{"id":98452,"date":"2026-04-12T14:40:06","date_gmt":"2026-04-12T14:40:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/98452\/"},"modified":"2026-04-12T14:40:06","modified_gmt":"2026-04-12T14:40:06","slug":"manche-stellen-sind-sauschwer-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/98452\/","title":{"rendered":"\u201eManche Stellen sind sauschwer\u201c \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Der Wiener Pianist Rudolf Buchbinder feiert im Dezember nicht nur seinen Geburtstag, sondern auch den 70. Jahrestag seines Deb\u00fcts im Konzerthaus \u2013 und spielt in aller Welt.<\/p>\n<p> Im Dezember feiern Sie Ihren Achtziger. Im Wiener Konzerthaus schenken Sie sich selbst und Ihrem Publikum den Zyklus der 32 Beethoven-Sonaten an sieben Abenden. <\/p>\n<p> Es ist mein 62. Beethoven-Zyklus! <\/p>\n<p> Das d\u00fcrfte ein Rekord sein. Nicht Ihr einziger, im \u00dcbrigen. In welchem Zeitraum ist Ihnen das gelungen? <\/p>\n<p> Mein erster Beethoven-Zyklus fand im Rahmen des Carinthischen Sommers statt, das war zwischen 1979 und 1982: Jedes Jahr zwei Konzerte. 1982 folgte dann die Z\u00fcrcher Tonhalle.  <\/p>\n<p> K\u00f6nnen Sie sich auch noch an Ihren ersten Auftritt im Konzerthaus erinnern? <\/p>\n<p> Ja. Das war eine Auff\u00fchrung von Joseph Haydns Klavierkonzert in D-Dur mit dem Wiener Kammerorchester unter Wolfgang Gabriel, dem Vater des sp\u00e4teren Solo-Oboisten der Philharmoniker. Damals durften die J\u00fcngsten der Musikakademie musizieren, und es spielten aus der Klasse von Marianne Lauder auch Sissy Weisshaar, die sp\u00e4ter eine gesuchte Professorin wurde, und der Hansi Weihs, der dann umgesattelt hat und als Geiger zu den Philharmonikern kam. <\/p>\n<p> Das war im Dezember 1957, also knapp nach Ihrem elften Geburtstag! <\/p>\n<p> Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie ich das als Bub geschafft habe. Aber das Erste Beethovenkonzert begleitet mich seither als eines meiner Herzenswerke. <\/p>\n<p> Von den Beethoven-Sonaten geh\u00f6ren ja auch einige dazu, nicht zuletzt die \u201eAppassionata\u201c, die Sie so oft gespielt haben. Wie halten Sie es denn mit der Reihung der St\u00fccke in einem solchen Zyklus, wie Sie ihn jetzt wieder in Wien absolvieren? <\/p>\n<p> Viele Kollegen spielen die Sonaten in einem Zyklus chronologisch. Davon halte ich nichts. Es geht da auch darum, den H\u00f6rern Abwechslung zu bieten und Abend f\u00fcr Abend sozusagen den \u201eganzen Beethoven\u201c zu bieten. Nur bei den letzten drei Werken mache ich eine Ausnahme. Die soll man nicht auseinanderrei\u00dfen. Ich spiele diese Sonaten auch ohne Pause. Eine Pause w\u00fcrde die Konzentration vollkommen st\u00f6ren! <\/p>\n<p> Und eine Zugabe danach? Was spielt man nach Opus 111? Sie haben einmal Alban Bergs Sonate op. 1 zugegeben. <\/p>\n<p> Eine f\u00fcr mich nat\u00fcrliche Fortsetzung, aber das habe ich wirklich nur ein einziges Mal gemacht. Es wurde nicht verstanden, von Teilen des Publikums nicht, aber auch nicht von einigen Kritikern. Aber Schubert passt immer. <\/p>\n<p> Der ist ja wirklich so etwas wie ein Nachfolger\u2026 <\/p>\n<p> Und er war einer der Fackeltr\u00e4ger bei Beethovens Begr\u00e4bnis! <\/p>\n<p> Dass Sie an den einzelnen Abenden des Zyklus jeweils Werke aus allen Schaffensphasen Beethovens spielen, sichert stilistische Vielfalt. Formale Vielfalt ist bei diesem Komponisten ja ohnehin gegeben. Neun Symphonien, jede v\u00f6llig anders. Aber 32 Klaviersonaten \u2013 auch jede anders? <\/p>\n<p> Ja, wirklich! Darf ich es drastisch formulieren? Jede Sonate ist ein eigenes Monstrum. Es gibt inhaltlich keine Doubletten. Und was die Form betrifft, herrscht der gr\u00f6\u00dfte Reichtum. Die Symphonien sind alle \u2013 bis auf eine \u2013 viers\u00e4tzig. Aber wir haben zwei-, drei- und viers\u00e4tzige Klaviersonaten. Das fanden die Zeitgenossen schon irritierend. Bei Opus 54 hat der Verleger nachgefragt: Wo ist der dritte Satz? <\/p>\n<p> Und wenn Sie sagen: Monstrum \u2013 gilt das nicht nur f\u00fcr den inneren Reichtum der k\u00fcnstlerischen Aussage, sondern auch klaviertechnisch? <\/p>\n<p> Manche Stellen sind sauschwer. <\/p>\n<p> Vermutlich auch manches, was f\u00fcr das Publikum ganz simpel klingt? <\/p>\n<p> Ja. Ganz abgesehen von den offenkundigen H\u00fcrden: 14 Seiten Fuge in der \u201eHammerklaviersonate\u201c sind ja keine Kleinigkeit. Und zum Stichwort \u201einnerer Reichtum\u201c: Es dauert eine Weile, bis man sich zumindest einen \u00dcberblick \u00fcber diesen Kosmos verschafft hat, das stimmt. Manche Sonaten entwickeln sich dann schneller, bei anderen dauert es. Jedenfalls muss man sich in jede einzelne ganz unabh\u00e4ngig hineinarbeiten. <\/p>\n<p class=\"fm-quote__text\">\n        \u00bbBeethoven hat sein Lebtag gelitten unter den schlechten Instrumenten, die ihm zur Verf\u00fcgung standen.\u00ab\n    <\/p>\n<p> Man darf nicht mit Krampf nach etwas Bestimmtem suchen. Auch nicht nach Parallelen zu anderen Sonaten. Jede steht f\u00fcr sich. Und wir entdecken unglaublich viele Facetten des Menschen Beethoven. Wir sprechen immer nur vom gro\u00dfen Humanisten, oder vom Revolution\u00e4r. Oft hei\u00dft es, seine Musik sei von tragischer Gr\u00f6\u00dfe. Das kann sie auch sein, aber wenn es einen wirklichen Tragiker gibt, dann ist es Mozart, der immer so leicht genommen wird. Beethoven hatte ja auch viel Humor. Erhabenes steht oft neben viel Witz. Das muss man behutsam auff\u00e4chern. <\/p>\n<p> Haben Sie deshalb den gesamten Zyklus mehrmals aufgenommen? <\/p>\n<p> Dazu kann ich eine Geschichte erz\u00e4hlen. Die erste Gesamtaufnahme habe ich 1979 gemacht. Es war 30 Jahre sp\u00e4ter, dass Joachim Kaiser, der bedeutende Kritiker der S\u00fcddeutschen Zeitung, mir gesagt hat: Rudi, Du musst die Beethovensonaten jetzt noch einmal aufnehmen. Und als ich ihn fragte, warum, hat er gemeint: Jetzt bist Du endlich frei! Das hat mir zu denken gegeben. Danach sind noch zwei Live-Aufnahmen entstanden. <\/p>\n<p> Und wenn man Sie heutzutage nach den Erkenntnissen der sogenannten Originalklang-Bewegung befragt und nach den Klavieren der Beethoven-Zeit? <\/p>\n<p> Da kann ich nur sagen: Er hat \u2013 wie sp\u00e4ter Franz Liszt \u2013 sein Lebtag gelitten unter den schlechten Instrumenten, die ihm zur Verf\u00fcgung standen. Das ist die Wahrheit. Und seine k\u00fcnstlerische Fantasie hat ihn weit \u00fcber die M\u00f6glichkeiten dieser Klaviere hinaus gef\u00fchrt! Nicht auszudenken, was er geschrieben h\u00e4tte, wenn er unsere modernen Fl\u00fcgel gekannt h\u00e4tte. Aber wenn Sie sagen: Originalklang. F\u00fcr mich sind die detailgenauen Beschreibungen von Beethovens Sch\u00fcler Carl Czerny wichtig, der uns ja f\u00fcr jedes St\u00fcck pr\u00e4zise Vortragsanweisungen \u00fcberliefert hat. Zum Beispiel schreibt er bei den langsamen S\u00e4tzen oft: \u201enicht schleppen\u201c. Wenn man das ber\u00fccksichtigt und die Noten genau liest, dann hei\u00dft es im Mittelsatz des F\u00fcnften Klavierkonzerts doch: \u201eAdagio, un poco moto\u201c, also bewegt \u2013 und ein Bindebogen geht \u00fcber die ersten zwei Takte hinweg. <\/p>\n<p> Es ist falsch, dass das heute prinzipiell geteilt wird: Die Streicher spielen den ersten Takt Aufstrich, im zweiten Abstrich. Ich habe die Beethovenkonzerte ja oft auch als Pianist und Dirigent in Personalunion aufgef\u00fchrt und bitte dann immer, die Phrase wirklich auf einen Bogen zu spielen. Man hat dann automatisch das richtige Tempo. <\/p>\n<p> Sind Orchestermusiker bei solchen Dingen skeptisch?  <\/p>\n<p> Franz Bartolomey, der legend\u00e4re Solocellist der Philharmoniker, hat mir einmal gesagt: Das sind verr\u00fcckte Striche, aber wenn es in Deinem Material so steht, dann sagen wir: Das haben wir immer so gespielt\u2026 <\/p>\n<p> Das hei\u00dft, die Orchester spielen bei Auff\u00fchrungen unter Ihrer Leitung nicht aus ihren gewohnten Stimmen? <\/p>\n<p> Ich bringe immer mein eigenes Material mit! Da sind alle meine Erfahrungen gesammelt und auch viele Anregungen von bedeutenden Dirigenten eingeflossen. Und nat\u00fcrlich die Fr\u00fcchte viele Dialoge mit den Musikern \u00fcber M\u00f6glichkeiten, wie man bestimmte Dinge besser machen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p> Der Sonatenzyklus im Wiener Konzerthaus wird dann wohl im Jubil\u00e4umsjahr nicht der einzige bleiben? <\/p>\n<p> Stimmt. Der 63. findet dann beim Enescu-Festival in Bukarest statt. <\/p>\n<p> Und in Grafenegg gibt es ein besonderes Geschenk? <\/p>\n<p> Da wird demn\u00e4chst ein neuer Kammermusiksaal er\u00f6ffnet\u2026 <\/p>\n<p> \u2026und \u201eRudolf Buchbinder Saal\u201c hei\u00dfen. Sie verabschieden sich ja als Festspiel-Intendant. <\/p>\n<p> Ja, und ich bleibe Grafenegg als Pr\u00e4sident eines Festivals erhalten, das nun \u00fcber drei exzellente Spielst\u00e4tten verf\u00fcgt. Darauf k\u00f6nnen wir wirklich stolz sein. <\/p>\n<p>Sinkovicz im Netz: <a href=\"https:\/\/www.sinkothek.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">www.sinkothek.at<\/a><\/p>\n<p>    Lesen Sie mehr zu diesen Themen:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Wiener Pianist Rudolf Buchbinder feiert im Dezember nicht nur seinen Geburtstag, sondern auch den 70. 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