{"id":88855,"date":"2026-04-07T14:31:16","date_gmt":"2026-04-07T14:31:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/88855\/"},"modified":"2026-04-07T14:31:16","modified_gmt":"2026-04-07T14:31:16","slug":"warum-ein-regimewechsel-sehr-unwahrscheinlich-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/88855\/","title":{"rendered":"Warum ein Regimewechsel sehr unwahrscheinlich ist"},"content":{"rendered":"<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Ein Mann s\u00e4ubert ein Plakat auf dem v.l. Ayatollah Ruhollah Chomeini, Ali Chamenei und Modschtaba Chamenei zu sehen sind.\" alt=\"Ein Mann s\u00e4ubert ein Plakat auf dem v.l. Ayatollah Ruhollah Chomeini, Ali Chamenei und Modschtaba Chamenei zu sehen sind.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/mullahs-iran-ruhollah-chomeini-ali-chamenei-modschtaba-plakat-100-1920x1080.jpg\" \/><\/p>\n<p>                  Wenn es nach den USA, Israel und vielen Menschen im Iran geht, wird diese Reihe der obersten F\u00fchrer nicht fortgesetzt (imago \/ ZUMA Press \/ Basit Zargar)<\/p>\n<p>Seit dem 28. Februar greifen die USA und Israel den Iran an. Als Kriegsziele werden vor allem zwei genannt: die Zerst\u00f6rung des Nuklearwaffenprogramms und das Ende der Herrschaft der Mullahs. Doch nach einem Regimewechsel sieht es im Moment nicht aus. Stattdessen leidet die iranische Zivilbev\u00f6lkerung unter dem in gro\u00dfen Teilen der Gesellschaft verhassten Klerus und der Revolutionsgarde sowie unter den Luftangriffen. Eine Strategie f\u00fcr die Zukunft des Irans ist jedoch weder bei den USA noch bei Israel erkennbar.<\/p>\n<p>Das iranische Regime hat sich bereits seit Langem auf das aktuelle Szenario vorbereitet. Das sei offensichtlich, sagt D\u00e9sir\u00e9e Reder vom Leibniz-Institut f\u00fcr Globale und Regionale Studien (GIGA). In Teheran wurden bereits Nachfolger f\u00fcr die F\u00fchrungsebenen bestimmt. Die Ernennung von Ali Chameneis Sohn Modschtaba zum Obersten F\u00fchrer sei ein Zeichen von Kontinuit\u00e4t. <\/p>\n<p>Ein weiterer Faktor sind die Revolutionsgarden, die nicht nur finanziell vom Erhalt des Regimes profitieren. Reder sch\u00e4tzt, dass die Einheiten selbst im Falle einer vollst\u00e4ndigen Ausl\u00f6schung der religi\u00f6sen F\u00fchrung an der Macht blieben. Zudem m\u00fcsste die Revolutionsgarde bei einem Umsturz mit \u00f6konomischen und rechtlichen Konsequenzen rechnen.<\/p>\n<p>Der Islamwissenschaftler und stellvertretende BSW-Bundesvorsitzende Michael L\u00fcders ist der Meinung, dass sich das Regime noch sehr lange halten k\u00f6nne. Es sei gut vorbereitet und k\u00f6nne den Krieg \u00fcber Jahre fortf\u00fchren. Es sei Wunschdenken, das System mit Bomben zu destabilisieren und einen Aufstand auszul\u00f6sen. <\/p>\n<p>                        Regierungswechsel oder Regimewechsel?<\/p>\n<p>In der \u00f6ffentlichen Debatte wird Regimewechsel \u2013 englisch: regime change \u2013 oft f\u00e4lschlicherweise mit Regierungswechsel gleichgesetzt, betont D\u00e9sir\u00e9e Reder. Die Forscherin am Leibniz-Institut f\u00fcr Globale und Regionale Studien (GIGA) erl\u00e4utert: Regime bezeichnet das Herrschaftssystem mit all seinen Institutionen und internen Regeln, etwa ob und wie gew\u00e4hlt wird. Ein Regierungswechsel bedeutet jedoch nicht zwingend einen Regimewechsel. Ein Regimewechsel bezeichnet hingegen den Austausch der gesamten herrschenden politischen Ordnung. <\/p>\n<p>Ganz im Gegenteil f\u00fchrten die Angriffe auf zivile Ziele zu Emp\u00f6rung und Wut. Perspektivisch k\u00f6nne es sogar dazu kommen, dass sich Menschen deswegen mit dem System solidarisieren. L\u00fcders vermutet, dass der Krieg die Herrschaft des Regimes um mindestens eine Generation verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p>Elmira Rafizadeh sieht das anders. Die Schauspielerin steht im Austausch mit Angeh\u00f6rigen und Freunden im Iran. Es g\u00e4be viele Stimmen, die den Krieg in Kauf n\u00e4hmen, so Rafizadeh, wenn damit das Regime gest\u00fcrzt werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Die Politologin Diba Mirzaei und die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur verweisen auf Sch\u00e4tzungen. Demnach w\u00fcrden 80 bis 90 Prozent der Bev\u00f6lkerung einen Systemsturz begr\u00fc\u00dfen. Allerdings reichten zehn bis f\u00fcnfzehn Prozent milit\u00e4risch und wirtschaftlich starke Regimeanh\u00e4nger aus, um die Gesellschaft zu unterdr\u00fccken, so Amirpur. <\/p>\n<p>Amirpur h\u00e4lt Aufrufe von au\u00dfen an die iranische Bev\u00f6lkerung, das Regime zu st\u00fcrzen, w\u00e4hrend ihnen Bomben auf den Kopf fallen, f\u00fcr naiv und arrogant. Zwar sei das Regime geschw\u00e4cht, es habe aber immer noch eine Million M\u00e4nner unter Waffen, die den Widerstand lange unterdr\u00fccken k\u00f6nnten. <\/p>\n<p>Lediglich aufkommende Risse im Sicherheits- und Machtapparat w\u00fcrden es dem Regime schwer machen, langfristig an der Macht zu bleiben, sagt Mirzaei. Deswegen versuche es, diese mit der Mobilisierung der eigenen Leute zu verhindern und Einheit zu demonstrieren. <\/p>\n<p>Selbst wenn die Herrschaft der Mullahs durch die Revolutionsgarde und die Armee ersetzt w\u00fcrde, w\u00e4re ein Milit\u00e4rregime vielleicht s\u00e4kularer, aber nicht weniger autokratisch. Ein Aufstand der Bev\u00f6lkerung, wie ihn Netanjahu und Trump sich w\u00fcnschen, ist angesichts von Repression und Bombardements jedoch kaum denkbar. <\/p>\n<p>Von au\u00dfen betriebene Regimewechsel sind nie wirklich erfolgreich. Das zeige die Forschung, sagt die Wissenschaftlerin Reder vom GIGA-Institut in Hamburg. Die Erfolgsquote tendiere gegen null. <\/p>\n<p>Ob ein Regimewechsel erfolgreich ist oder scheitert, h\u00e4ngt von mehreren Faktoren ab. Beispielsweise ist zu kl\u00e4ren, ob die Gesellschaft polarisiert ist, das hei\u00dft, ob eine tiefe Spaltung aufgrund politischer, religi\u00f6ser oder ethnischer Konflikte besteht. Wie stehen die gesellschaftlichen Eliten zu einem Wechsel? Verf\u00fcgen die neu eingesetzten Personen oder Institutionen \u00fcber R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung? <\/p>\n<p>Laut Reder gebe es bei von au\u00dfen initiierten Versuchen eines Regimewechsels ohne milit\u00e4rische Gewalt die M\u00f6glichkeit, durch Verhandlungen Anreize f\u00fcr das Ausscheiden der bisherigen politischen F\u00fchrung zu schaffen. Dies beinhalte oft Garantien f\u00fcr die Machthaber, etwa Amnestien, ein sicheres Exil oder auch eine Beteiligung an der Regierung. <\/p>\n<p>Au\u00dferdem k\u00f6nne man Anreize f\u00fcr die Eliten schaffen, damit sie aufh\u00f6rten, das Regime zu unterst\u00fctzen, erl\u00e4utert Reger. Besonders wichtig sei dabei die Hilfe f\u00fcr prodemokratische Kr\u00e4fte und zivilgesellschaftlicher Akteure vor Ort. Dies beinhaltet, ihnen bei der Organisation ihres Widerstands zu helfen, sie in Taktiken zum Schutz vor repressiven Ma\u00dfnahmen zu schulen und sie technisch auszustatten. <\/p>\n<p>F\u00fcr einen Regimewechsel ist es wichtig, eine Strategie sowie Pl\u00e4ne f\u00fcr ein langfristiges Engagement zu haben, unterstreicht der Historiker J\u00fcrgen Lillteicher. Diese k\u00f6nne er beim aktuellen Krieg gegen den Iran jedoch nicht erkennen. <\/p>\n<p>Weder die USA noch Israel h\u00e4tten vor, den Iran dauerhaft zu besetzen und ein neues Regime zu installieren. Die Beseitigung einer Elite k\u00f6nne jedoch zum Nachwachsen einer neuen Elite, beispielsweise in Form eines Milit\u00e4rregimes, f\u00fchren. <\/p>\n<p>Regimewechsel erh\u00f6hen das Risiko von B\u00fcrgerkriegen erheblich. Das zeigt die Fachliteratur, wie die GIGA-Forscherin Reger betont. Dies treffe insbesondere auf gewaltsame und von au\u00dfen initiierte Systemwechsel zu. <\/p>\n<p>Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind einerseits milit\u00e4rische Aspekte. Andererseits h\u00e4ngt dies mit dem entstehenden Machtvakuum und dem fehlenden oder mangelhaften Staatsaufbau zusammen.<\/p>\n<p>Auch die Politologin Bente Scheller warnt vor einem solchen Szenario. Wenn Menschen nicht erkennen k\u00f6nnen, dass verl\u00e4ssliche Institutionen f\u00fcr die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger geschaffen werden, dann scheitert der Staatsaufbau. Viele Unzufriedene, die m\u00f6glicherweise auch bewaffnet sind, sowie entt\u00e4uschte Hoffnungen auf eine neue, gerechtere Ordnung k\u00f6nnten dann in einen B\u00fcrgerkrieg m\u00fcnden.<\/p>\n<p>                Nach dem Sturz folgt das Chaos<\/p>\n<p>Laut Scheller reicht beim Aufbau eines neuen Sicherheitsapparats, der Polizei und der Armee ein rein technisches Training nicht aus, wenn kein glaubw\u00fcrdiger Staat im Hintergrund steht und es an Verl\u00e4sslichkeit und Vertrauen in die Institutionen mangelt. Dies h\u00e4tten die Interventionen der USA im Irak und in Afghanistan gezeigt.<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel ist Libyen. Der von der NATO im Jahr 2011 angef\u00fchrte Milit\u00e4reinsatz hat zwar zum Sturz Gaddafis und dessen Ermordung durch Rebellen gef\u00fchrt. Anschlie\u00dfend sei das Land jedoch in Chaos mit viel menschlichem Leiden versunken, konstatiert Konfliktforscherin Reder. <\/p>\n<p>Auch im Iran sei ein B\u00fcrgerkrieg ein m\u00f6gliches Szenario, warnt Reder. Eine weitere M\u00f6glichkeit sei, dass die USA und Israel irgendwann das Interesse verlieren, indem sie sagen, sie h\u00e4tten mit der Schw\u00e4chung des Regimes ihr Ziel erreicht, und sich anschlie\u00dfend zur\u00fcckziehen. Dann k\u00f6nnte der Klerus wieder erstarken. <\/p>\n<p>Onlinetext: Rade Janjusevic<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wenn es nach den USA, Israel und vielen Menschen im Iran geht, wird diese Reihe der obersten F\u00fchrer&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":88856,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[3138,15254,15152,40,1090,10623,41,269,22006,39,66,65,64],"class_list":{"0":"post-88855","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-welt","8":"tag-krieg","9":"tag-krieg-im-iran","10":"tag-mullahs","11":"tag-nachrichten","12":"tag-nahost","13":"tag-nahostkonflikt","14":"tag-news","15":"tag-politik","16":"tag-regimewechsel","17":"tag-schlagzeilen","18":"tag-welt","19":"tag-world","20":"tag-world-news"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116363911750810239","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88855","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88855"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88855\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/88856"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88855"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88855"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88855"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}