
Zoé Chastan mit Ehemann Loic Meillard.
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Zoé Chastan, die Pressechefin der Männer im Ski alpin, war bei der Schweizer Dominanz in den vergangenen Jahren eine wichtige Figur. Die Bündnerin blickt mit blue Sport auf ein «spannendes, prägendes, erfolgreiches und vor allem unvergessliches Abenteuer» zurück.
Das Kapitel bei Swiss-Ski endet vorerst: Zoé Chastan hat acht Jahre lang an der Seite der Schweizer Herrenmannschaft im alpinen Skisport die Welt bereist, nun gibt sie ihren Posten als Pressechefin auf, um eine neue Rolle zu entdecken: die der Mutter. Wirklich entdecken? War sie das nicht manchmal stellvertretend für Marco Odermatt & Co.?
«Das stimmt (lacht). Mama, Mentaltrainerin, Vertraute … Und das nicht nur für die Athleten, sondern auch für ihre Trainer. Ich glaube, sie haben es genossen, manchmal eine Frau an ihrer Seite zu haben, mit der sie reden konnten», meint Chastan. Vor wenigen Tagen heiratete die Bündnerin … Ski-Star Loïc Meillard – im Sommer soll das Baby auf die Welt kommen.
Eine Frau in einem weitgehend männlich dominierten Umfeld zu sein, war jedoch nicht immer einfach, insbesondere bei ihrem Debüt im Jahr 2018. «Bei den ersten Rennen, an denen ich teilgenommen habe, musste ich kämpfen, um mir meinen Platz zu erkämpfen und akzeptiert zu werden. Jetzt sieht man mehr Frauen auf der Rennstrecke. Aber vor acht Jahren gab es nur Männer. Ausserdem ist es mit der heutigen Generation auch einfacher. Für junge Skifahrer wie Alexis Monney oder Franjo von Allmen ist es normal, mit Frauen zu arbeiten.»
Verborgene Heldin
Während das Gesicht der Bündnerin im Ski-Zirkus nach acht Jahren treuer Dienste im «Swiss Dream Team» bekannt ist, ist es der breiten Öffentlichkeit weit weniger vertraut. Es ist kein Zufall, dass sie zu den Anwärtern auf den «Hidden Hero Award» gehört, der am 12. Mai anlässlich der Swiss-Ski-Night verliehen wird.
«Kurz gesagt, ich bin die Person, die das Programm der Athleten abseits der Pisten managt. Im Winter kümmere ich mich um alle Interviewanfragen, die ihnen am Rande des Trainings oder der Rennen gestellt werden. Meine Arbeit besteht aber nicht nur aus dem, was im Zielbereich passiert, sondern auch aus der Verlosung der Startnummern, den Siegerehrungen oder der Koordination von Veranstaltungen mit den Sponsoren. Im Sommer erstelle ich Inhalte für Swiss-Ski, zum Beispiel während des Trainings, und mache auch Medientraining mit den jungen Athleten», erklärt Chastan, die zuvor als Journalistin gearbeitet hatte.
Im Herzen der Schweizer Maschine
«Ich habe das Gefühl, mit Marco (Odermatt) aufgewachsen zu sein, denn ich war von seinem ersten Podestplatz (Anm. d. Red.: am 9. März 2019 im Riesenslalom in Kranjska Gora) bis heute dabei. Seinen Aufstieg an die Weltspitze des Skisports und alles, was drumherum passiert, mitzuerleben, hat mich enorm viel gelehrt, aber es war auch eine ziemliche Herausforderung. In anderen Verbänden hat ein Athlet seines Kalibers jemanden, der nur für ihn da ist und die Medien betreut», fährt die 30-Jährige fort.
Zoé Chastan hat also den Aufstieg von Marco Odermatt auf das höchste Niveau miterlebt, gefolgt von Loïc Meillard, Alexis Monney und Franjo von Allmen. Das sind nur einige davon. Zwangsläufig ist also auch ihr Arbeitspensum explodiert.
«Als ich anfing, hatte man – wenn alles gut lief – einen Athleten auf dem Podium. In den letzten Jahren waren es zwei bis drei, mit noch zwei oder drei Teamkollegen in den Top 10. Das ist ein grosser Luxus, aber auch enorm viel Arbeit. Ich hätte mir oft gewünscht, dass jemand bei mir ist, dass wir zu zweit sind. Abgesehen von den Rennen zu Hause in der Schweiz habe ich alles alleine gemanagt, auch bei Grossereignissen wie der WM oder den Olympischen Spielen», verrät die werdende Mutter. Mit 255 Schweizer Podestplätzen alleine im Weltcup hatte Zoé Chastan alle Hände voll zu tun.
Die Höhen und Tiefen bewältigen
Die starken Bindungen, die sie im Laufe der Saison zu den Schweizer Ski-Assen – Techniker wie Speed-Spezialisten – aufgebaut hat, haben ihr jedoch geholfen, mit dem Tempo Schritt zu halten: «Sie sind wirklich zu Freunden geworden. Es hilft, wenn du von Oktober bis März dein Leben auf Pause stellst und weit weg von zu Hause und deinen Lieben bist.»
Auch ihre Vergangenheit als Athletin, zunächst im alpinen Skisport, dann im Skicross, war ein wertvoller Trumpf. Dadurch konnte sie die Emotionen von Skifahrern besser verstehen, vor allem, wenn die Ergebnisse nicht stimmten. Die Bewältigung solcher Momente wurde zu ihrer grössten Herausforderung.
«Du verbringst viel Zeit mit den Skifahrern. Du bist das erste Gesicht, das sie sehen, und die erste Person, mit der sie sprechen, wenn sie die Ziellinie überqueren. Wenn auf der Piste alles gut lief, war meine Arbeit einfach. Wenn es aber komplizierter war, dann war es wichtig, eine gute Beziehung zu haben. Ich habe den Athleten immer gesagt, dass es eine Chance ist, ihre Stimme zu erheben und mit ihren Worten zu erklären, was schiefgelaufen ist – auch wenn sie schlecht gelaunt sind», erklärt Chastan.
Und weiter: «Bei Athleten wie Marco (Odermatt) oder Loïc (Meillard) ist das Problem ein ganz anderes: Sie neigen dazu, zu allem Ja und Amen zu sagen, aber sie haben zu viele Anfragen. Meine Rolle bestand also auch darin, auszusortieren, um sie zu schützen. Sonst hätten sie sich nicht mehr auf den Sport konzentrieren können.»
Eiserne Hand in einem Samthandschuh
Zoé Chastan ist quasi eine eiserne Hand in einem Samthandschuh, die über eine ganze Generation von Champions gewacht hat. Da sind die Erinnerungen natürlich zahlreich. «Es ist schwierig, eine auszuwählen, weil es so viele gute Momente gab. Aber als wir bei der WM in Saalbach in der Kombination das Triple holten und damit sechs Medaillen gewannen, war das ein unvergesslicher Tag. Ich war froh, dass es Jerome (Anm. d. Red.: Krieg, der die gleiche Position für die Frauenmannschaft innehat) gab, der mir an diesem Tag half. Man musste kontrollieren, dass die Duos zusammenblieben, es war fast wie in einem Kindergarten», erinnert sie sich lachend.

Das Swiss-Ski-Team ehrt nach dem Weltcup-Finale in Lillehammer Zoé Chastan.
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Obschon es oft viel zu jubeln gab, gab es auch schwierige Momente: «Das Schlimmste waren die Stürze. Du stehst im Zielraum und weisst nicht, wie es dem Athleten geht. Die heftigsten waren die von Marc Gisin (Anm. d. Red.: 2018 Val Gardena) und Urs Kryenbühl (Anm. d. Red.: 2021 in Kitzbühel).»
Auch wenn sie das Team wie ihre «kleine Familie im Zielraum» vermissen wird, freut sich Zoé Chastan heute darauf, ihre eigene zu gründen und in den kommenden Wintern mehr als nur fünf Nächte – im besten Fall zehn – zuhause zu verbringen. Ihre Zusammenarbeit mit Swiss-Ski ist dabei aktuell nur auf Eis gelegt. Derzeit laufen Gespräche darüber, in welcher Form die Bündnerin ihr Engagement mit dem Verband fortsetzen wird. Sie erklärte sich auf jeden Fall bereit, bei den Schweizer Etappen die Luxusverstärkung zu spielen.
Ein typischer Renntag bei Zoé Chastan
«Nehmen wir das Beispiel von Adelboden. Bevor ich mich an den Ort des Geschehens begebe, nehme ich Kontakt mit dem Veranstalter auf, um verschiedene Dinge zu regeln: Organisation von Presseterminen, Autogrammstunden etc. Da in Adelboden am Mittwoch zuvor der Slalom in Madonna di Campiglio stattfindet, komme ich erst am Donnerstagnachmittag im Berner Oberland an.
Am Samstag, dem Tag des Rennens, verlasse ich das Hotel zusammen mit den Athleten gegen 7.00 Uhr. Während sie auf Erkundungstour gehen, bringe ich ihre Ausrüstung in den Zielbereich und nehme dort die Anfragen der Journalisten und Fernsehteams entgegen. Wenn dann einer der Skifahrer unter den Top 3 landet, begleite ich ihn ins VIP-Zelt, zur Dopingkontrolle, mache seinen Fussabdruck, wenn er gewonnen hat …
Gegen 16:00 Uhr fahren wir zurück ins Hotel. Wenn man Zeit hat, isst man schnell etwas, schaut, ob man vor dem Abendprogramm noch ein Fotoshooting oder etwas anderes machen muss, und dann ist es schon wieder Zeit, zur Preisverleihung und zur Startnummernausgabe für das Rennen am Sonntag aufzubrechen. Da bleibt die Dusche oft auf der Strecke.
Schliesslich haben wir gegen 20 Uhr Sitzungen, sodass ich, wenn alles gut geht, um 21 Uhr in meinem Zimmer bin. Aber ich arbeite noch ein wenig am Computer, sodass ich gegen 23 Uhr ins Bett gehe. Kurz gesagt, es sind lange Tage (lacht).»
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