{"id":98444,"date":"2026-04-12T14:33:08","date_gmt":"2026-04-12T14:33:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/98444\/"},"modified":"2026-04-12T14:33:08","modified_gmt":"2026-04-12T14:33:08","slug":"diese-synthese-von-oper-und-ballett-geht-auf-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/98444\/","title":{"rendered":"Diese Synthese von Oper und Ballett geht auf \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Die niederl\u00e4ndische Choreografin Nanine Linning inszenierte Jean-Philippe Rameau-Oper als Bewegungsdirigentin. Das gelungene Resultat gefiel dem Publikum. Beeindruckend: Die Darstellungsbreite des Chores.<\/p>\n<p>Die neue Produktion von \u201eCastor et Pollux\u201c, die am Samstag an der Grazer Oper Premiere hatte, basierte auf der 1754 entstandenen zweiten Fassung des Werks, in der Jean-Philippe Rameau auf den inzwischen ohnehin unmodern gewordenen Prolog verzichtete, die Rezitative durch rigorose Striche straffte und das Gesamtgef\u00fcge somit auf 4 Akte reduzieren konnte. Die Monologe gelten zum Teil als Arien, da sie eine formbetonte Struktur (Liedform oder Rondo) aufweisen und der Fluss der Deklamation angehalten wird.<\/p>\n<p>Neu ist eine Arie in Form der\u00a0italienischen virtuosen Arien, mit extrem hoher Tessitura und Spitzent\u00f6nen (virtuos: Franz G\u00fcrtelschmied mit jeder Menge Koloraturen und hohen Cs). Diese zweite Fassung wurde ein Riesenerfolg \u2013 und wird bis heute gespielt, wenn auch selten.<\/p>\n<p>Die niederl\u00e4ndische Choreografin Nanine Linning war \u2013 erwartungsgem\u00e4\u00df \u2013 mehr Bewegungsdirigentin als Regisseurin ihrer Inszenierung. Die unterschiedlichen Charaktere der handelnden Personen, besonders jene von Sterblichen und G\u00f6ttern, erschienen darob weniger ausgepr\u00e4gt. Vielmehr stand bei Linning die Choreografie der Solisten und des Chores, erg\u00e4nzt mit vier Ballett-Solisten, im Vordergrund.<\/p>\n<p>Beeindruckend: Die Darstellungsbreite des Chores, von Johannes K\u00f6hler bestens studiert. Einmal d\u00e4monisch und gespensterhaft \u201ebrodelnd\u201c (im dritten Akt vor dem Eingang in die Unterwelt) oder als \u201esinnliches Werbe-Fenster\u201c f\u00fcr die Freuden des Olymps auf Gehei\u00df Jupiters. Mit der B\u00fchnenausstattung \u2013 erg\u00e4nzt mit phantastischen Videoprojektionen von Anke van Veen und Dik\u00a0Mus und mit einer einpr\u00e4genden Beleuchtung von Sebastian Alphons \u2013 konnte Linning strikt Rameaus Prinzip der Nachahmung der Natur umsetzen. Die Handlung spielte nicht in Tempeln oder Pal\u00e4sten, sondern in einer monolithischen Landschaft. Die fantasie- und geschmackvollen Kost\u00fcme von Irina Shaposhnikova unterst\u00fctzten den optischen Eindruck der Inszenierung.<\/p>\n<p>Mit Bernhard Forck, Konzertmeister der Akademie f\u00fcr Alte Musik Berlin, stand ein ausgesprochener Barockspezialist am Pult des Grazer Opernorchesters. Rameaus reiche Harmonie \u2013 er war auch Harmonietheoretiker mit eigener Harmonielehre, die bis heute Geltung hat \u2013 und seine verschmelzenden \u00dcberg\u00e4nge zwischen Rezitativ und Arie kamen voll zur Geltung.<\/p>\n<p>Es stand zwar kein Originalklangorchester zur Verf\u00fcgung, aber ausgestattet mit historischen B\u00f6gen f\u00fcr Streichinstrumente (f\u00fcr pr\u00e4zise Artikulation und Dynamik) und Barocktrompeten gelang Forck und den Grazer Philharmonikern ein subtiler, original wirkender Orchesterklang, optimal angepasst an die heutigen H\u00f6rgewohnheiten. Mit strafferem Tempo in den Rezitativen verst\u00e4rkte Forck deren Spannungsb\u00f6gen, mit charakteristischem Bass-Fundament der Pauken und barocker \u201eTerrassendynamik\u201c (so nennt sich ein abrupter Tempo- und Dynamik-Wechsel) vervollst\u00e4ndigte er Rameaus signifikanten Orchesterklang.<\/p>\n<p>Nikita Ivasechko zeigte als Pollux trotz seiner Jugend schon alle Eigenschaften eines Spitzen-Baritons: vokale Leichtigkeit und homogene Klangfarbe in allen Lagen, Durchschlagskraft, kerniges weiches Bariton-Timbre, ruhige und authentisch wirkende Darstellung. S\u00e9bastian Monti \u00fcberzeugte in der Rolle des Castor mit sicherer und agiler Deklamation, flexiblem lyrischen Timbre sowie mit sicheren H\u00f6hen mit Brustresonanz-verst\u00e4rkter Kopfstimme. Mit ihm stand ein typischer Vertreter eines spezialisierten Stimmfachs f\u00fcr Ten\u00f6re der franz\u00f6sischen Barockoper (Haute-Contre) auf der B\u00fchne, mit extrem hoch \u2013 also oberhalb des herk\u00f6mmlichen Tenorumfangs \u2013 liegender Tessitura.<\/p>\n<p>Die leidgepr\u00fcft liebende T\u00e9la\u00efre war Sieglinde Feldhofer. Ihre Markenzeichen \u2013 Intonationssicherheit, lyrische Gesangsb\u00f6gen und vokale Sicherheit in allen Lagen \u2013 \u00fcberzeugten auch an diesem Premierenabend. Mit ihrem dunklen Mezzosopran verlieh Sofia Vinnik der Ph\u00e9b\u00e9 eine unheimliche Pr\u00e4senz. Schnelles Tempo und ein erregter Duktus der Streicher verst\u00e4rkten die Wirkung ihres totalen vokalen Einsatzes zu Beginn des f\u00fcnften Aktes \u2013 und lie\u00dfen sie wie eine antike Furie in die Unterwelt entfliehen.<\/p>\n<p>Franz G\u00fcrtelschmied im Finale des 2. Aktes: strahlend virtuos als Athl\u00e8te, mit 12 hohen Cs und extrem hoch notierten Koloraturen. Das war dem Publikum ein Sonderapplaus wert. Seine zweite Rolle \u2013 Gott Merkur \u2013 verlangte mehr Diensteifrigkeit als Virtuosit\u00e4t, auch das war kein Problem. Sonore junge Bass-Stimmen verliehen Jupiter (Daeho Kim) und dem Hohepriester (Will Forst) die n\u00f6tige vokale W\u00fcrde. Insgesamt eine gelungene, moderne Produktion, die auch dem Publikum sehr gefiel.<\/p>\n<p>    Lesen Sie mehr zu diesen Themen:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die niederl\u00e4ndische Choreografin Nanine Linning inszenierte Jean-Philippe Rameau-Oper als Bewegungsdirigentin. Das gelungene Resultat gefiel dem Publikum. 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