{"id":93870,"date":"2026-04-10T01:35:16","date_gmt":"2026-04-10T01:35:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/93870\/"},"modified":"2026-04-10T01:35:16","modified_gmt":"2026-04-10T01:35:16","slug":"vom-glauben-an-politische-inhalte-tageszeitung-junge-welt-09-04-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/93870\/","title":{"rendered":"Vom Glauben an politische Inhalte, Tageszeitung junge Welt, 09.04.2026"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img221169\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/221169.jpg\" class=\"img-fluid\" alt=\"11.jpg\"\/><\/p>\n<p>Politikmanagement im Schatten des gro\u00dfen Bruders: Paul Dano als Wadim Baranow<\/p>\n<p>Wer m\u00f6chte nicht gerne einmal wissen, wie es wirklich zugeht, wenn die M\u00e4chtigen unter sich sind? In Romanen oder Filmen eignen sich f\u00fcr die Darstellung der Machtkorridore Per-spektivfiguren, die Zugang zum innersten Kreis haben, aber nicht ganz oben sind. Sie erfahren das N\u00f6tige, haben eine gewisse Distanz und sind zugleich immer davon bedroht, einer Laune des Herrschers zum Opfer zu fallen.<\/p>\n<p>In <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/beilage\/art\/448579?\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Giuliano da Empolis Roman \u00bbDer Magier im Kreml\u00ab<\/a> nimmt Wadim Baranow diesen Platz ein, dessen Karriere eng an die von Putins realem Berater Wladislaw Surkow angelehnt ist. Freilich konzentriert sich Baranow auf Medienpolitik und Propaganda. Er bastelt eine Welt, in der Wahrheit nicht z\u00e4hlt und Herrschaft mittels gezielter ideologischer Konfusion, Elemente von ganz links bis ganz rechts inklusive, ausge\u00fcbt wird. Nach seinem R\u00fcckzug ins Privatleben schildert er einem ausl\u00e4ndischen Besucher sein Leben.<\/p>\n<p>Das Buch ist nicht einmal schlecht erz\u00e4hlt, auch wenn von einer Romanhandlung nur bedingt die Rede sein kann. Eher werden historische Stationen abgehakt. Politische Einsichten im Detail stehen gegen Ideologietr\u00fcmmer von Russland als dem ganz anderen, Barbarischen. Im einzelnen sind viele Szenen, viele Charakterisierungen gelungen \u2013 aber der Fehler des Ganzen ist, die Bedeutung von Propaganda absolut zu setzen. Keine Gruppierung bleibt ein Vierteljahrhundert an der Macht, wenn sie nicht auch die Interessen realer gesellschaftlicher Kr\u00e4fte auszubalancieren vermag.<\/p>\n<p>Der Roman erschien 2022, wurde also <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/421276.ukraine-krise-putin-erzwingt-frieden.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine<\/a> geschrieben. Die Verfilmung von 2025 versch\u00e4rft die politische Sto\u00dfrichtung nur an wenigen Stellen, etwa wenn nahegelegt wird, russische Akteure h\u00e4tten 2014 auf dem Kiewer Maidan einhundert Demonstranten ermordet. Als letzter, grober Schlusseffekt wird Baranow, sobald er seinen Gast verabschiedet hat, erschossen. Immerhin sind Putins Schergen so zuvorkommend, dass sie geduldig in der K\u00e4lte warten, bis der Exmagier alle Geheimnisse ausgeplaudert hat.<\/p>\n<p>Hauptproblem des Films ist indes, dass er dem Roman allzu treu folgt. Dadurch wird er mit seinen zweieinhalb Stunden zugleich zu lang und zu kurz. Zu lang ist er, weil kein dramaturgischer Spannungsbogen entsteht, und zu kurz, weil allzu viele Stationen allzu knapp abgehakt werden. Baranow unternimmt gegen Ende der Sowjetunion erste Gehversuche in der K\u00fcnstlerszene. Er steigt als Organisator plattester Fernsehunterhaltung im Medienimperium des Oligarchen Boris Beresowski auf, der vermittelt ihn als Propagandisten an Putin, den er 1999 als neue politische Marionette installieren will, weil der Pr\u00e4sident Boris Jelzin zu hinf\u00e4llig wird. Baranow wechselt auf die Seite Putins, hilft ihm, mit dem Tschetschenien-Krieg Eigenst\u00e4ndigkeit zu gewinnen und schlie\u00dflich Beresowski und andere Oligarchen zu entmachten. Die Abwehr von Farbrevolutionen, die von Baranow choreographierte Winterolympiade von Sotschi 2014, der ukrainische Maidan und die Vorgeschichte des Ukraine-Kriegs \u2013 das alles kommt vor und verschwindet ebenso schnell wieder wie Nebenfiguren, die im Buch plastisch werden, aber im Film nur eben auftreten, weil sie im Buch auch schon drinstehen. Breit ausgewalzt ist lediglich eine Liebesgeschichte. Wie Baranow immer wieder auf die faszinierende Ksenia (Alicia Vikander) trifft, war schon im Buch \u00fcberfl\u00fcssige Zutat. Vielleicht meinte der Politikwissenschaftler da Empoli, kein echter Roman komme ohne so was aus.<\/p>\n<p>Die Zeit, die das kostet, fehlt dann f\u00fcr Wichtigeres. Die Maske hat ganze Arbeit geleistet, Jude Law putin\u00e4hnlich zu machen. K\u00f6rpersprachlich \u2013 beim charakteristischen Gang, beim raumgreifenden Sitzen usw. \u2013 \u00fcberzieht Law. Bei da Empoli verf\u00fcgt Putin immerhin \u00fcber Bildung, kann beobachten und schon dabei still drohen. Der Film-Putin ist fast immer aggressiv und verf\u00fcgt \u00fcber weniger Tonlagen als der im Roman oder gar die reale Person. Gelungener ist Baranow. Paul Dano hat ohnehin \u00c4hnlichkeit mit Surkow. Er spielt ihn geschmeidig, beinahe weich, jedenfalls ein offenkundiger Fremdk\u00f6rper im m\u00e4nnerb\u00fcndlerischen Machtapparat Putins. Die deutsche Synchronstimme verst\u00e4rkt diesen Eindruck noch.<\/p>\n<p>Auch aus Beresowski (Will Keen) wird eine \u00fcberzeugende Filmfigur, so wie er erst mit jungenhafter Freude im eigenen materiellen Interesse Jelzin manipuliert und dann, nachdem gleiches mit Putin nicht geklappt hat, im Exil den musterhaften Demokraten gibt. Er redet von Freiheit, aber das riesige Anwesen an der Mittelmeerk\u00fcste, das er von seiner ins Ausland geretteten Milliarde gekauft hat, verr\u00e4t indirekt auch, weshalb die Mehrheit der russischen Bev\u00f6lkerung f\u00fcr zwei oder drei Generationen von <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/beilage\/art\/264704\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">westlichem Liberalismus<\/a> genug haben d\u00fcrfte. Interessant auch der kurze Auftritt von <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/477880.wagner-putsch-scheitern-eines-abenteurers.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jewgeni Prigoschin<\/a> (Andris Kei\u0161s). Der war, als der Roman erschien, noch \u00bbWagner\u00ab-S\u00f6ldnerchef und ist inzwischen, nach seinem <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/453421.ukraine-krieg-putsch-abgebrochen.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">halbherzigen Putschversuch<\/a>, bekanntlich <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/457603.jewgeni-prigoschin-wagner-letzter-akt.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">abg\u00e4ngig<\/a>. Assayas zeigt ihn als jemanden, der \u2013 verh\u00f6hnt von Baranow \u2013 wirklich an politische Inhalte glaubt. Derlei erhellende Widerspr\u00fcche kommen immer wieder vor. Einen ganzen Film tragen sie nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Politikmanagement im Schatten des gro\u00dfen Bruders: Paul Dano als Wadim Baranow Wer m\u00f6chte nicht gerne einmal wissen, wie&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":93871,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[732,46,42,151,147,152,150,44,11416,1963,148],"class_list":{"0":"post-93870","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-ukraine","9":"tag-at","10":"tag-austria","11":"tag-cinema","12":"tag-entertainment","13":"tag-kino","14":"tag-movie","15":"tag-oesterreich","16":"tag-putin","17":"tag-russland","18":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@at\/116377847245756208","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93870","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=93870"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93870\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media\/93871"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=93870"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=93870"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=93870"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}