Neues Theater-Kollektiv | 29. April 2026

Was bleibt, wenn der Hyperkapitalismus den Planeten leergepresst hat und die Elite auf dem Mars Champagner schlürft? Jonathan Loosli und Vanessa Bärtsch lancieren mit Regisseurin Loreta Laha mit dem neuen Kollektiv ATASNA KARACHONIC ein spannendes Experiment im Berner Sous Soul. Ein Gespräch mit den beiden Schauspielern im «Adrianos» über die Droge Bühne, den Wert von Schweiss und Tränen und warum Bern trotz seiner Provinzialität «theatralisch» spannend bleibt.

Machen aus Müll ein Kulturgut: Der Berner Schauspieler Jonathan Loosli und die Schauspielerin Vanessa Bärtsch aus Mels in St. Gallen gehören zum Dreier-Theaterkollektiv ATASNA KARACHONIC (kurz ATKA), das im Sous Soul unter der Regie von Loreta Laha ihr Debütstück «Self for Sale» präsentiert.

Machen aus Müll ein Kulturgut: Der Berner Schauspieler Jonathan Loosli und die Schauspielerin Vanessa Bärtsch aus Mels in St. Gallen gehören zum Dreier-Theaterkollektiv ATASNA KARACHONIC (kurz ATKA), das im Sous Soul unter der Regie von Loreta Laha ihr Debütstück «Self for Sale» präsentiert.Fotos: Peter Wäch

Draussen pfeift die Bise durch die Gassen der Berner Altstadt, ein eiskalter Gruss aus dem Nordosten, der die Passanten in ihre Mäntel flüchten lässt. Drinnen im «Adrianos» hingegen herrscht die gewohnte Berner Betriebsamkeit, ein Summen aus Espressomaschinen, klapperendem Geschirr und angeregten Gesprächen. Jonathan «Jon» Loosli, eine Instanz im Berner Kulturbetrieb, bestellt an der Bar – natürlich Kaffee. Es ist sein Lebenselixier, sein Treibstoff für die unzähligen Projekte, die er jongliert. Ihm gegenüber sitzt Vanessa Bärtsch. Sie erzählt von ihrer Heimat Mels, wo die Winde zwar auch stark wehen, aber das ganze Jahr über eine wohlige Wärme mit sich tragen. Ein krasser Kontrast zum heutigen Bern, aber ein passendes Bild für das Duo: Hier trifft Urgewalt auf feinsinnige Reflexion.

Ein Debütstück

Loosli hat Jahrgang 1979 und kommt aus Bern, Bärtsch ist 17 Jahre jünger und kommt aus Mels im Kanton St. Gallen. Er studierte Schauspiel in Berlin, sie in Frankfurt am Main. Die beiden kommen direkt von den Proben aus dem Sous Soul, bei denen auch Loreta, die Dritte im Bunde, zugegen war. Im dritten Untergeschoss des ehemaligen Theater am Käfigturm feilen sie am «Urknall» ihres neu gegründeten Kollektivs ATASNA KARACHONIC (kurz: ATKA). Ihr Debütstück «SELF FOR SALE – Das A(u)ktionshaus» feiert in einer Woche Premiere. Und wer die drei kennt, weiss: Das wird kein gemütlicher Theaterabend mit Cüpli-Garantie. Es wird ein rasanter Ritt durch die Trümmer unserer Zivilisation. Oder wie es Bärtsch ausdrückt: «Es ist wohl am ehesten eine Tragikomödie».

Genug Grund zur Freude beim neuen Berner Theater-Kollektiv ATKA …

Genug Grund zur Freude beim neuen Berner Theater-Kollektiv ATKA …

… zu dem Loreta Laha (links), Vanessa Bärtsch und Jonathan Loosli gehören.

… zu dem Loreta Laha (links), Vanessa Bärtsch und Jonathan Loosli gehören.

Die Auktion als Endzeit-Spektakel

Wir schreiben das Jahr 2075. Die Erde ist eine einzige Müllhalde, die Menschheit ist geflüchtet. Zurückgeblieben sind nur zwei «Einheiten», A und B, die in einem zerfallenen Prachtbau hausen. Warum? Vielleicht wurden sie vergessen, vielleicht sind sie das letzte Zahnrädchen, das noch funktioniert. Inmitten von glänzendem Schrott eröffnen sie ein Auktionshaus. «Die Auktion ist im Kunstbereich der interessanteste Mechanismus», erklärt Loosli, während er seinen Kaffee trinkt. «In dem Moment, wo der Hammer fällt, wird Kunst zum absoluten kapitalistischen Spekulationsobjekt. Wir als Bühnenkünstler sind auf der Bühne ja selbst das Kunstwerk – wir vermarkten uns, unsere Performance, unser Fleisch.»

Es wird von uns heute eine maschinenähnliche Effizienz verlangt, wir sollen leisten ohne Energieverlust, ohne Mängel

Jonathan Loosli Schauspieler

Die Inspiration für dieses Endzeitszenario kam unter anderem vom Pixar-Animationsfilm «Wall-E», dem kleinen Roboter, der unermüdlich Müll presst, während die Menschen im Weltraum verfetten. Doch Loosli und Bärtsch gehen weiter. Sie hinterfragen den Leistungsdruck unserer Gegenwart. «Es wird von uns heute eine maschinenähnliche Effizienz verlangt», so Loosli, «wir sollen leisten ohne Energieverlust, ohne Mängel. Das ist der Hyperkapitalismus, den wir im Stück ad absurdum führen.» Es geht um die Zumüllung der Welt – ökologisch wie mental. «In Bali ersticken die Ferieninseln im Plastik», weiss Loosli und ergänzt, «und wir ersticken im Zwang, uns ständig selbst optimieren zu müssen.»

Sein und Nichtsein, fast schon so wie bei «Schrödingers Katze»: Die beiden Schauspieler Jonathan Loosli und Vanessa Bärtsch vor einem Porträt des verstorbenen deutschen alt Kanzlers Helmut Schmidt im Souterrain vom Sous Soul.

Sein und Nichtsein, fast schon so wie bei «Schrödingers Katze»: Die beiden Schauspieler Jonathan Loosli und Vanessa Bärtsch vor einem Porträt des verstorbenen deutschen alt Kanzlers Helmut Schmidt im Souterrain vom Sous Soul.

Dramatherapie und die Quantenphysik des Spiels

Vanessa Bärtsch bringt eine faszinierende Tiefe in das Kollektiv. Die ehemalige Judoka und Schauspielerin absolviert derzeit eine Ausbildung zur Dramatherapeutin. «Rollen bedeuten to be and not to be», sagt sie und verweist auf Shakespeare, der das Zitat «Tob e OR not to e» hinterliess. Der erste Gedanke erinnert an Schrödingers Katze und die Quantenphysik: Man ist die Rolle, und gleichzeitig ist man sie nicht. Den Ansatz in der Dramatherapie umschreibt sie so: «Er ist so erfrischend, weil es sich so ganzheitlich anfühlt und die Therapieform die Selbstbestimmung und Kreativität der Klienten und Klientinnen hochhält, ohne sie auf irgendeine Art formen oder festlegen zu wollen.»

In der Leistungsgesellschaft wird man oft zum Rädchen degradiert. Wenn dieses Rädchen krank wird, hat es das Gefühl, die Welt bricht zusammen

Vanessa Bärtsch Schauspielerin

Für Bärtsch ist das Theater ein Ort der Selbstermächtigung. «In der Leistungsgesellschaft wird man oft zum Rädchen degradiert. Wenn dieses Rädchen krank wird, hat es das Gefühl, die Welt bricht zusammen – dabei dreht sich das System einfach ohne dich weiter.»

Ein dadaistisches Manifest

Dieses Spannungsfeld zwischen dem «Müssen» und dem «Sein» verhandelt sie auf der Bühne. Ihr Kollektivname ATASNA KARACHONIC klingt wie ein dadaistisches Manifest, und tatsächlich spielt der Dadaismus eine grosse Rolle. Sie bauen Skulpturen aus Müll, die nach der Vorstellung ersteigert werden können. Es ist eine Kreislaufwirtschaft der Kunst: Aus dem Schrott der Vergangenheit wird die Hoffnung der Zukunft gepresst.

Jonathan Loosli ist noch im Ensemble von Bühnen Bern …

Jonathan Loosli ist noch im Ensemble von Bühnen Bern …

… Vanessa Bärtsch ist wieder fix in der Freien Szene.

… Vanessa Bärtsch ist wieder fix in der Freien Szene.

Bern: Zwischen Biederkeit und Weltklasse

Loosli ist dem Berner Publikum bestens bekannt, er ist immer noch bei den Bühnen Bern engagiert, hat sich aber für dieses Projekt Urlaub genommen. «Ich brauche diesen Wechsel zwischen den grossen Institutionen und dem kreativen Sumpf der Freien Szene», gesteht er. Bern bezeichnet er als einen «guten Kompromiss». Er liebe die Stadt, doch manchmal sei sie ihm zu provinziell, fast schon «bieder». «Das treibt mich manchmal zur Weissglut, diese fehlende Konkurrenz, dieses Sich-Begnügen.» Dabei setzt er sein breitestes Grinsen auf.

Doch gleichzeitig sieht der Vater von zwei Kindern das enorme Potenzial. «Bern hat eine hohe Lebensqualität und fantastische Leute. Ich sage immer: Bleibt hier! Wir müssen dafür kämpfen, dass die Jungen nicht nach Berlin oder Zürich abhauen.»

Im Untergrund an der Spitalgasse 4 beginnt für Jonathan Loosli und Vanessa Bärtsch das Abenteuer ATKA.

Im Untergrund an der Spitalgasse 4 beginnt für Jonathan Loosli und Vanessa Bärtsch das Abenteuer ATKA.

Glauben an die Sache

Das Kollektiv selbst ist unterfinanziert, wird aber von einigen Stiftungen finanziell supportet. Dazu Bärtsch: «Wir könnten unser Projekt sonst gar nicht realisieren. Ohne die Unterstützung würden keine Plakate hängen und es gäbe keine Flyer». Dass die Kulturförderung mittlerweile einer Lotterie gleicht, macht die Sache nicht einfacher. «Wir haben bis heute kein Gespräch mit den Behörden bekommen», sagt Loosli trocken. Das Kollektiv finanziert sich durch Crowdfunding, Eigenleistung und den unerschütterlichen Glauben an die Sache. «Wenn wir nicht ständig ‚Hallo!‘ rufen, geht die Kultur automatisch zurück, besonders in Zeiten, wo das Geld lieber in die Rüstung fliesst.» Hier vergeht auch Jon das Lachen für einen Moment.

Theater ist meine Droge. In einer Welt, die sich im virtuellen Raum verliert, im Handy, im Fernsehen, bietet das Theater das einzige Gegengift

Jonathan Loosli Schauspieler

Wenn ich höre, dass Disney seine Zeichnerinnen entlässt und dort künftig KI zum Einsatz kommen soll, wird es mir mulmig ums Herz

Vanessa Bärtsch Schauspielerin

Warum tun sie sich das an? Warum nicht einfach eine ruhige Kugel am Stadttheater oder in einem anderen Engagement schieben? «Theater ist meine Droge», sagt Loosli schlicht. In einer Welt, die sich im virtuellen Raum verliert, im Handy, im Fernsehen, bietet das Theater das einzige Gegengift: Unmittelbarkeit. «Die Leute schätzen es wieder, wenn sie den Schweiss und den ‚Speuzer‘ von der Bühne bis in die erste Reihe spüren. Das ist authentisch. Das kann Netflix nicht.» Vanessa nickt zustimmend und meint, «wenn ich höre, dass Disney seine Zeichnerinnen entlässt und dort künftig KI zum Einsatz kommen soll, wird es mir mulmig ums Herz.»

Garbage for sale: Jon und Vanessa kreieren aus Müll Kunst …

Garbage for sale: Jon und Vanessa kreieren aus Müll Kunst …

… und bieten diese dann tatsächlich bei einer Auktion zum Verkauf an.

… und bieten diese dann tatsächlich bei einer Auktion zum Verkauf an.

Nach 45 Minuten intensivem Austausch brechen wir auf. Wir steigen hinunter ins Sous Soul, in das kühle Treppenhaus des dritten Untergeschosses. Hier, zwischen nacktem Beton und dem Echo der eigenen Schritte, schiessen wir ein paar witzige Fotos. Die Stimmung ist elektrisierend, das Gespräch hallt nach, das bevorstehende Lampenfieber für die Premiere spürbar: Hier wird nicht nur Theater gespielt, hier wird das Leben in seine Elementarteilchen zerlegt.

Wenn ab nächster Woche der Auktionshammer fällt, wird im Sous Soul nicht nur Schrott versteigert, sondern eine Vision davon, was es bedeutet, in einer kollabierenden Welt Mensch zu bleiben. Bern mag bieder wirken, aber in seinem Untergrund brodelt es offenbar ganz gewaltig.

Peters Kultur-Tipp

thema/peterskulturtipp

«SELF FOR SALE – Das A(u)ktionshaus»

ATASNA KARACHONIC

Sous Soul

Spitalgasse 4, 3011 Bern

Premiere: Donnerstag, 30. April, 20.00 Uhr

Eine A(u)ktion der besonderen Art: Loosli und Bärtsch im ersten ATKA-Stück «Self for Sale».

Eine A(u)ktion der besonderen Art: Loosli und Bärtsch im ersten ATKA-Stück «Self for Sale».