{"id":97446,"date":"2026-04-11T22:36:08","date_gmt":"2026-04-11T22:36:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/97446\/"},"modified":"2026-04-11T22:36:08","modified_gmt":"2026-04-11T22:36:08","slug":"mark-rothko-in-florenz-so-tritt-der-radikal-moderne-neben-den-malenden-moench","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/97446\/","title":{"rendered":"Mark Rothko in Florenz: So tritt der radikal Moderne neben den malenden M\u00f6nch"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr Mark Rothko war die Begegnung mit der Renaissance eine k\u00fcnstlerische Urszene. Jetzt wird sein Werk in Florenz in spektakul\u00e4rer Gegen\u00fcberstellung unter anderem mit den Fresken Fra Angelicos pr\u00e4sentiert\u00a0und es zeigt sich: Auch die Abstraktion kann Andacht.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Im Jahr 1950 war Mark Rothko 47 Jahre alt. Dank einer kleinen Erbschaft konnte er sich endlich seinen Traum erf\u00fcllen und nach Europa reisen, was f\u00fcr Amerikaner damals noch sehr kostspielig war. Sein Augenmerk galt Italien, insbesondere Florenz. Die Renaissance hatte ihn seit jeher fasziniert, doch der Besuch an ihrem Ursprungsort sollte sein Werk grundlegend ver\u00e4ndern. Rothko war verzaubert von Gem\u00e4lden, Fresken, Reliefs und Architekturen, die ihn mit ihrer Zentralperspektive regelrecht einsogen und zugleich die Vorstellung eines endlosen Raumes vermittelten.\u00a0<\/p>\n<p>Vor allem Michelangelos <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.bmlonline.it\/en\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.bmlonline.it\/en\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Biblioteca Laurenziana<\/a> beeindruckte ihn nachhaltig: Ein manieristischer Treppenaufgang mit blinden, farblich abgesetzten Fenster\u00f6ffnungen f\u00fchrt in eine streng rhythmisierte Bibliothek mit Kuppelsaal, der aussieht wie ein kleines Pantheon. Die R\u00e4ume erzeugen ein paradoxes Gef\u00fchl \u2013 zugleich Geborgenheit und Grenzenlosigkeit, wie man sie sonst nur im eigenen Inneren findet. \u00c4hnlich erging es Rothko im Kloster San Marco. Die M\u00f6nchszellen mit den leuchtenden Fresken von Fra Angelico und die spirituelle Atmosph\u00e4re hielten ihn an einem Nachmittag bis Toresschluss dort; am n\u00e4chsten Tag kehrte er sofort zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Was er sah, best\u00e4tigte ihn in seiner Bildsprache, die sich seit Mitte der 1940er-Jahre von der Figuration gel\u00f6st und kurz vor der Reise zu ersten wolkigen, horizontal geschichteten Rechteckformen gefunden hatte. Zur\u00fcck in den USA entwickelte er dieses Format konsequent weiter und perfektionierte es in Farbt\u00f6nen, die phasenweise variierten. Seine Bilder begannen zu atmen und zu vibrieren, vermittelten Tragik, Ekstase und Tod, ohne diese Begriffe je auszuformulieren. Ehe er sich versah, und ohne jedes Gruppengef\u00fchl, wurde Rothko zu einer der pr\u00e4genden Figuren der New York School.<\/p>\n<p>16 Jahre sp\u00e4ter kehrte er als gefeierter K\u00fcnstler nach Florenz zur\u00fcck. Doch der Kunstbetrieb, der ihn zun\u00e4chst verkannt und dann vereinnahmt hatte, bereitete ihm zunehmend Unbehagen. Wieder zog es ihn nach San Marco, und er sprach davon, kleine Stra\u00dfenkapellen entwerfen zu wollen, in denen jeweils nur eines seiner Gem\u00e4lde h\u00e4ngen sollte. <\/p>\n<p>Dazu kam es nicht. Stattdessen realisierte er einen Andachtsraum in Houston, Texas, f\u00fcr das Sammlerpaar de Menil: Mit ihren dunkelvioletten Leinw\u00e4nden wurde die <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.rothkochapel.org\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.rothkochapel.org\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Rothko Chapel<\/a> zu einem Ort der Meditation, der in der Nachkriegskunst seinesgleichen sucht. Die Einweihung 1971 erlebte Rothko nicht mehr.<\/p>\n<p>Wohl h\u00e4tte er sich auch nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass nun, im Rahmen der <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.palazzostrozzi.org\/en\/exhibition\/mark-rothko\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.palazzostrozzi.org\/en\/exhibition\/mark-rothko\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Ausstellung \u201eRothko a Firenze\u201c<\/a>, f\u00fcnf seiner kleinformatigen Abstraktionen Seite an Seite mit Fra Angelico in den M\u00f6nchszellen von San Marco h\u00e4ngen \u2013 jenen R\u00e4umen, die ihn einst nicht loslie\u00dfen. Farblich und atmosph\u00e4risch wirken sie wie f\u00fcreinander geschaffen: Die zarten, zutiefst menschlichen Szenen aus dem Leben Christi erscheinen bei Fra Angelico so konzentriert, dass Rothkos Arbeiten daneben wie deren emotionale Essenz aufleuchten. <\/p>\n<p>Es scheint, als h\u00e4tten sich die beiden gekannt. Was dort Erz\u00e4hlung ist, wird Andacht, was hier Farbe ist, wird Seelenzustand. So verschieden ihre Rollen in der Geschichte auch sind \u2013 ihre Kunst geht aus derselben inneren Haltung hervor.<\/p>\n<p>Kuratiert wurde diese ber\u00fchrende Pr\u00e4sentation, die sich im Palazzo Strozzi als gro\u00dfe Retrospektive entfaltet, von Christopher Rothko, dem Sohn des K\u00fcnstlers. Erst sechs Jahre war er alt, als sein Vater sich das Leben nahm \u2013 doch er erinnert ihn als \u201efreundlichen, warmherzigen, gro\u00dfz\u00fcgigen Menschen\u201c, so wie er selbst ebenfalls wirkt. Zu jung, um die Tragweite zu erfassen, bemerkte er damals nicht, wie sehr der Vater unter seiner ersten Scheidung, einer weiteren Trennung und dem zunehmenden Druck des Kunstmarktes litt. Die Zusammenarbeit mit der Marlborough Gallery beschleunigte diese Dynamik erheblich.<\/p>\n<p>Auch nach seinem Tod kannte deren Gier kaum Grenzen: \u00dcber 800 Werke wurden zu stark unterbewerteten Preisen verkauft. Der daraus resultierende \u201eRothko Case\u201c der 1970er-Jahre endete mit einer Verurteilung der Galerie und f\u00fchrte zu strengeren Regeln f\u00fcr K\u00fcnstlernachl\u00e4sse. Treibende Kraft hinter der Klage war Rothkos Tochter Kate, die beim Tod ihres Vaters 19 Jahre alt war; beide Geschwister traten als Kl\u00e4ger auf. Heute verwalten sie gemeinsam das Werk ihres Vaters, in Kooperation mit der Pace Gallery.<\/p>\n<p>Wie sehr Rothko es ablehnte, seine Arbeiten im kommerziellen oder luxuri\u00f6sen Umfeld zu sehen, zeigt ein ber\u00fchmtes Beispiel: F\u00fcr das New Yorker Seagram Building von Philip Johnson sollte er das Four Seasons Restaurant mit eigens daf\u00fcr angefertigten Bildern ausstatten. Rothko begann zu arbeiten, vollendete die Serie \u2013 und zog sie zur\u00fcck. \u201eEr konnte es nicht ertragen, dass sie als Dekoration dienen sollten\u201c, erz\u00e4hlt sein Sohn. \u201eEr war ein sehr feinf\u00fchliger Mensch.\u201c <\/p>\n<p>Stattdessen schenkte er die Werke der Tate Britain \u2013 und starb, wissentlich oder nicht, am selben Tag, an dem sie dort eintrafen. In Florenz sind zwei Studien dieser Seagram-Bilder im Vestib\u00fcl von Michelangelos Bibliothek zu sehen. Man versteht, warum der Maler sie nicht als Hintergrund f\u00fcr ein Restaurant sehen wollte.<\/p>\n<p>Seine Abneigung gegen Grobschl\u00e4chtigkeit hat auch biografische Gr\u00fcnde. Geboren 1903 im russischen Dvinsk (heute Daugavpils in Lettland), floh er als zehnj\u00e4hriger Marcus Rothkowitz mit seiner Mutter vor antisemitischen Repressionen nach Portland, Oregon, wo sein Vater und seine Br\u00fcder bereits lebten. Kurz nach der Ankunft starb der Vater \u2013 ein Einschnitt, nach dem Rothko sich schwor, nie wieder eine Synagoge zu betreten. Mit einem Stipendium begann er ein Studium in Yale, brach es jedoch ab: Auch dort war Antisemitismus sp\u00fcrbar. 1923 zog er nach New York und begann zu malen \u2013 doch es dauerte, bis er seine eigene Sprache fand.<\/p>\n<p>Im Palazzo Strozzi zeigt sein fr\u00fches, teils surreal anmutendes Werk, warum er sich schlie\u00dflich von der Figuration abwandte: Der menschliche K\u00f6rper blieb ihm fremd. Der Schritt in die Abstraktion wurde oft mit seinem j\u00fcdischen Hintergrund in Verbindung gebracht. Sicher ist, dass Rothko seine Malerei als Tr\u00e4gerin existenzieller Erfahrung verstand. \u201eWenn Menschen vor meinen Bildern weinen, erleben sie dieselbe religi\u00f6se Erfahrung, die ich beim Malen hatte\u201c, sagte er. <\/p>\n<p>Die Ausstellung macht das eindr\u00fccklich sichtbar. Der letzte Raum im Palazzo Strozzi wirkt wie eine eigene M\u00f6nchszelle: Ged\u00e4mpfte Rechtecke schweben ungewohnterweise auf Papier, zun\u00e4chst kaum greifbar, als w\u00fcrden sie sich im n\u00e4chsten Moment aufl\u00f6sen. Sie wirken wie Geister auf dem Weg ins Nirgendwo.<\/p>\n<p>Erstaunlicherweise bleibt hier unerw\u00e4hnt, warum Rothko 1940 seinen Namen \u00e4nderte \u2013 wie so viele andere, die nicht wussten, ob sie in den USA wirklich sicher waren. Auch wird nicht thematisiert, wie sehr ihn der Holocaust aus der Ferne gepr\u00e4gt haben d\u00fcrfte \u2013 oder gar, wie er zeitlebens selbst darunter litt, was ihm als j\u00fcdischer Mensch widerfahren war. Er sprach nie dar\u00fcber. Dass das Plakatmotiv der Ausstellung in den Farben Pal\u00e4stinas leuchtet, mag ein merkw\u00fcrdiger Zufall sein \u2013 angebracht ist es nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"F\u00fcr Mark Rothko war die Begegnung mit der Renaissance eine k\u00fcnstlerische Urszene. 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