{"id":94434,"date":"2026-04-10T09:30:09","date_gmt":"2026-04-10T09:30:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/94434\/"},"modified":"2026-04-10T09:30:09","modified_gmt":"2026-04-10T09:30:09","slug":"einsiedler-in-den-bergen-frueher-architekt-heute-schlafe-ich-im-stroh-news","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/94434\/","title":{"rendered":"Einsiedler in den Bergen: Fr\u00fcher Architekt, heute schlafe ich im Stroh | News"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"skip-content skip-content--link\" href=\"#in-content-skip-link-target-v-0-0\">TTS-Player \u00fcberspringen\u21b5<\/a><a id=\"in-content-skip-link-target-v-0-0\" class=\"skip-content--target-link-hidden skip-content skip-content--target-link\" href=\"#in-content-skip-link-target-v-0-0\">Artikel weiterlesen<\/a><\/p>\n<p>Seiser Alm\/S\u00fcdtirol (Italien) \u2013 Es schneit. Der Weg ist als solcher nicht mehr zu erkennen \u2013 nur noch eine Ahnung unter kniehohem Wei\u00df. Wer vom Pfad abkommt, versinkt bis zur H\u00fcfte. Fast zwei Stunden dauert der Weg hinauf. Und dann steht er da. Ein \u00e4lterer Mann. Barfu\u00df. Blaues Stoffhemd, d\u00fcnne Hose. Keine M\u00fctze, keine Handschuhe. Die F\u00fc\u00dfe nackt im Schnee. Er beugt sich hinunter, taucht die H\u00e4nde in die Flocken und w\u00e4scht sich das Gesicht.<\/p>\n<p>Der Mann hei\u00dft Ulrich Senoner (67). Seit sieben Jahren lebt er als Einsiedler auf einer kleinen H\u00fctte auf der Seiser Alm auf 2050 Metern, am Fu\u00dfe der Langkofel-Gruppe in den <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/themen\/specials\/gebirge\/news-fotos-videos-17023668.bild.html\" class=\"text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Dolomiten<\/a> (S\u00fcdtirol\/Italien). Fr\u00fcher arbeitete er als Architekt, lebte in Wien, sp\u00e4ter in Berlin und Potsdam. Dort hatte er alles: ein eigenes B\u00fcro, eine Frau und zwei Kinder (11, 13). Er entwarf H\u00e4user, sogar ein ganzes Dorf. In Blankensee (Mecklenburg-Vorpommern) wollte er ein \u00d6kodorf entstehen lassen, Grundst\u00fcck und Zusagen waren schon in der Tasche. Doch dann kippte alles. Die Nachbarn des geplanten Dorfes str\u00e4ubten sich. Ulrichs Projekte verschwanden in der Schublade. Kurz darauf zerbrach auch seine Ehe. Seine Frau zog mit den Kindern nach Schleswig-Holstein. Ulrich musste und wollte neu anfangen. <\/p>\n<p>Als er 2019 auf die Alm zog, trug er sein Hab und Gut in einer alten Kraxe den Berg hinauf \u2013 einem gro\u00dfen Holzkorb, geschnallt auf den R\u00fccken. \u201eSie war extrem schwer\u201c, erinnert sich Ulrich. Rund sechs Stunden war er unterwegs, musste immer wieder Pausen einlegen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" width=\"992\" height=\"558\" alt=\"Kein K\u00fchlschrank, keine Sp\u00fcle: BILD-Reporter Matteo Tomada (links) besucht Ulrich Senoner in seiner Almh\u00fctte\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/f3056f8718aa6245d1b869ce11086897,798fddc8.jpeg\"   class=\"landscape\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"fig__caption__text\">Kein K\u00fchlschrank, keine Sp\u00fcle: BILD-Reporter Matteo Tomada (links) besucht Ulrich Senoner in seiner Almh\u00fctte<\/p>\n<p>Foto: Robert Gongoll<\/p>\n<p>Klein, aber erstaunlich ger\u00e4umig<\/p>\n<p>Ulrich \u00f6ffnet die Eingangst\u00fcr seiner Almh\u00fctte, bittet herein. Ein alter Holzherd, ein Tisch, eine Eckbank, ein Stuhl, zwei Bodenschubladen, die auch als Couch dienen, eine schmale K\u00fcchenzeile \u2013 ohne Sp\u00fcle oder K\u00fchlschrank \u2013 und zwei Fenster. Im hinteren Teil der H\u00fctte ist ein enger, fensterloser Schlafbereich mit einem Bett, der mit einer Schiebet\u00fcr abgegrenzt ist. Alles eng. Und doch wirkt der Raum gr\u00f6\u00dfer, als er ist. \u201eDas liegt daran, dass ich die M\u00f6bel auf H\u00fcfth\u00f6he herabgesetzt habe, damit der Blick auf die Au\u00dfenw\u00e4nde gelangt\u201c, erkl\u00e4rt der Eremit. Ein alter Architekten-Trick. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" width=\"992\" height=\"1178\" alt=\"Die F\u00fc\u00dfe nackt im Schnee. Den schmilzt er, wenn die Quellen in der Wiese im Winter zugefroren sind\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/4f2e59c2f1553438c22151e3d1fd8cad,1ed23baa.jpeg\"   class=\"portrait\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"fig__caption__text\">Die F\u00fc\u00dfe nackt im Schnee. Den schmilzt er, wenn die Quellen in der Wiese im Winter zugefroren sind<\/p>\n<p>Foto: Robert Gongoll<\/p>\n<p>In einem Beh\u00e4lter liegen Orangenschalen, ihr Duft f\u00fcllt den Raum. Auf dem Herd k\u00f6chelt Tee mit Ingwerscheiben und Artemisia, einem bitteren Wildkraut. Stolz zeigt Ulrich seine Gew\u00fcrzsammlung. \u201eIch habe sie alle selbst gepfl\u00fcckt und hergestellt, aus Pflanzen aus der Umgebung\u201c, sagt Ulrich. Brennnessel, Schafgarbe und L\u00f6wenzahn finden sich dort. Besonders stolz ist er auf sein Heu, das er im Sommer mit der Sense m\u00e4ht. \u201eDas Heu ist ein guter Baustoff, ich habe damit meine H\u00fctte und meinen Stadel nebenan isoliert. Auch meine Matratze f\u00fcr den Winter habe ich aus Heu gemacht. Die vielen Wirkstoffe darin \u00fcbertragen sich beim Schlafen auf meinen K\u00f6rper. Im Sommer schlafe ich hingegen im Stadel, direkt auf dem Heu.\u201c<\/p>\n<p>Kein Strom, kein Bad, kein Stress<\/p>\n<p>Die H\u00fctte ist f\u00fcr ihn mehr als ein Zuhause. \u201eMalgafutura\u201c nennt er sie \u2013 H\u00fctte der Zukunft. Hier oben will er ausprobieren, was ein Mensch wirklich braucht. \u201eIch will zeigen, dass ein autarkes Leben m\u00f6glich ist \u2013 auch hier oben\u201c, sagt er. Berlin, sagt er, habe ihn m\u00fcde gemacht. Termine, Verpflichtungen, Rechnungen, Kompromisse. \u201eAlle stehen unter Dauerstress, nie haben sie genug Geld, st\u00e4ndig jammern sie\u201c, sagt er. Immer wieder habe er an seine Gro\u00dfeltern denken m\u00fcssen. \u201eSie hatten nicht viel, lebten einfach, ohne gro\u00dfen Komfort. Aber sie liebten sich \u2013 und sie waren gl\u00fccklich, haben nie gejammert.\u201c Als Kind war er mit ihnen hier oben auf der Alm. Eine Erinnerung, die ihn nie loslie\u00df. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" width=\"992\" height=\"558\" alt=\"G\u00e4stebett aus Heu im Stadel. Im Sommer schl\u00e4ft er hier selbst\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/9dc02ef076f3790408a850b6848c4095,7dd2c6e.jpeg\"   class=\"landscape\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"fig__caption__text\">G\u00e4stebett aus Heu im Stadel. Im Sommer schl\u00e4ft er hier selbst<\/p>\n<p>Foto: Robert Gongoll<\/p>\n<p>Viel braucht er hier oben nicht. Strom gibt es keinen, nur eine kleine Solarzelle f\u00fcr das Handy. Auch seine Kleidung ist \u00fcberschaubar. Zwei Regale stehen in seinem Zimmer, darin ein paar dicke Wollpullover, Hemden, Hosen und etwas Unterw\u00e4sche. Vieles wurde ihm geschenkt. \u201eIch kaufe keine Kleidung mehr\u201c, sagt Ulrich. Flie\u00dfendes Wasser gibt es nur an einigen Quellen in der Wiese. Im Winter muss er sie freilegen, oft sind sie zugefroren. Dann schmilzt er Schnee. Bad oder Dusche gibt es nicht, nur ein Kompost-Klo im Stadel. \u201eMeine Vorfahren haben sich nur selten gewaschen. Tiere duschen auch nicht. Der K\u00f6rper reinigt sich von selbst, er kommt auch Monate ohne Baden aus\u201c, sagt Ulrich.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" width=\"992\" height=\"558\" alt=\"Gekocht wird auf einem alten Holzherd\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/d678b85ca772788e4e80368aeedb7317,e83815e5.jpeg\"   class=\"landscape\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"fig__caption__text\">Gekocht wird auf einem alten Holzherd<\/p>\n<p>Foto: Robert Gongoll<\/p>\n<p>Kiwis in den Bergen<\/p>\n<p>Komplizierter wird es beim Essen. Auf \u00fcber 2000 Metern w\u00e4chst nicht viel. Ulrich versucht es trotzdem. Neben Kartoffeln hat er Obstb\u00e4ume gepflanzt, sogar Kiwis. \u201eVielleicht \u00fcberleben sie ja\u201c, sagt er. Irgendwann will er sich auch H\u00fchner und vielleicht Schafe zulegen. Bis dahin ist er auf Lebensmittel aus dem Dorf angewiesen. Ins Dorf geht Ulrich nur selten \u2013 und wenn, dann zu Fu\u00df. \u201eIch bekomme hier viel Besuch. Viele bringen mir etwas mit.\u201c Daf\u00fcr d\u00fcrfen sie im Heu \u00fcbernachten und das Einsiedlerleben ausprobieren. \u201eJeder ist willkommen \u2013 wenn er sich vorher anmeldet.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" width=\"992\" height=\"558\" alt=\"Im Winter schaufelt er zugeschneite Wasserquellen frei \u2013 und hofft, dass sie nicht zugefroren sind\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/65450114f1936f5e58bccf21905ad7e4,6b8ceaca.jpeg\"   class=\"landscape\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"fig__caption__text\">Im Winter schaufelt er zugeschneite Wasserquellen frei \u2013 und hofft, dass sie nicht zugefroren sind<\/p>\n<p>Foto: Robert Gongoll<\/p>\n<p>Wer Ulrich besuchen will, meldet sich meist bei seinem Neffen Tobias (24). Er begleitet seinen Onkel seit einiger Zeit, f\u00e4hrt immer wieder hinauf auf die Alm und dokumentiert das Leben dort mit der Kamera. Auf Instagram folgen dem Projekt unter @malgafutura fast 100.000 Menschen. Tobias arbeitet an einer Dokumentation \u00fcber das Einsiedlerleben seines Onkels \u2013 vielleicht, sagt er, schaffe es der Film eines Tages sogar bis zu den Oscars.<\/p>\n<p>Freiheit mit Hausnummer<\/p>\n<p>Ob Ulrich dann noch auf der H\u00fctte ist, steht in den Sternen. Denn auch als Einsiedler hier oben lassen sich gesellschaftliche Zw\u00e4nge nicht absch\u00fctteln. Ganz ohne Geld geht es nicht. Ulrich besitzt noch ein Konto, seine Ersparnisse gehen langsam zur Neige. Auch die Verwaltung erreicht ihn. Seit Kurzem schraubte man ihm eine Hausnummer an die H\u00fctte \u2013 74\/1. \u201eScheint so, als h\u00e4tte ich jetzt meinen <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/themen\/specials\/wohnen\/immobilien-haus-garten-news-fotos-videos-18957382.bild.html\" class=\"text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wohnsitz<\/a> hier. Genau wei\u00df ich es aber nicht\u201c, sagt Ulrich. Auch seine Kinder fehlen ihm, er sieht sie nur selten und w\u00fcnscht, sie k\u00f6nnten \u00f6fter zu Besuch kommen, am besten ganz zu ihm ziehen in die Natur. Doch das liege nicht in seiner Hand.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" width=\"992\" height=\"558\" alt=\"Als Architekt entwarf Ulrich Senoner ein komplettes \u00d6kodorf in Mecklenburg-Vorpommern, das aus umweltfreundlichen Baustoffen errichtet werden sollte. Das Projekt scheiterte\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/9666bceb711f5a2f1a95c19b25e92cf4,cb35a144.jpeg\"   class=\"landscape\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"fig__caption__text\">Als Architekt entwarf Ulrich Senoner ein komplettes \u00d6kodorf in Mecklenburg-Vorpommern, das aus umweltfreundlichen Baustoffen errichtet werden sollte. Das Projekt scheiterte<\/p>\n<p>Foto: Privat<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass seine Gro\u00dfeltern ihm die H\u00fctte nicht vererbt haben. Inzwischen geh\u00f6rt der Grund samt H\u00fctte einem Nachbarn, der auf der anderen Seite des H\u00fcgels eine gr\u00f6\u00dfere Alm betreibt. Zuvor hatte Ulrichs Cousin das Anwesen verkauft \u2013 Ulrich fehlte das Geld, um es selbst zu \u00fcbernehmen. Vorerst darf er bleiben, Miete zahlt er nicht. Wie lange noch, ist offen. Auch hier oben gibt es keine Garantie auf ein sorgenloses Leben. Ob er deshalb nicht doch das Leben in der Stadt vermisse, den Komfort, die Gesellschaft? Ulrich h\u00e4lt kurz inne. Mit einem breiten L\u00e4cheln sch\u00fcttelt er den Kopf. \u201eNein!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"TTS-Player \u00fcberspringen\u21b5Artikel weiterlesen Seiser Alm\/S\u00fcdtirol (Italien) \u2013 Es schneit. 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