u00e4nnerportr\u00e4ts aus den fr\u00fchen 50er Jahren. &#8222;Unter anderem wegen dieser Portr\u00e4ts wurde ihm die Aufnahme in den Verband Bildender K\u00fcnstler der DDR verwehrt&#8220;, erkl\u00e4rte Stephan Koal. &#8222;Und wer dort nicht Mitglied war, bekam keine staatlichen Auftr\u00e4ge.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Jochen Hass musste sich einen anderen Beruf suchen. Er arbeitete in der Denkmalpflege und malte nur noch privat. Seine erste Ausstellung bekam er erst 1983 &#8211; nicht in einer staatlichen Galerie, sondern im Berliner Dom.<\/p>\n<p>    Langsame Normalisierung und ein versp\u00e4teter Aufbruch<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Kaum ein K\u00fcnstler zeigte offen seine Homosexualit\u00e4t. Obwohl gleichgeschlechtlicher Sex in der DDR seit 1968 nicht mehr strafbar war, blieb die gesellschaftliche Akzeptanz begrenzt. Erst in den 1980er-Jahren \u00f6ffneten sich vereinzelt R\u00e4ume f\u00fcr Selbstverst\u00e4ndigung. 1989 kam der Film &#8222;Coming Out&#8220; von Heiner Carow in die Kinos. Ein Meilenstein, der die gesellschaftliche Debatte weiter h\u00e4tte vorantreiben k\u00f6nnen. Doch am Tag der Filmpremiere fiel die Mauer und die DDR war Geschichte.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Stimmung in den Jahren zuvor hat der Fotograf Andreas Fux festgehalten. Seine Schwarzwei\u00df-Bilder zeigen Jugendliche, die sich durch ihren Kleidungsstil von der realsozialistischen Tristesse abgrenzen. Auch m\u00e4nnliche Aktfotos sind dabei &#8211; Zeugnisse einer zaghaften Emanzipation.<\/p>\n<p>    Queerness ohne Label<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Auch queere Frauen gab es in der DDR, aber sie h\u00e4tten sich nicht so bezeichnet. Der Begriff existiert in seiner heutigen Bedeutung erst seit den 90er-Jahren und Worte wie schwul oder lesbisch waren damals negativ besetzt. Viele Frauen verstanden sich vor allem als Feministinnen &#8211; die Malerin Erika St\u00fcrmer-Alex zum Beispiel. Ihre abstrakt-verspielten Gem\u00e4lde sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Auch hier sind keine queeren Botschaften zu erkennen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Aber wenn man wei\u00df, dass Erika St\u00fcrmer-Alex seit 1971 mit einer Frau zusammenlebt und im brandenburgischen Lietzen einen unabh\u00e4ngigen K\u00fcnstlerhof aufgebaut hat, ahnt man, dass ihr Leben ein Balanceakt war. H\u00e4tte sie den Staat zu sehr provoziert, h\u00e4tte sie auch ihren Hof gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Eine einfache Antwort auf die Frage nach der Existenz queerer Kunst in der DDR bietet die Ausstellung nicht. Aber: Es gab eher queere K\u00fcnstler als queere Kunst an sich. Wer das Queere erkennen will, muss sich auch mit den K\u00fcnstlerbiografien auseinandersetzen. Und dazu l\u00e4dt die Ausstellung ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 26.03.2026 \u2022 16:45 Uhr Vier Berliner Kunstinstitutionen haben DDR-Kunst auf ihre Queerness untersucht. 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