{"id":81619,"date":"2026-04-03T09:26:11","date_gmt":"2026-04-03T09:26:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/81619\/"},"modified":"2026-04-03T09:26:11","modified_gmt":"2026-04-03T09:26:11","slug":"homosexualitaet-kunst-in-der-ddr-queer-nur-im-verborgenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/81619\/","title":{"rendered":"Homosexualit\u00e4t &#038; Kunst in der DDR: Queer nur im Verborgenen"},"content":{"rendered":"<p>Queere Lebensrealit\u00e4ten in der DDR sind bis heute kaum erforscht. Obwohl der Staat Homosexualit\u00e4t bereits 1968 entkriminalisierte, blieben offen queere Identit\u00e4ten gesellschaftlich tabuisiert und politisch heikel. <\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">&#8222;Queer\u201d wurde in der DDR nicht verwendet. Worte wie &#8222;schwul&#8220; oder &#8222;lesbisch&#8220; waren oft negativ besetzt. Viele Frauen verstanden sich vor allem als Feministinnen. Heute dient &#8222;queer\u201d als Sammelbegriff f\u00fcr sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentit\u00e4ten, die nicht der gesellschaftlichen Norm von Heterosexualit\u00e4t und Zweigeschlechtlichkeit entsprechen. <\/p>\n<p>Wer sein Queer-Sein nicht thematisierte, hatte wenig zu bef\u00fcrchten. Unter welchen Bedingungen queere Kulturschaffende arbeiteten, wie Zensur und Materialmangel ihre Kunst pr\u00e4gte und warum viele ihrer Werke erst jetzt neu entdeckt werden.<\/p>\n<p>Die DDR schaffte den Paragrafen 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, 1968 offiziell ab. Die Bundesrepublik erst 1994. Somit erschien die DDR auf dem Papier liberaler als die Bundesrepublik. In der Praxis hing der Alltag queerer Kulturschaffender jedoch stark von ihrer Sichtbarkeit und ihrem Umfeld ab.<\/p>\n<p>Einige berichten von einem vergleichsweise unkomplizierten Leben: Der schwule Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss etwa beschreibt, dass seine Homosexualit\u00e4t w\u00e4hrend seiner Zeit am Schauspiel Dresden ebenso wenig thematisiert wurde wie seine Hautfarbe. <\/p>\n<p>Queere Kulturschaffende konnten im offiziellen Kunstbetrieb arbeiten, wenn ihre sexuelle Identit\u00e4t in ihren Werken nicht sichtbar wurde und sie die \u00e4sthetischen Vorgaben des Sozialistischen Realismus\u2019 erf\u00fcllten. Wer Mitglied im Verband Bildender K\u00fcnstler (VBK) war und staatliche Themen bediente, erhielt Auftr\u00e4ge, Material und berufliche Sicherheit.<\/p>\n<p>Beispiele hierf\u00fcr sind Erika St\u00fcrmer-Alex, die ab 1971 mit einer Frau lebte und dennoch regelm\u00e4\u00dfig Kunst-am-Bau-Projekte realisierte, oder J\u00fcrgen Wittdorf, der offiziell Wandteller gestaltete und Zeichenkurse f\u00fcr die Volkspolizei gab, w\u00e4hrend seine homoerotischen Arbeiten privat blieben.<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Collage u\u0308ber \u201eRussisches Kloster\u201c (Postkarte), 1982 15 x 10 cm verschiedene Papiere\" alt=\"Collage u\u0308ber \u201eRussisches Kloster\u201c (Postkarte), 1982 15 x 10 cm verschiedene Papiere\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/erika-stuermer-alex-100-autox1440.jpg\" \/><\/p>\n<p>Erika St\u00fcrmer-Alex&#8216; Collage u\u0308ber \u201eRussisches Kloster\u201c (Postkarte), 1982\u00a9 Erika St\u00fcrmer-Alex und KVOST, Berlin<\/p>\n<p>Abseits staatlicher Strukturen schufen K\u00fcnstlerinnen wie Gabriele St\u00f6tzer und die K\u00fcnstlerinnengruppe Erfurt mit Performances, Fotografien und Super-8-Filmen eigene Freir\u00e4ume. Doch diese Spielr\u00e4ume hatten klare Grenzen. <\/p>\n<p>Trotz der fr\u00fchen Entkriminalisierung galt offen gelebte Queerness gesellschaftlich weiterhin als Tabu. So mussten queere Menschen mit beruflichen Nachteilen rechnen, wenn ihre sexuelle Identit\u00e4t \u00f6ffentlich wurde \u2013 etwa mit dem Verlust eines Studienplatzes, einer Degradierung oder Schwierigkeiten im Staatsdienst und Milit\u00e4r.<\/p>\n<p>Wer sein Queer-Sein in seinem k\u00fcnstlerischen Schaffen ausdr\u00fccken wollte, traf auf enge Grenzen: Es fehlten Vorbilder, Treffpunkte und Publikationen, wie die Dokumentarfilmerin Barbara Wallbraun berichtet.<\/p>\n<p>Weil viele queere Kulturschaffende nicht im staatlichen Verband organisiert waren, mussten sie einem anderen Beruf nachgehen und hatten nur schwer Zugang zu professionellen Materialien. Die Kunsthistorikerin Susanne Altmann beschreibt, dass einige K\u00fcnstlerinnen deshalb auf Ersatzmaterialien wie Erdbeerfolie, Karton oder bemalte M\u00f6belst\u00fccke auswichen.<\/p>\n<p>Queere Themen waren politisch heikel. DDR-Kultregisseur Heiner Carow, bekannt durch den Film \u201cPaul und Paula\u201d, konnte den Film \u201eComing Out\u201c nur drehen, weil er die Zensurbeh\u00f6rden \u00fcberzeugte, dass schwule Geschichte mit sozialistischer Geschichte verkn\u00fcpft sei. \u201eComing Out\u201c ist der einzige Spielfilm der DDR, der Homosexualit\u00e4t offen thematisierte. Kritische Szenen, z. B. eine Polizeirazzia in einer queeren Bar, wurden gestrichen.<\/p>\n<p>Queere Biografien und queere k\u00fcnstlerische Ausdrucksformen in der DDR sind bisher wenig erforscht. Erst heute wird queere Kunst als wichtiger Teil der ostdeutschen Kunstgeschichte erkannt. Werke von Gabriele St\u00f6tzer fanden 2023 Eingang in gro\u00dfe Sammlungen wie das St\u00e4del Museum.<\/p>\n<p>Hauptwerke der K\u00fcnstlerin Erika St\u00fcrmer-Alex lagerten bis weit in die 2010er-Jahre unbeachtet in Privatwohnungen, weil es kein museales Interesse gab. <\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Erika St\u00fcrmer-Alex, Stillleben mit Kopf, 1982 107 x 149,50 cm Latex auf Nessel\" alt=\"Erika St\u00fcrmer-Alex, Stillleben mit Kopf, 1982 107 x 149,50 cm Latex auf Nessel\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/erika-stuermer-alex-102-1280xauto.jpg\" \/><\/p>\n<p>Erika St\u00fcrmer-Alex: &#8222;Stillleben mit Kopf&#8220;, 1982 \u00a9 Kunstsammlung der Berliner Volksbank und KVOST, Berlin<\/p>\n<p>Internationale Institutionen wie das Getty Research Institute oder das MoMA in den USA zeigten sich fr\u00fcher offen f\u00fcr diese Kunst als deutsche Museen und entwickelten eigene Forschungs- und Ausstellungsprogramme dazu. <\/p>\n<p>Der Film \u201cComing Out\u201c bekam auf der Berlinale 1990 den Silbernen B\u00e4ren und hatte international Wirkung: Er lief weltweit auf Festivals, darunter in Los Angeles. Gleichzeitig musste die erste Generation queerer Filmschaffender nach der Wende berufliche R\u00fcckschl\u00e4ge hinnehmen. Schauspieler wie Matthias Freihof und Dirk Kummer galten vielen Castingdirektoren als \u201ezu schwul\u201c, was ihre Karrieren zun\u00e4chst erschwerte. Freihof etablierte sich sp\u00e4ter im Theater und Fernsehen, w\u00e4hrend Kummer als Regisseur Fu\u00df fasste. <\/p>\n<p>F\u00fcr DDR-Kultregisseur Heiner Carow blieb \u201cComing Out\u201d der letzte H\u00f6hepunkt seiner Karriere. Nach der Wende wurde er auf Fernsehproduktionen reduziert und starb 1997. Weitere Vorf\u00fchrungen von \u201cComing Out\u201d fanden in neuerer Zeit (2016\/17) in Georgien und Russland statt. <\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">&#8222;Queere Kunst in der DDR?\u00a0Biografien zwischen Underground und Propaganda&#8220;\u00a0<br \/>Sa, 28.3. \u2013 So, 28.6.26\u00a0<br \/>Ort: KVOST,\u00a0nGbK, Mitte Museum, Werkbundarchiv \u2013 Museum der Dinge <br \/>Eintritt: frei<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Queere Lebensrealit\u00e4ten in der DDR sind bis heute kaum erforscht. Obwohl der Staat Homosexualit\u00e4t bereits 1968 entkriminalisierte, blieben&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":81620,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26],"tags":[158,157,46,42,3072,159,147,31122,31121,31123,161,160,2886,31120,44,27491,12612,148],"class_list":{"0":"post-81619","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art","9":"tag-art-and-design","10":"tag-at","11":"tag-austria","12":"tag-ddr","13":"tag-design","14":"tag-entertainment","15":"tag-erika-stuermer-alex","16":"tag-gabriele-stoetzer","17":"tag-juergen-wittdorf","18":"tag-kunst","19":"tag-kunst-und-design","20":"tag-kuenstler","21":"tag-lesbisch","22":"tag-oesterreich","23":"tag-queer","24":"tag-schwul","25":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116340063478376195","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81619","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=81619"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81619\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/81620"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=81619"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=81619"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=81619"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}