{"id":87064,"date":"2026-04-06T14:41:07","date_gmt":"2026-04-06T14:41:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/87064\/"},"modified":"2026-04-06T14:41:07","modified_gmt":"2026-04-06T14:41:07","slug":"thielemann-und-netrebko-in-berlin-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/87064\/","title":{"rendered":"Thielemann und Netrebko in Berlin \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Liturgisch passend, vermittelte Thielemann z\u00fcgig und in lyrischer Grundstimmung am Karfreitag mit dem \u201eDeutschen Requiem\u201c in Berlin die tr\u00f6stliche Botschaft der von Brahms als Textgrundlage gew\u00e4hlten Bibelworte: Alle irdische M\u00fchsal f\u00fchrt letztlich zu Gott. \u201eSelig sind, die da Leid tragen\u201c, der erste Satz, f\u00fchrte ohne Leidens-Pathos, aber mit starkem Bass-Fundament und subtil zur\u00fcckgenommener Dynamik zum schauerlichen Crescendo des Leichenzugs im Dreiertakt: \u201eDenn alles Fleisch, es ist wie Gras\u201c, dessen Intensit\u00e4t auf dem H\u00f6hepunkt gegen Ende des Satzes f\u00f6rmlich zu explodieren schien.<\/p>\n<p>Entschleunigt daraufhin Samuel Hasselhorns psalmodierende Rezitation, \u201eHerr lehre mich doch, dass ein Ende mit mir haben muss\u201c, ersch\u00fctternd, aber mit Hoffnung auf Tr\u00f6stung. Kraftvoll, in moderaten Dynamik- und Tempowechseln der wortdeutliche Chor. Der strahlend klare Sopran Nicola Hillebrands lie\u00df \u201eIhr habt nun Traurigkeit\u201c mit glasklaren Spitzent\u00f6nen zum solistischen H\u00f6hepunkt werden, hoch emotional auch in den von Thielemann mit h\u00f6chster Piano-Kultur gestalteten Beschw\u00f6rung des \u201eWiedersehens\u201c, dem der Chor sein gehauchtes \u201eIch will euch tr\u00f6sten, wie einen seine Mutter tr\u00f6stet\u201c entgegensetzte.<\/p>\n<p>Brahms\u2019 Intention, den sechsten Satz zum eindringlichen H\u00f6henpunkt zu steigern, folgte Thielemann nur zu gern. Das \u201eDies irae\u201c dieser Totenmesse kulminierte mit \u201eTod wo ist dein Stachel, H\u00f6lle wo ist dein Sieg\u201c in dynamischen Spitzen, ehe der Schlusschor, \u201eSelig sind die Toten\u201c die lyrische Intensit\u00e4t des Eingangssatzes wieder aufnahm, bei noch st\u00e4rker reduzierter Dynamik, fast im Raum schwebend \u00fcber dezent hervorgehobenen Harfent\u00f6nen.<\/p>\n<p>Tags darauf, nur solid dirigiert von Enrique Mazzola, eine Neu-Produktion von Verdis \u201eBallo in maschera\u201c, dessen Regie einen Buh-Orkan erntete, denn Rafael Villalobos l\u00e4sst Verdis Oper zwar in den USA spielen, allerdings in den 1980ern, in einem grauen trostlosen Raum (Emanuele Sinisis), und reiht einen kruden Regie-Gag an den andern, von der Umdeutung des Pagen Oscar zum Transgender-Sohn von Amelia und Renato bis zum besoffenen, verkoksten Richter (gekonnt niveaulos Junho Hwang!) und gezielter optischer Unruhe w\u00e4hrend beider Amelia-Arien. Das Black-Facing bei der Rolle der Ulrica vermied Villalobos durch Spaltung der Rolle in eine wei\u00dfe S\u00e4ngerin, Anna Kissjudit (mit fast furchterregender, durchschlagskr\u00e4ftiger Alt-Tiefe), und eine stumme farbige Schauspielerin.<\/p>\n<p>Doch sobald Anna Netrebko erschien, war aller Regie-Unfug vergessen: Die Stimme, deutlicher nachgedunkelt als gewohnt, stellenweise mit\u00a0Mezzo-Timbre, was ihren dramatischen Ausdruck ungemein verst\u00e4rkte. Brillant die ansatzlosen Spr\u00fcnge in die h\u00f6chste Sopranlage und m\u00fchelos schwebend die charakteristisch glasklaren Piani, inklusive gehauchter, dennoch raumf\u00fcllender Decrescendi. Zur Charakterisierung der Amelia nutzte Netrebko starke Kontraste. Beide Arien gelangen schlichtweg hinrei\u00dfend, wuchtig emotional, dann wieder mit tiefem Pathos und makelloser ruhiger Stimmf\u00fchrung.<\/p>\n<p>F\u00fcr Ludovic Tezier war Amartuvshin Enkhbat als Renato eingesprungen und meisterte die emotionale Achterbahnfahrt dieser Partie auch ohne wesentliche Probenarbeit erfolgreich, nicht nur dank seines m\u00e4chtigen, dunkel timbrierten Baritons, sondern auch mit ausgepr\u00e4gtem musikalischen Instinkt f\u00fcr Verdis Kantilenen.<\/p>\n<p>Charles Castronovo\u00a0setzte als heldischer Riccardo mit breit metallisch timbrierter Stimme und sicher in den h\u00f6heren Lagen routiniert die rechten vokalen Akzente, am \u00fcberzeugendsten, mitgerissen von Anna Netrebko, im Liebesduett und in der Sterbeszene.<\/p>\n<p>Am Sonntag wirkte dann der \u201eRosenkavalier\u201c dank Thielemann und dem Damen-Trio Julia Kleiter, Patrizia Nolz und Nicola Hillebrand kurzweilig wie selten.\u00a0Kleiter hat sich seit ihrem Rollendeb\u00fct 2022 zu einer der weltbesten Marschallinnen entwickelt, reflektiert mit vokaler Leichtigkeit, aber emotionalem Tiefgang \u00fcber Zeit und Verg\u00e4nglichkeit. Sie beherrscht das herausfordernde Parlando so m\u00fchelos wie alle Spitzent\u00f6ne und Legato-B\u00f6gen.<\/p>\n<p>Patricia Nolz gab einen ruhigen, stets\u00a0konzentriert wirkenden Oktavian, mit schlank gef\u00fchrtem, gro\u00dfem Mezzosopran und ausgepr\u00e4gtem Gesp\u00fcr f\u00fcr Klangfarben. Nikola Hillebrands anmutig naive Sophie bestach durch strahlende H\u00f6hen. Peter Rose lieferte einen \u201ebauernschlauen\u201c, ziemlich heruntergekommenen Landadeligen, mit einer nicht mehr so profunden Bass-Stimme, aber mit gro\u00dfem kom\u00f6diantischen Instinkt, Roman Trekel den nerv\u00f6sen Faninal, Christa Mayer eine sonore Annina, die den Baron Ochs sehr kom\u00f6diantisch hinters Licht f\u00fchrt, und Karl-Michael Ebner den umtriebigen Valzacchi.\u00a0<\/p>\n<p>Thielemann g\u00f6nnte sich, nachdem er einen Abend lang Strauss\u2018 nuancen- und variantenreiche Verkn\u00fcpfung von Text und Musik kongenial modelliert hatte, vor dem Schluss-Terzett eine lange Generalpause, bevor sein hemmungslos emotionales Orchesterklangbild mit den Damenstimmen fast sph\u00e4rische Dimensionen erreichte. Das Publikum jubelte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Liturgisch passend, vermittelte Thielemann z\u00fcgig und in lyrischer Grundstimmung am Karfreitag mit dem \u201eDeutschen Requiem\u201c in Berlin die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":87065,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22],"tags":[46,42,147,805,44,148],"class_list":{"0":"post-87064","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-unterhaltung","8":"tag-at","9":"tag-austria","10":"tag-entertainment","11":"tag-oper","12":"tag-oesterreich","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116358288774876047","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87064","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87064"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87064\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/87065"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87064"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87064"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87064"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}