{"id":98845,"date":"2026-04-12T19:24:16","date_gmt":"2026-04-12T19:24:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/98845\/"},"modified":"2026-04-12T19:24:16","modified_gmt":"2026-04-12T19:24:16","slug":"new-museum-in-new-york-es-gibt-noch-architekten-die-tatsaechlich-probleme-loesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/at\/98845\/","title":{"rendered":"New Museum in New York: Es gibt noch Architekten, die tats\u00e4chlich Probleme l\u00f6sen"},"content":{"rendered":"<p>Seit seiner Gr\u00fcndung setzt das New Museum in Manhattan auf radikale Erneuerung. Jetzt haben ihm Rem Koolhaas und Shohei Shigematsu einen bemerkenswerten Anbau hinzugef\u00fcgt. Und wie sieht es drinnen aus?<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die Geschichte der Malerei, so k\u00f6nnte man behaupten, lebt von der Spaltung. Wom\u00f6glich gab es schon in der Fr\u00fchsteinzeit K\u00fcnstler, denen die Zeichnungen von Lascaux zu steif waren, zu konventionell, zu akademisch; also zogen sie aus der gemeinsamen Unterkunft aus und gr\u00fcndeten in der Nachbarh\u00f6hle ihren eigenen Ausstellungsort. So ging es munter durch die Kunstgeschichte weiter: Die Maler der italienischen Renaissance spalteten sich von den K\u00fcnstlern des Mittelalters ab, die Impressionisten sowie die Wiener Sezession von der akademischen Malerei, es war eine heftige Zellteilung nach der anderen. <\/p>\n<p>1977 \u2013 in einem Jahr, in dem New York kurz vor dem Bankrott stand \u2013 gr\u00fcndete Marcia Tucker in New York dann das New Museum. Urspr\u00fcnglich handelte es sich um eine Abteilung der New School, einer Universit\u00e4t, die von den Nazis verfolgten linken j\u00fcdischen Akademikern eine neue Heimat bot; und Marcia Tuckers Idee war nichts anderes als radikal. Sie wollte, dass ihr New Museum alle zehn Jahre seine alten Best\u00e4nde entsorgt wie Ger\u00fcmpel; sie wollte, dass vor allem neue K\u00fcnstler ausgestellt werden, die noch keinen Namen haben. Das zweite Prinzip wurde voll und ganz verwirklicht, das erste nie; allerdings ist das New Museum bis heute eine Institution, die keine Kunst sammelt.<\/p>\n<p>Lange wohnte das New Museum bei anderen zur Miete. Im Dezember 2007 erhielt es endlich sein eigenes Geb\u00e4ude: ein sieben Stockwerke hohes Hochhaus an der Bowery Street, in einem ansonsten ziemlich \u00f6den Viertel im S\u00fcden von Manhattan. Das Geb\u00e4ude \u2013 es wurde von der japanischen Architektenfirma SANAA errichtet \u2013 sieht aus wie Kisten, die unordentlich aufeinander get\u00fcrmt wurden; es wurde sofort zu einem Wahrzeichen, das Magazin \u201eCond\u00e9 Nast Traveller\u201c ernannte es gar zu einem architektonischen Weltwunder.<\/p>\n<p>Liebesbed\u00fcrftiges Glashaus<\/p>\n<p>Allerdings hatte dieses Weltwunder T\u00fccken: Drinnen war es im Sommer stickig, f\u00fcr das geneigte Publikum gab es nur einen furchtbar tr\u00e4gen Lastenaufzug, sportlichere Naturen nahmen stattdessen viel zu schmale Treppen. 2024 machte das New Museum erstmal zu. Doch jetzt hat es wieder ge\u00f6ffnet: Rem Koolhaas und Shohei Shigematsu haben dem New Museum einen Seitentrakt verpasst. Von au\u00dfen gesehen, schmiegt dieser Trakt sich an das Kistengeb\u00e4ude wie ein extrem liebesbed\u00fcrftiges Glashaus, dem vorn eine Fase ausges\u00e4gt wurde; dadurch ist vor dem Museum so etwas wie eine Miniaturpiazza entstanden. Drinnen f\u00e4llt vor allem auf, dass jetzt zus\u00e4tzlich zu den Aufz\u00fcgen eine sch\u00f6n breite Treppe in Windungen nach oben f\u00fchrt. Ansonsten merkt man \u2013 rein gar nichts. Das neue Geb\u00e4ude geht ohne Naht ins Alte \u00fcber. Es gibt jetzt einfach mehr Platz und mehr Licht. Anders gesagt, der Neubau l\u00f6st genau die Probleme, die er l\u00f6sen sollte. Kann es ein h\u00f6heres Lob geben?<\/p>\n<p>Was aber ist in diesem neuen New Museum zu sehen? Eine Ausstellung, die sich \u00fcber drei Stockwerke erstreckt, von einem Rudel Kuratoren unter F\u00fchrung des Italieners Massimiliano Gioni best\u00fcckt wurde und Werke von mehr als 150 K\u00fcnstlern unter einem Dach vereint; ihr Name lautet \u201eNeue Menschen\u201c, Untertitel: \u201eErinnerungen an die Zukunft\u201c. Wie es sich f\u00fcr das New Museum geh\u00f6rt, stehen hier Skulpturen, denen man ein gro\u00dfes Publikum w\u00fcnscht, neben absolutem Schrott, und an den W\u00e4nden h\u00e4ngen farbenfrohe Scheu\u00dflichkeiten neben gro\u00dfer Kunst. Nat\u00fcrlich wird in den Legenden, die die Kunstwerke erkl\u00e4ren oder wenigstens einordnen sollen, die hochgestochenste linksradikale Theorie zitiert, und es wird auf Gr\u00f6\u00dfen wie Deleuze, Guattari, Lacan e tutti quanti verwiesen. (Wer, um des lieben Himmels willen, schreibt diese Texte, die laut nach Parodien schreien?) Beim Schlendern durch die Ausstellung wird augenf\u00e4llig, dass es sich bei der zeitgen\u00f6ssischen Kunst um eine Unterabteilung der Filmindustrie zu handeln scheint, genauer: um eine Abteilung des Science-Fiction- sowie des Horror-Genres. <\/p>\n<p>So stehen in einem Raum lauter Cyborgs, Roboter ungeheuer beisammen: der ber\u00fchmte gl\u00e4serne Mensch \u2013 eine Leihgabe des Hygienemuseums in Leipzig \u2013, ferner eine triumphal joggende Roboterlady von Shikeho Kubota und ein blondes M\u00e4dchen von Andro Wekua, das mit schwarzen Dr\u00e4hten an den Strom angeschlossen wurde; eine Glasplatte unter dem Kinn hebt das Androidenm\u00e4dchen vom Fu\u00dfboden hoch, von Zeit zu Zeit zuckt es unangenehm mit dem Finger. Daneben spult ein menschgewordener Fernseher von Meriem Bennani unaufh\u00f6rlich Zeichentrickfilme ab und biegt sich dabei vor Lachen; an der Seite lauert schwarz, gl\u00e4nzend und augenlos das bekannte Alienmonster von H. R. Giger. \u00dcber dem Eingang aber h\u00e4ngt r\u00fccklings ein monstr\u00f6s gutgelaunter roter Skelettjunge aus  Plastik von der Decke, den sich <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/plus207738779\/Kunstmarkt-Darling-Jordan-Wolfson-Er-ist-psycho-er-ist-ein-Monster.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/plus207738779\/Kunstmarkt-Darling-Jordan-Wolfson-Er-ist-psycho-er-ist-ein-Monster.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jordan Wolfson <\/a>ausgedacht hat. Und irgendwie befinden wir uns \u2013 entgegen dem Anschein \u2013 wohl doch im Garten Eden. Denn \u00fcber den Teppich bewegt sich t\u00fcckisch eine mechanische Schlange von Pamela Rosenkranz.<\/p>\n<p>Viel Verst\u00f6rendes, viel Gewagtes<\/p>\n<p>Auf das Eiland des Dr. Moreau, der (siehe den Roman von H. G. Wells) Tiere zu Menschen umoperierte, gelangen wir in einer Videoinstallation von Pierre Huyghe: Der K\u00fcnstler hat einem dressierten Makaken eine japanische M\u00e4dchenmaske \u00fcbergezogen und gefilmt, wie das Tier auf zwei Beinen durch eine von Gott und allen guten Geistern verlassene K\u00fcche  tappt. Wir sehen das dunkle Fell, wir sehen das starre M\u00e4dchengesicht und sind ziemlich verwirrt. Ganz ins Reich des b\u00f6sen M\u00e4rchens geraten wir mit einer Installation von Cato Ouyang: Da kauert eine Gestalt mit r\u00fcckw\u00e4rtsgewandtem Tiersch\u00e4del \u00fcber einem Brunnen, und auf dem Brunnenrand liegt eine Mumienfrau, der die Eingeweide aus dem Bauch quellen, und die Tiergestalt sticht der Mumienfrau mit einem Messer ein Auge aus.<\/p>\n<p>Nicht einmal die Bilder an den W\u00e4nden bringen Erl\u00f6sung von dem Albtraum: Auf dem Gem\u00e4lde \u201eLieben\u201c von Miriam Cahn umarmt zwar eine schwarze Gestalt eine wei\u00dfe Gestalt, aber beide grinsen derma\u00dfen breit, dass es schon wieder unheimlich wird. Warum sehen die beiden Gestalten wie Gespenster aus? Wohnen wir hier einem Liebesakt oder einer Vergewaltigung bei?<\/p>\n<p>Viel Verst\u00f6rendes also, viel Gewagtes. Misslungen ist ausgerechnet jener Teil der Ausstellung, der sich dem Faschismus widmet: In der Mitte des Raumes hat ein Videok\u00fcnstler, dessen Name uns leider entfallen ist, den ber\u00fchmten \u201eHausengel\u201c des Max Ernst auf einen Propeller projiziert\u00a0\u2013 in der Art jener Air Dance, die oft zu Werbezwecken am Stra\u00dfenrand im Wind flattern. Bei Max Ernst wirkt der Hausengel bedrohlich; hier wirkt er wie ein Opfer, man m\u00f6chte dem armen Flatterwesen, das den L\u00fcften hilflos ausgeliefert ist, gern zu Hilfe eilen. Hinten steht eine der weniger gelungenen Installationen von John Heartfield und George Grosz (\u201eDer wildgewordene Spie\u00dfer\u201c), mit der die beiden sich keineswegs \u00fcber den Faschismus, sondern \u00fcber die Weimarer Republik lustig machten. Rechts an der Wand h\u00e4ngen schwarz-wei\u00dfe Passfotos von Juden, die <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/vermischtes\/article12290366\/Gesichter-die-keiner-mehr-kennt.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/vermischtes\/article12290366\/Gesichter-die-keiner-mehr-kennt.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">August Sander<\/a> seinerzeit angefertigt hat, um ihnen zur Ausreise aus Nazideutschland zu verhelfen. Bitte, was soll das? Wer, der das hier gesehen hat, kapiert etwas \u00fcber das Wesen rechter Diktaturen? <\/p>\n<p>Im obersten Stockwerk der Ausstellung schimmert dann so etwas wie Hoffnung durch. Das Thema ist \u201eSt\u00e4dte\u201c, und so steht hier auch einer der utopischen Stadtentw\u00fcrfe, die der liebenswerte Bodys Isek Kingelez angefertigt hat: ein menschenfreundlicher Traum aus buntem Plexiglas, Wohnanlagen und Hochhaust\u00fcrmen, die niemand je bauen wird. Allerdings schwebt just in dem Moment, in dem wir dieses Utopia bestaunen, von oben ein Dingsbums heran, ein fliegender durchsichtiger Tintenfisch mit Blinklichtern und f\u00fcnf zuckenden Tentakelarmen untenan, den sich die Koreanerin Anika Yi ausgedacht hat. Alienalarm! Allerdings kann es sein, dass wir hier wieder einmal etwas gr\u00fcndlich missverstanden haben, denn das Kunstwerk, das von zwei Museumsw\u00e4rterinnen handgesteuert und mit Helium betankt wird, hei\u00dft \u201eIn Love With The World\u201c. Mit anderen Worten: Vielleicht sind die Aliens ganz lieb und tun nichts.<\/p>\n<p>Zu guter Letzt muss gemeldet werden, dass Lisa Phillips, die Museumsdirektorin, sich in diesem Herbst pensionieren lassen wird. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin wurde noch nicht bekannt gegeben. Klar ist aber dank dieser Ausstellung schon jetzt, dass das New Museum seinem Auftrag treu bleibt, Schutt und Schund und gro\u00dfe, verst\u00f6rende Kunst in einem Geb\u00e4ude zu vereinen.                         <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit seiner Gr\u00fcndung setzt das New Museum in Manhattan auf radikale Erneuerung. 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