{"id":72463,"date":"2026-03-29T14:22:08","date_gmt":"2026-03-29T14:22:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/72463\/"},"modified":"2026-03-29T14:22:08","modified_gmt":"2026-03-29T14:22:08","slug":"letzter-wunsch-bring-meine-asche-nach-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/72463\/","title":{"rendered":"Letzter Wunsch: \u201eBring meine Asche nach Wien\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wer war der heute vergessene Komponist Alexander Zemlinsky, der vor den Nazis in die USA floh und auf dem Totenbett nur einen Wunsch hatte? Jetzt widmet ihm seine Heimatstadt ein Theaterst\u00fcck. Auch eine zweite Inszenierung zeigt das j\u00fcdische Wien vor 1938.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Bis 1938 war Wien als eine Metropole j\u00fcdischen Lebens bekannt. In Wissenschaft, Kunst oder Presse tummelten sich Ber\u00fchmtheiten j\u00fcdischer Herkunft, deren Gro\u00dfeltern oder Eltern nicht selten noch im kleinen Schtetl am Rande des Habsburgerreiches aufgewachsen waren. In Wien begr\u00fcndete Sigmund Freud die Psychoanalyse, ersann Theodor Herzl den Zionismus, schuf Arthur Schnitzler eine neue Literatur und Arnold Sch\u00f6nberg eine neue Musik. Nicht zu vergessen der \u201eFackel\u201c-Herausgeber<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/plus207329143\/Karl-Kraus-Biografie-Ein-Mann-Opposition-gegen-den-Zeitgeist.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/plus207329143\/Karl-Kraus-Biografie-Ein-Mann-Opposition-gegen-den-Zeitgeist.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> Karl Kraus<\/a>, der die Wiener Moderne als kritischer Chronist begleitete und pr\u00e4gte. Mit \u201eIsidor\u201c und \u201eZemlinsky\u201c gibt es zwei neue Theaterst\u00fccke \u00fcber Glanz und Elend jener Zeit zu sehen.<\/p>\n<p>\u201eIsidor\u201c ist die Geschichte eines nahezu unglaublichen Aufstiegs, die Regisseur Philipp St\u00f6lzl als geradlinig erz\u00e4hltes Biopic auf die B\u00fchne bringt. Und eine wahre Geschichte: Die Berliner Journalistin Shelly Kupferberg hat das schillernde Leben ihres Urgro\u00dfonkels recherchiert und niedergeschrieben. Entstanden ist das Portr\u00e4t eines Menschen und einer Epoche, die von den Nazis zerst\u00f6rt wurden. St\u00f6lzl macht aus <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.diogenes.ch\/microsites\/isidor.html\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.diogenes.ch\/microsites\/isidor.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Kupferbergs Buch<\/a> eine rasante Folge von Szenen, verteilt knapp 30 Rollen auf das neunk\u00f6pfige Ensemble. Im Mittelpunkt steht Stefko Hanushevsky als Isidor, der vom galizischen Dorf \u00fcber Lemberg in die Hauptstadt der Donaumonarchie und dort zu einem Verm\u00f6gen kommt.<\/p>\n<p>Mit Videoeinspielern, die sehr nach KI-Einsatz ausschauen, und einem Erz\u00e4hlerduo zeigt St\u00f6lzl, wie sich sein Protagonist assimiliert. Er nennt sich Isidor statt Israel und ersetzt die Synagoge durch das Caf\u00e9 Schwarzenberg. Die Juden standen zwar unter dem pers\u00f6nlichen Schutz des Kaisers, doch vor allem mit dem Wiener B\u00fcrgermeister <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article106288641\/Antisemit-in-Schraeglage.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article106288641\/Antisemit-in-Schraeglage.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Karl Lueger <\/a>feierte der politische Antisemitismus einen unheimlichen Aufschwung, was damals nicht zuletzt bei einem gescheiterten Kunstmaler namens Adolf Hitler tiefe Spuren hinterlie\u00df. F\u00fcr Isidor geht es jedoch aufw\u00e4rts, in die besten Kreise der Wiener Gesellschaft. Er verdient am Ersten Weltkrieg, ist ein Freund der Oper und Kaffeeh\u00e4user. \u201eWer sich anstrengt, der kann aufsteigen\u201c, sagt Isidor zu seinem Neffen Walter. Als Beweis dient der mond\u00e4ne Kronleuchter, der sein Stadtpalais schm\u00fcckt. <\/p>\n<p>Was Isidor jedoch nicht sehen will, sind die b\u00f6sartigen Kr\u00e4fte, die das millionenfach gebrochene Versprechen von Aufstieg und Wohlstand entfesselt hat. \u201eDas wird vorbeigehen, das ist immer vorbeigegangen\u201c, sagt er, als die Gestapo schon fast vor seiner T\u00fcr steht. Ist es Verblendung oder Realit\u00e4tsverweigerung? Als heutiger Zuschauer ist das einfach gesagt, zudem St\u00f6lzl alles auf die schmerzhafte Tragik der Verkennung zulaufen l\u00e4sst. Doch sprengte die Niedertracht der Nazis damals tats\u00e4chlich die Grenzen des Vorstellbaren.<\/p>\n<p>Als seine gro\u00dfe Liebe, eine ungarische Operettens\u00e4ngerin (gro\u00dfartig: Nina Siewert), nach Hollywood geht, kommt Isidor nicht mit. Er wird von seinen Angestellten verraten, enteignet und stirbt nach Haft und Folter. Nackt baumelt Hanushevsky kopf\u00fcber an einem Seil, die B\u00fchne des zum Burgtheater geh\u00f6renden Akademietheaters hat sich von seinem glanzvollen Anwesen in ein d\u00fcsteres Gef\u00e4ngnis verwandelt. Die Welt von gestern bricht zusammen, nur seinem Neffen gelingt in letzter Minute die Flucht nach Pal\u00e4stina.<\/p>\n<p>Wie eine Parallelgeschichte zu \u201eIsidor\u201c wirkt \u201eZemlinsky\u201c. F\u00fcr das <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.josefstadt.org\/programm\/stuecke\/premieren-2025\/26\/stueck\/zemlinsky.html\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.josefstadt.org\/programm\/stuecke\/premieren-2025\/26\/stueck\/zemlinsky.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Theater in der Josefstadt<\/a> hat Felix Mitterer ein St\u00fcck \u00fcber den vergessenen Komponisten Alexander von Zemlinsky geschrieben, das Stephanie Mohr zu Urauff\u00fchrung gebracht hat. Auch hier taucht man in einem raschen Wechsel der Szenen und Figuren in die Wiener Moderne ein: Der junge Zemlinsky, gespielt von Martin Vischer, trifft seinen F\u00f6rderer Johannes Brahms, freundet sich mit Arnold Sch\u00f6nberg an und verliebt sich in Alma Schindler, die aber Gustav Mahler vorzieht (und sp\u00e4ter noch Franz Werfel und Walter Gropius zu ihren Gatten macht). Feine Musikeinlagen lockern das dichte kulturhistorische Panorama auf.<\/p>\n<p>\u201eZemlinsky\u201c in der Josefstadt<\/p>\n<p>Zemlinsky ist j\u00fcdischer Herkunft und wie viele seiner ebenfalls j\u00fcdischen Kollegen konvertiert er. Im alltagsantisemitischen Wien von Lueger &amp; Co. ist dieser Schritt der Assimilation ausreichend, dem Rassenwahn der Nazis kann man sich damit jedoch nicht entziehen. In letzter Minute flieht Zemlinsky in die USA, wo er als gebrochener Mann \u2013 gespielt von G\u00fcnter Franzmeier \u2013 1942 stirbt. Dass er neben Sch\u00f6nberg und Anton Webern einst einer der wichtigsten Komponisten der Wiener Moderne war, wei\u00df so gut wie niemand mehr. Seiner Frau, einer ehemaligen Sch\u00fclerin von ihm, tr\u00e4gt er auf dem Totenbett noch einen allerletzten Wunsch an: \u201eBring meine Asche nach Wien.\u201c<\/p>\n<p>Erst 1985 kommt Zemlinskys Urne nach Wien, der vertriebene Komponist erh\u00e4lt ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof. So endet Mitterers \u201eZemlinsky\u201c, als R\u00fcckkehr eines versto\u00dfenen Sohns, dem erst im Tod die Ehre zukommt, die ihm zu Lebzeiten verwehrt blieb. Auch das geh\u00f6rt zum Schicksal der j\u00fcdischen Ber\u00fchmtheiten von Wien. \u201eIsidor\u201c zeigt ein anderes Ende: Walter Grab, der \u00fcberlebende Neffe, kommt in den 1950er Jahren nach Wien. In seiner alten Wohnung lebt nun die Hauswartfamilie. Als er klingelt, rufen sie erschrocken: \u201eDer Jud\u2019 ist wieda doa!\u201c In dem kurzen Moment, bevor sie ihm die T\u00fcr vor der Nase zuwerfen, sieht er noch die alten M\u00f6bel seiner Familie.<\/p>\n<p>Es sind zwei Theaterabende, die \u00fcber ihre Protagonisten hinaus von der j\u00fcdischen Emanzipation im R\u00fcckenwind der b\u00fcrgerlichen Aufkl\u00e4rung erz\u00e4hlen. Und auch von den \u201eGrenzen der Aufkl\u00e4rung\u201c (Detlev Claussen), vom Judenhass und der systematischen Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung. Die Abende zeigen allerdings auch, dass ein Biopic auf der Theaterb\u00fchne gewisse genrespezifische Schwierigkeiten mit sich bringt, die der Film mit seinen Mitteln einfacher bew\u00e4ltigt bekommt. So balancieren \u201eIsidor\u201c und \u201eZemlinsky\u201c am Rande der historischen Kolportage. Wer das verschmerzen kann, wird nicht mit der gr\u00f6\u00dften Theaterkunst, aber mit interessanten Geschichten belohnt.<\/p>\n<p>\u201eIsidor\u201c l\u00e4uft am Akademietheater Wien und \u201eZemlinsky\u201c am Theater in der Josefstadt Wien<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer war der heute vergessene Komponist Alexander Zemlinsky, der vor den Nazis in die USA floh und auf&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":72464,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[28],"tags":[28356,4890,46,42,28357,2589,10051,12040,44,210,181,182,28355],"class_list":{"0":"post-72463","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-wien","8":"tag-alexander-von","9":"tag-antisemitismus","10":"tag-at","11":"tag-austria","12":"tag-exildeutsche-ks","13":"tag-gewalt","14":"tag-karl","15":"tag-lueger","16":"tag-oesterreich","17":"tag-texttospeech","18":"tag-vienna","19":"tag-wien","20":"tag-zemlinsky"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116312915621536432","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72463","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72463"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72463\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/72464"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72463"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72463"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72463"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}