{"id":94087,"date":"2026-04-10T05:21:11","date_gmt":"2026-04-10T05:21:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/94087\/"},"modified":"2026-04-10T05:21:11","modified_gmt":"2026-04-10T05:21:11","slug":"birgit-fischer-die-oberen-wollten-nicht-dass-ich-ein-kind-bekomme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/94087\/","title":{"rendered":"Birgit Fischer: \u201eDie Oberen wollten nicht, dass ich ein Kind bekomme\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Kanutin Birgit Fischer gewann acht Gold- und vier Silbermedaillen bei Olympia. Stolz aber ist die heute 64-J\u00e4hrige auf andere Dinge. Hier blickt sie auf ihre gro\u00dfe Karriere zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Mit der Bezeichnung \u201eLegende\u201c sollte man vorsichtig umgehen. Zu schnell werden Menschen f\u00fcr vermeintlich Einmaliges dazu ernannt. Birgit Fischer, 64, dagegen kann man getrost als eine solche bezeichnen. Was die ehemalige Kanutin schaffte, ist unerreicht.<\/p>\n<p>Sechs Olympia-Teilnahmen, jedes Mal mindestens einmal Gold. Insgesamt stand sie achtmal ganz oben auf dem Podest. Sie ist nach Reiterin Isabell Werth, die zweimal Silber mehr hat, die zweiterfolgreichste deutsche Olympionikin der Geschichte. Dazu kommen 27 WM-Titel. Und wer wei\u00df, was gewesen w\u00e4re, wenn \u2026<\/p>\n<p>Wenn n\u00e4mlich der Olympia-Boykott eines gro\u00dfen Teils des Ostblocks 1984 in Los Angeles nicht gewesen w\u00e4re. \u201eIch h\u00e4tte sicher zwei Goldene mehr, drei w\u00e4ren nicht unrealistisch\u201c, sagt Fischer, die 1980 in Moskau ihren ersten Olympiasieg holte und inzwischen wieder in ihrer Geburtsstadt Brandenburg an der Havel wohnt.<\/p>\n<p>Sie wollte sogar \u201eauf eigene Gefahr\u201c zu den Olympischen Spielen 1984 reisen, immerhin war die Absage der DDR damit begr\u00fcndet worden, dass die Sicherheit der Athleten nicht gew\u00e4hrleistet sei. \u201eEs ist \u00e4rgerlich bis heute, das fand jeder schei\u00dfe, auch die Funktion\u00e4re. Boykotte und Ausschl\u00fcsse haben noch nie etwas bewirkt, bis heute.\u201c Fischers Bruder Frank, 65, war ebenfalls betroffen. \u201eEs w\u00e4ren seine einzigen Spiele gewesen. Er wurde um Olympia betrogen und wohl auch um Gold.\u201c<\/p>\n<p>Die vermeintliche Entsch\u00e4digung f\u00fcr das entgangene Olympia f\u00fcr die Vorzeige-Sportlerin: der Vaterl\u00e4ndische Verdienstorden in Gold. Zuvor gab es den schon in Silber. \u201eAber wo diese Orden sind? Keine Ahnung, ich finde sie einfach nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>Vergoldete und verpasste Comebacks<\/p>\n<p>Nach Olympia 1988 und Doppel-Gold beendete Fischer ihre Karriere \u2013 vorerst. Sie wurde Major der Nationalen Volksarmee der DDR, wollte fortan als Trainerin beim ASK Vorw\u00e4rts Potsdam arbeiten. Dann kam die Wende. Bei einem Wettkampf sagte sie auf der Trib\u00fcne: \u201eSo, wie die da paddeln, da w\u00fcrde ich auch gern noch mal mitmachen.\u201c<\/p>\n<p>Fischer verr\u00e4t heute: \u201eDas steckte jemand einer Zeitung. Ich dachte mir: ,Gut, dann versuche ich es.\u2019\u201c 278 Tage nach dem ersten Training nach drei Jahren Pause holte sie ihr viertes Olympia-Gold.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste scheinbare Karriereende folgte nach Sydney 2000. \u201eAber nur, weil ich es vorher gesagt hatte. Wahrscheinlich haben sie mich auch nur deshalb die Fahne tragen lassen.\u201c Ein Erlebnis mit gemischten Gef\u00fchlen. \u201eEs war eine Ehre, aber der Moment an sich war eine Katastrophe. Ich wusste nicht, wohin ich laufen sollte. Die Zuschauer wiesen mir von der Trib\u00fcne den Weg, wo ich die Fahne abgeben kann. Viel Chaos, somit konnte ich das nicht wirklich genie\u00dfen.\u201c Und au\u00dferdem: \u201eDiese mausgraue Kleidung, von den Schuhen bis zum Hut mit einem h\u00e4sslichen Rucksack, so w\u00e4re nicht mal meine Mutter auf die Stra\u00dfe gegangen.\u201c<\/p>\n<p>Aber das zweite Comeback lie\u00df nicht lange auf sich warten. \u201eMit zweimal Gold wollte ich nicht aufh\u00f6ren (Fischer gewann in Sydney im K2 und K4), die Kinder waren erwachsen, ich hatte ein Haus am Wasser und konnte vor der T\u00fcr trainieren. Es war alles optimal.\u201c<\/p>\n<p>Das dritte Karriereende 2004 \u2013 erneut mit dem Gewinn der olympischen Goldmedaille in Athen im Alter von 42 Jahren \u2013 war dann ein bisschen endg\u00fcltiger. \u201eDanach ging es tats\u00e4chlich nicht mehr\u201c, gesteht Fischer. Die Comebacks 2008 und 2012 scheiterten: \u201eVor Peking hatte ich keine Zeit zum Trainieren. Ich wollte erst mal mein Unternehmen Kanufisch auf die Beine stellen. Und London scheiterte an <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/sport\/olympia\/article106203874\/Birgit-Fischer-Die-Gesundheit-ist-wichtiger-als-jede-Medaille.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/sport\/olympia\/article106203874\/Birgit-Fischer-Die-Gesundheit-ist-wichtiger-als-jede-Medaille.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">der verpassten nationalen Qualifikation aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden<\/a>. Nun war ich 50, und es war klar, noch einen Versuch wird es nicht geben.\u201c<\/p>\n<p>Besondere Erinnerungen ruft bei Fischer nat\u00fcrlich das erste Olympiagold 1980 hervor. Damals war sie 18, w\u00e4re aber beinahe nicht gestartet. \u201eBei der obligatorischen Vorbelastung drei Tage vor dem Beginn der olympischen Rennen fuhr ich drei L\u00e4ngen hinter Ersatzfahrerin Roswitha Eberl ins Ziel. Prompt gab es eine Aussprache: Ob ich das hier alles nicht ernst nehmen w\u00fcrde. Ich sagte: ,Doch, und ich werde gewinnen.\u2018\u201c Das beeindruckte Trainer und Funktion\u00e4re.<\/p>\n<p>In dieser Phase stand sie l\u00e4ngst unter staatlicher Kontrolle. 1986 kam Sohn Ole zur Welt. \u201eDie Oberen wollten nicht, dass ich ein Kind bekomme. ,Das ist nicht vorgesehen\u2018, lautete die Begr\u00fcndung. Ich h\u00e4tte mir das Kind nie verbieten lassen. Dazu war ich damals schon zu sehr Freigeist.\u201c<\/p>\n<p>So sehr Freigeist, dass sie an Flucht dachte, aber nicht. \u201eSchau dir das hier an, warum sollte ich hier weg?\u201c, sagt sie zum \u201eSport Bild\u201c-Reporter und blickt auf die Havel. \u201eHier ist es doch wundersch\u00f6n. Ich bin hier aufgewachsen, hatte meine Geschwister und Eltern hier.\u201c <\/p>\n<p>Zudem w\u00e4re eine Flucht nahezu unm\u00f6glich gewesen. Allein schon wegen des famili\u00e4ren Backgrounds ihres Ex-Manns J\u00f6rg Schmidt (\u2020 61), der ebenfalls ein erfolgreicher Kanute war. \u201eBei unserer Hochzeit erfuhr ich zuf\u00e4llig, dass mein Schwiegervater ein hohes Tier bei der Stasi war. Ich wurde somit quasi rund um die Uhr \u00fcberwacht. \u201aDer Feind in meinem Bett\u2018, hie\u00df das, oder?\u201c, sagt sie sarkastisch.<\/p>\n<p>Fischers Weg und klare Meinung gefielen nicht jedem<\/p>\n<p>Aber auch nach der Wende eckte sie als ehrliche Haut immer wieder an. Daher h\u00e4tte Fischer ihre drei Goldmedaillen in Sydney 2000 und Athen 2004 beinahe nicht f\u00fcr Deutschland gewonnen, sondern f\u00fcr Australien. \u201eWir sa\u00dfen schon auf gepackten Koffern\u201c, sagt sie: \u201eIch kam mit dem deutschen Verband immer weniger klar, besser gesagt, die mit mir. Ich habe seit 1992 allein und nach meinen eigenen Programmen trainiert, auch viel in Australien, das gefiel nicht jedem. Ich hatte meinen eigenen Kopf, damit konnten die Funktion\u00e4re nichts anfangen.\u201c<\/p>\n<p>Letztlich lie\u00df sie diese Pl\u00e4ne fallen: \u201eIch bin dann nur noch f\u00fcr mich gepaddelt. Wenn ein Verband immer nur die Medaillen will und sonst nichts tut, ist das schade.\u201c Da konnte auch der Fakt, dass sie inzwischen mit dem damaligen Bundestrainer Josef Capousek (\u2020\u200579) zusammen war, nichts kitten.<\/p>\n<p>Aber das Paddeln ist nicht ihre einzige Leidenschaft. Die Sportlerin des Jahres 2004 versuchte sich zwischendurch auch in der Politik. Ohne Parteimitglied zu sein, trat sie 1999 bei der Europawahl f\u00fcr die FDP an. \u201eDie Partei passte zu mir. Aber die Konsequenz, im Fall der Wahl nach Br\u00fcssel ziehen zu m\u00fcssen, hatte ich nicht bedacht. Ich h\u00e4tte das Mandat nie angetreten.\u201c<\/p>\n<p>Und so ist sie bis heute bei dem geblieben, was sie perfekt kann: auf dem Wasser aktiv sein. Als Personal-Trainerin gibt sie Einzel- und Gruppen-Unterricht, h\u00e4lt Vortr\u00e4ge, und die Enkel fordern die Oma auch. Nur die Fotografie, einst ihr gro\u00dfes Hobby, gab sie auf. \u201eKein Platz mehr, alles aufzustellen\u201c, sagt sie lachend.<\/p>\n<p>Fischer wirkt zufrieden. \u201eMein Verdienst ist, dass ich gezeigt habe, wie man mit zwei Kindern, seit 1992 alleinerziehend, auch studieren und trotzdem noch erfolgreich sein kann. Darauf bin ich stolz und nicht auf die Medaillen.\u201c<\/p>\n<p>Der Text wurde f\u00fcr das Sportkompetenzcenter (WELT\/BILD\/SPORT BILD) verfasst und erschien zuerst in \u201eSport Bild\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kanutin Birgit Fischer gewann acht Gold- und vier Silbermedaillen bei Olympia. 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