{"id":7882,"date":"2026-02-23T07:33:08","date_gmt":"2026-02-23T07:33:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/7882\/"},"modified":"2026-02-23T07:33:08","modified_gmt":"2026-02-23T07:33:08","slug":"robert-menasse-die-lebensentscheidung-europa-im-angesicht-des-endes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/7882\/","title":{"rendered":"Robert Menasse: Die Lebensentscheidung \u2013 Europa im Angesicht des Endes"},"content":{"rendered":"<p class=\"para_2 \">\n    Fiala trifft eine Entscheidung. Fr\u00fchpension. Schluss mit der Kommission. Noch im ersten Satz nennt er sie eine \u201eLebensentscheidung\u201c. Das Wort tr\u00e4gt Pathos \u2013 und Menasse wei\u00df das. Der Begriff wirkt wie eine Selbst\u00fcberh\u00f6hung, ein rhetorischer Halt inmitten von Frustration.\n  <\/p>\n<p>    Der Geruch der Politik<\/p>\n<p class=\"para_3 \">\n    Fiala hat am Green Deal mitgearbeitet, an der Vision eines \u00f6kologischen Umbaus. Dann kommen die Traktoren. Mist auf der Rue de la Loi. Jauche, brennende Reifen, Stille. Die politische Realit\u00e4t kippt, und mit ihr das Selbstbild eines Mannes, der glaubte, an etwas Besserem zu arbeiten.\n  <\/p>\n<p class=\"para_4 \">\n    Menasse schildert diese Szene nicht als Essay, sondern als Geruch. Der Gestank dringt ins B\u00fcro. Die Fenster lassen sich nicht ganz \u00f6ffnen \u2013 eine Folge fr\u00fcherer Selbstmorde im Haus. Institutionelle Architektur als Sediment vergangener Krisen. Europa erscheint hier nicht als Idee, sondern als verletzliche Maschinerie.\n  <\/p>\n<p>    Von Br\u00fcssel nach Wien<\/p>\n<p class=\"para_5 \">\n    Fiala fliegt nach Wien, zum 89. Geburtstag seiner Mutter. Im Flugzeug ger\u00e4t die Maschine in ein Hagelunwetter. Turbulenzen. Panik. Ein Baby schreit. Eine Frau sagt: \u201eEs kann nicht sein.\u201c Und Fiala, im Moment vermeintlicher Todesn\u00e4he, empfindet etwas wie Einverst\u00e4ndnis. Kein heroischer Gedanke, keine letzte Botschaft. Ein kurzes, fast befreiendes Lachen im Angesicht des Endes.\n  <\/p>\n<p class=\"para_6 \">\n    Hier kippt der Text. Die politische Lebensentscheidung wird von einer existenziellen \u00fcberlagert.\n  <\/p>\n<p>    Die Mutter, der Krebs und der Wettlauf<\/p>\n<p class=\"para_7 \">\n    In Wien sieht Fiala seine Mutter im grellen Licht ihrer kleinen Wohnung. Ein \u201ezerzauster Spatz\u201c. Der Gedanke trifft ihn hart: \u201eSie wird es nicht mehr lange machen.\u201c Kurz darauf stirbt Onkel Fritz. Aufl\u00f6sungserscheinungen \u00fcberall.\n  <\/p>\n<p class=\"para_8 \">\n    Dann die Diagnose: Bauspeicheldr\u00fcsenkrebs. Die eigentliche Lebensentscheidung ist nicht der Ruhestand. Sie lautet: die Mutter \u00fcberleben. Ihr ersparen, am Grab des Sohnes zu stehen. Ein \u00dcberlebenswettkampf beginnt.\n  <\/p>\n<p>    Literarische Spiegelung<\/p>\n<p class=\"para_9 \">\n    In der Wohnung der Mutter findet Fiala einen Band \u201eDeutsche Novellen. Von Goethe bis Grass\u201c. Er liest eine Erz\u00e4hlung von Franz Werfel. Darin plant Karl Fiala seinen Tod, um seiner Familie finanzielle Sicherheit zu verschaffen. Zwei Fialas. Zwei Wettl\u00e4ufe mit der Zeit.\n  <\/p>\n<p class=\"para_10 \">\n    Literatur spiegelt Leben. Die Novelle verweist auf ihre eigene Tradition \u2013 leise, ohne didaktische Markierung.\n  <\/p>\n<p>    Europa als Denkform<\/p>\n<p class=\"para_11 \">\n    Ist das Menasses Abschied von Europa? Eher nicht. Die EU ist hier nicht Hauptfigur, sondern Kontext. Entscheidend ist die Verschiebung vom System zum K\u00f6rper. B\u00fcrokratie, Krankheit, Tod \u2013 drei Formen von Verwaltung. Die eine regelt Umweltauflagen, die andere Zellteilungen, die dritte Lebenszeit.\n  <\/p>\n<p class=\"para_12 \">\n    Europa erscheint nicht als Allegorie der kranken Mutter. Diese Lesart w\u00e4re zu glatt. Es erscheint als Raum, in dem \u00dcberzeugungen entstehen \u2013 und zerbrechen k\u00f6nnen.\n  <\/p>\n<p>    Ambivalenz statt Mission<\/p>\n<p class=\"para_13 \">\n    Die Figur der Felicitas wirkt als Gegenstimme. Sie glaubt ihm nicht. Weder sein Einverst\u00e4ndnis mit dem Tod noch seinen Abgesang auf die Politik. Die Novelle l\u00e4sst Widerspruch zu. Sie argumentiert nicht, sie inszeniert.\n  <\/p>\n<p class=\"para_14 \">\n    Menasses Sprache bleibt kontrolliert. Kein Pathos, obwohl das Material es herg\u00e4be. Die st\u00e4rksten Szenen sind die stillen: das B\u00fcro als \u201eStillleben. Totenstill.\u201c; die Post-its an der T\u00fcr, die ein ganzes Arbeitsleben in gelben Zetteln kondensieren.\n  <\/p>\n<p>    Was bleibt<\/p>\n<p class=\"para_15 \">\n    Am Ende bleibt keine gro\u00dfe These. Nur ein Mann, der seine Mutter nicht allein lassen will. Und eine Institution, die ohne ihn weiterl\u00e4uft. Europa braucht keine Helden. Aber vielleicht braucht es Menschen, die trotz allem bleiben wollen.\n  <\/p>\n<p class=\"para_16 \">\n    Und die eigentliche Lebensentscheidung ist vielleicht nicht der R\u00fcckzug, sondern das Aushalten.\n  <\/p>\n<p>    \u00dcber den Autor: Robert Menasse<\/p>\n<p class=\"para_17 \">\n    Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren und wuchs dort auf. Er studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. 1980 promovierte er mit einer Arbeit \u00fcber den \u201eTypus des Au\u00dfenseiters im Literaturbetrieb\u201c.\n  <\/p>\n<p class=\"para_18 \">\n    Anschlie\u00dfend lehrte er sechs Jahre an der Universit\u00e4t S\u00e3o Paulo, zun\u00e4chst als Lektor f\u00fcr \u00f6sterreichische Literatur, sp\u00e4ter als Gastdozent am Institut f\u00fcr Literaturtheorie. Dort hielt er vor allem Lehrveranstaltungen \u00fcber philosophische und \u00e4sthetische Theorien ab.\n  <\/p>\n<p class=\"para_19 \">\n    Seit seiner R\u00fcckkehr aus Brasilien 1988 lebt Menasse \u00fcberwiegend in Wien als Schriftsteller und kulturkritischer Essayist. Mit dem Roman \u201eDie Hauptstadt\u201c gewann er 2017 den Deutschen Buchpreis. Die Auseinandersetzung mit Europa bildet seither einen zentralen Schwerpunkt seines literarischen und essayistischen Werks.\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Fiala trifft eine Entscheidung. Fr\u00fchpension. Schluss mit der Kommission. 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