{"id":72524,"date":"2026-03-29T15:11:20","date_gmt":"2026-03-29T15:11:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/72524\/"},"modified":"2026-03-29T15:11:20","modified_gmt":"2026-03-29T15:11:20","slug":"warum-hat-martha-argerich-so-viel-einfluss-auf-die-jungen-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/72524\/","title":{"rendered":"Warum hat Martha Argerich so viel Einfluss auf die Jungen? \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Es war am 5. April 1999, als ich Martha Argerich zum ersten Mal live spielen h\u00f6rte. Dass der Abend unvergesslich wurde, entschied sich aber schon eine Minute vor dem ersten Ton.<\/p>\n<p>Das Festival \u201eOsterKlang Wien\u201c hatte die Pianistin im Brahms-Saal des Musikvereins angek\u00fcndigt \u2013 nat\u00fcrlich nicht allein. Denn die Zeit ihrer reinen Soloauftritte war damals schon vorbei. Ohne den geringsten menschlich-musikalischen Beistand einen Abend auf dem Podium zubringen? Ein Gr\u00e4uel! Aber zusammen mit Freunden, das ging und geht jederzeit.<\/p>\n<p>Alexandre Rabinovitch geh\u00f6rte jahrelang zu ihren bevorzugten Partnern auf dem Podium wie im Aufnahmestudio. F\u00fcr den ersten Teil waren Olivier Messiaens grandiose \u201eVisions de L\u2019Amen\u201c f\u00fcr zwei Klaviere angek\u00fcndigt \u2013 er mit dem Primo-, sie mit dem Secondo-Part.<\/p>\n<p>Nun geh\u00f6ren Auftrittszeremonien gewiss nicht zu Argerichs bevorzugten Momenten des K\u00fcnstlerinnendaseins. So rasch es ihr m\u00f6glich ist, eilt sie zum Fl\u00fcgel, um endlich anzufangen. Und so war sie auch diesmal im Nu sprungbereit, wollte endlich den ersten Akkord spielen.<\/p>\n<p>Doch er? Alexandre Rabinovitch musste erst umst\u00e4ndlich seinen Hocker zurechtr\u00fccken und ihn einsitzen. Als es endlich schien, er sei zufrieden, signalisierte sie sofort wieder ihre Bereitschaft. Doch nun schien er erst recht unzufrieden, begann herumzuschrauben und die Sitzh\u00f6he zu verstellen. Argerich nahm nochmals die H\u00e4nde von den Tasten. Und ihr ironisches Augenrollen, durch ein sanftes L\u00e4cheln abgemildert, am\u00fcsiert mich noch heute.<\/p>\n<p>Zeitsprung, Szenenwechsel. Ein Reel auf Instagram zeigt einen Burschen in Leiberl, kurzen Hosen und Badeschlapfen. So weit, so gew\u00f6hnlich \u2013 aber: Er sitzt am Klavier, Orchester und Dirigent hinter sich. Zusammen probt man den irrlichternden Prestissimo-Teil aus dem zweiten Satz von Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert. Und wie! Diese stupende Lockerheit der H\u00e4nde und Finger, dieser ballettgleiche Tanz \u00fcber die Tasten \u2013 das kennt man doch? \u201edavidchen.official\u201c hei\u00dft der Account, doch was wie eine Koseform wirkt, ist doch der volle Name des jungen Mannes, Jahrgang 2008: David Chen hei\u00dft der mittlerweile international gefragte junge Pianist. Er ist der Sohn des Komponisten Vladimir Sverdlov-Ashkenazy und der Bratscherin und Juristin Lyda Chen-Argerich. Also Martha Argerichs Enkel.<\/p>\n<p>Argerich als Kind, Argerich und die Kinder: ein enorm weites Bet\u00e4tigungsfeld f\u00fcr biographische und k\u00fcchenpsychologische Untersuchungen. \u201eArgerich \u2013 Bloody Daughter\u201c (2012), die Doku, die ihre j\u00fcngste Tochter gedreht hat, die Regisseurin und Produzentin St\u00e9phanie Argerich, holt einiges aus der Vergangenheit der gro\u00dfen Pianistin und ihrem Familienleben ans Licht. Einem Familienleben, das sich \u00fcberwiegend in einer chaotisch-boh\u00e8mienhaften Musiker-WG in einem gro\u00dfen, ehemaligen Waisenhaus in Genf abspielte, mit wechselnden Partnern, vielen hier absteigenden Freunden und Kolleginnen, zwei der drei T\u00f6chtern, vier Klavieren, 18 Katzen \u2013 und ohne die Kindsv\u00e4ter.<\/p>\n<p>Schon ihre eigene Kindheit verlief ungew\u00f6hnlich. 1941 in Buenos Aires geboren, gewann das Wunderkind  bald namhafte internationale Wettbewerbe und studierte auch in Wien bei Friedrich Gulda, einem Mentor und lebenslangen Freund, nachdem ihre Familie 1955 nach Europa gegangen war. <\/p>\n<p>Doch dann kam der gef\u00fcrchtete Knick. Von Selbstzweifeln gequ\u00e4lt, wollte sie mit Anfang zwanzig das Klavier durch die Schreibmaschine einer Sekret\u00e4rin ersetzen. Au\u00dferdem wurde sie schwanger. Die Ehe mit dem werdenden Vater, dem chinesischen Dirigenten Robert Chen, war aber schon nach wenigen Wochen wieder vorbei \u2013 ihrer Erinnerung nach, weil sie barfu\u00df Brotkr\u00fcmel mit ins Ehebett gebracht habe. Die Tochter Lyda kam in Genf zur Welt und wuchs bei ihrem Vater auf. <\/p>\n<p>Martha aber gelang ein gl\u00e4nzender pianistischer Neuanfang, besiegelt durch den 1. Preis beim Chopin-Wettbewerb 1965. Aus ihrer f\u00fcnfj\u00e4hrigen Ehe mit dem Dirigenten Charles Dutoit stammt die zweite Tochter, die Schauspielerin Annie. Mit dem Pianisten Stephen Kovacevich, dem Vater ihrer dritten Tochter, war sie nicht verheiratet. Per Los entschieden die Eltern, von wem ihr Kind den Vornamen und von wem den Nachnamen bekommen sollte: St\u00e9phanie Argerich.<\/p>\n<p>Einer, der Martha Argerich als Mensch und K\u00fcnstlerin schon sehr lang kennt und liebt, ist der Pianist und Kulturmanager Rico Gulda, Friedrich Guldas Sohn aus zweiter Ehe. \u201eEinerseits ist sie eine extrem treue Seele: Mit ihren langj\u00e4hrigen musikalischen Partnern w\u00fcrde sie bis zum j\u00fcngsten Tag auftreten. Andererseits war und ist sie immer von jungen Leuten umgeben und aufrichtig begeistert vom Talent vieler junger Pianistinnen und Pianisten. Sie unterrichtet ja nicht, aber f\u00f6rdert sie durch Einladungen zu ihren Festivals und gemeinsame Auftritte. Aus diesen Begegnungen zieht sie auch immer neue Energie, sie interessiert sich f\u00fcr Klatsch und Tratsch, f\u00fcr wer mit wem, f\u00fcr alles.\u201c Mit Rico und seinem \u00e4lteren Halbbruder Paul Gulda hat sie etwa Mozarts Konzert f\u00fcr drei Klaviere KV 242 aufgef\u00fchrt. Aber nicht mit ihr in der f\u00fchrenden Rolle: \u201eNein, Paul musste das 2. Klavier spielen, weil das technisch am anspruchsvollsten ist, ich das 1., und sie selbst begn\u00fcgte sich mit dem einfachsten, dem 3.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAls junger Pianist denkst du: Gott, wie werden die Proben sein, bin ich gut genug?\u201c, erz\u00e4hlt Rico Gulda. \u201eUnd dann kommt sie \u2013 und ist herzallerliebst und anpassungsfreudig, v\u00f6llig egobefreit und fern von Karrieredenken. Wenn sie sich mit zu vielen Auftritten mit jungen Leuten \u00fcbernommen hat und eine Pause braucht, dann kann es sein, dass sie auch der Carnegie Hall absagt. Da gibt es keinerlei D\u00fcnkel.\u201c<\/p>\n<p>Eine Geschichte ist ihm in besonderer Erinnerung. Es war 1990, Martha Argerich spielte im Musikverein mit Claudio Abbado Ravels G-Dur-Konzert. F\u00fcr danach war ein gro\u00dfer Tisch bestellt. \u201eAber man muss wissen, dass Martha extrem langsam zu Fu\u00df ist. Immer bleibt sie im Gespr\u00e4ch stehen, legt den Kopf schief, denkt nach. Deshalb sind wir, also sie, ihre Tochter Annie und ich, erst mit erheblicher Versp\u00e4tung ins Lokal gekommen. Mischa Maisky und Gidon Kremer waren da, nat\u00fcrlich Dr. Angyan vom Musikverein und der Produzent der DG. Sie hatten ihr einen Platz freigehalten, gegen\u00fcber von Claudio. Aber anstatt sich hinzusetzen, hat sie sich etwas hilflos und verlegen umgesehen, und meinte schlie\u00dflich: \u201aNo, I want to sit with the children.\u2018 Und dann\u201c, schmunzelt Rico Gulda, \u201ehaben wir uns an einen eigenen Tisch gesetzt. Und alle f\u00fcnf Minuten kam jemand von den Granden zum Plaudern zu ihr.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es war am 5. April 1999, als ich Martha Argerich zum ersten Mal live spielen h\u00f6rte. 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