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Seite 1Die Wunde von Bern


Seite 2»Aus. Aus. Aus. Aus. Das Spiel ist aus«

Am 11. Juni beginnt die Fußball-WM mit dem Eröffnungsspiel Mexiko
gegen Südafrika. Die Partie wird das 965. der WM-Geschichte sein. Nicht
jedes dieser Spiele war denkwürdig. Einige aber haben den Fußball
verändert. Für unsere neue Serie »In acht Spielen um die Welt« haben wir
acht Partien herausgepickt, die für die lange, spannende, voltenreiche
Reise stehen, die der Fußball bis heute unternommen hat. Teil 2: das
WM-Finale 1954.

Am Tag, nachdem das Unglaubliche im Regen von Bern Realität geworden war, fragte die Frankfurter Rundschau: »Ist Sepp Herberger ein Gott?« Diese Frage drückte die Ungläubigkeit über den Finalsieg des Außenseiters aus, der an jenem nasskühlen 4. Juli 1954 in der Schweiz zu bestaunen war. Herberger musste einen Draht nach oben besitzen oder selbst von oben heruntergekommen sein, anders war dieses »Wunder von Bern« nicht zu erklären. Denn die Gegner aus Ungarn waren in den Jahren zuvor und erst recht bei dieser WM bestaunte Superkünstler des Weltfußballs, überragend als Individuen und eine Siegmaschine als Kollektiv. Nun aber verloren sie 2:3, was daheim in Ungarn wiederum die »Wunde von Bern« aufplatzen ließ.

Die deutschen Helden von Bern hielten sich an ihren Händen, nebeneinanderstehend, als ihr Kapitän Fritz Walter den Weltpokal entgegennehmen durfte. So sah Zusammenhalt in den 1950er-Jahren aus. Die Spieler, die neuen Weltmeister, blieben später ihren Klubs treu. Nach ihren Karrieren wurden sie Besitzer einer Lotto-Annahmestelle (Max Morlock), Wirt und Lokalpolitiker (Werner Liebrich), Lehrer (Horst Eckel), Autohändler (Helmut Rahn), Tankstellenbesitzer (Ottmar Walter) oder eine Legende mit Denkmalstatus (Ottmars Bruder Fritz Walter).

Ein Freigeist, der kaum zu stoppen war

Wie aber war dieser Sieg möglich? Gegen den souveränen Olympiasieger von 1952, eine eingespielte Mannschaft, die bis zum Tag von Bern in 34 Spielen und vier Jahren in Folge unbesiegt blieb? Jene Ungarn, die das DFB-Team in der Vorrunde mit 8:3 besiegt hatten. Die Elf, die das gängige WM-System dank einer Eingebung ihres Trainers Gustáv Sebes entscheidend modifiziert hatte.

© unsplash.com

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Das »W« stand dabei grundsätzlich für zwei vorgeschobene Außenstürmer, die neben einem Mittelstürmer positioniert waren, während dahinter zwei Halbstürmer aufliefen. Das »M« bildeten drei Abwehrspieler und zwei defensive Mittelfeldspieler. Im Grunde handelt es sich um ein 3-2-2-3-System. Sebes zog nun seinen Mittelstürmer Nándor Hidegkuti eine Position zurück und setzte ihn als Spielgestalter und Pendler zwischen Abwehr und Angriff ein. Als Freigeist, der kaum zu stoppen war. Als Spieler, der sich seine Tore selbst vorlegte. Sebes schuf damit den entscheidenden Raum für den Rechtsaußen Sándor Kosics, der mit elf Treffern der Torschützenkönig des Turniers in der Schweiz wurde.

Herberger hatte erkannt, dass Hidegkuti der wichtigste Mann im Offensivspiel der Ungarn war, und nicht der berühmtere Ferenc Puskás, ein wuchtiger Außenstürmer mit Torgarantie, der aber nach dem 3:8 gegen die Deutschen und einem Foul von Werner Liebrich angeschlagen war. Im Viertel- und Halbfinale gegen Brasilien und Uruguay (jeweils 4:2) fehlte Puskás. Im Finale war er dabei, aber hatte sichtbar noch Schmerzen.

Mao Zedong wurde zum Fußballstrategen

Herberger ließ in der Vorrunde zunächst eine B-Elf gegen Ungarn spielen. Es ging ihm darum, Kräfte für das Entscheidungsspiel gegen die Türkei zu sparen, das Deutschland tatsächlich klar mit 7:2 gewann und so das Viertelfinale erreichte. Dort folgte ein 2:0 gegen Jugoslawien und anschließend ein 6:1 gegen Österreich. Im Finale schließlich ließ Herberger Hidegkuti von seinen Mittelfeld-Abräumern und -Läufern Liebrich und Eckel bearbeiten und doppelt manndecken. Außerdem wandte er eine Taktik an, die er sich aus vielen Versatzstücken zusammenstellte.

Darauf wurde 2017 in einer Ausstellung im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund hingewiesen, die eine Analyse von Herbergers 1.500 Werke umfassenden Büchernachlass lieferte. Herberger schrieb einige seiner »Heureka«-Schlussfolgerungen nach der Lektüre an den Rand des Gelesenen. Anleihen für das Spiel seiner Mannschaft fand er demnach vor allem beim Studium der Schriften des preußischen Generalmajors und Militärethikers Carl von Clausewitz, insbesondere in dessen »Strategie aus dem Jahr 1804 mit Zusätzen von 1808 und 1809«. Von Clausewitz entwickelte darin die Theorie des Partisanenkampfes nach dem Prinzip eines streng geordneten Chaos. Herberger konzipierte daraufhin ein Spielsystem, das Vorteile in Überraschungsmomenten suchte: sichere Abwehr, Spielkontrolle und dann Gegenangriffe setzen. Herberger notierte dazu: »Das Spiel aus der Abwehr. Dann kommen wir zum Gegenschlag.«

Herberger studierte auch die drei Hauptschriften des chinesischen Diktators Mao Zedong, der wiederum Clausewitz’ Thesen für seine Guerilla-Kriegsführung in der Phase des chinesischen Aufstands gegen das Kaiserreich adaptierte. Demnach solle eine Armee so lange in der Defensive verharren, bis der Gegner ermüdet sei, um daraufhin mit einem überraschenden Wechsel von Verteidigung auf Angriff ein Übergewicht zu erlangen. Herberger notierte dazu: »Wenn der Mao wüsste, dass ich ihn hier zum Fußballstrategen umfunktioniert habe …«. Auf den Fußball übertragen bedeutete das: taktischer Rückzug, den Gegner spielen lassen, selbst ständig rochieren und punktuell eigene Offensivaktionen setzen. Angewandt wurde dieses Prinzip von Herbergers Schülern auch am 4. Juli 1954, dem Finaltag.

62.000 Zuschauer sahen im Wankdorfstadion, dass die deutsche Mannschaft im Regen von Bern bereits um 17.08 Uhr, acht Minuten nach dem Anpfiff, mit 0:2 hinten lag. Getroffen hatten Puskás und Zoltán Czibor. Die anschließende ungarische Euphorie nutzten die Deutschen wiederum für ihre punktuellen Offensivvorstöße im Sinne der Clauswitzschen Lehre. Und es ging auf: Tor durch Morlock (10.) und 2:2 durch Rahn (18.). Die Ungarn, die Angreifer, waren perplex.