Georg Baselitz machte immer wieder mit Skandalen und Skandälchen von sich reden und beherrschte meisterhaft die Selbstinszenierung. Das machte ihn bekannt, dann international berühmt, überdeckte aber oft, was er den Menschen mit seinen Gemälden, Skulpturen und grafischen Blättern vermitteln wollte. Wie Gerhard Richter, Günther Uecker, Gotthard Graubner und Gerhard Hoehme war er aus der DDR in den Westen übergesiedelt mit dem Willen, Kunst zu erschaffen, die keinen politischen Vorgaben gehorcht. Mehr noch als andere kostete er die Freiheit aus und testete ihre Grenzen. Er behauptete, „Frauen können nicht malen“, und machte sich Anfang der 60er-Jahre mit teilweise obszönen Darstellungen einen Namen. Das Gemälde „Die große Nacht im Eimer“ , Besitz des Kölner Museums Ludwig, zeigt einen Jungen beim Masturbieren und wurde 1963 wegen „Obszönität“ beschlagnahmt. Später hat er seine „zermanschten“ Farbtöne aus der Frühphase als „Pubertätsschlamm“ beschrieben.
Bilder, um 180 Grad gedreht
1969 schickte Baselitz sein erstes auf dem Kopf stehendes Bild ins Rennen um die Verwirrung des Kunstpublikums: „Der Wald auf dem Kopf“. Er hatte, wie später auch in anderen Bildern, das Motiv um 180 Grad gedreht, um dem Publikum eine gegenständliche Deutung zu erschweren. Die Stämme, die aus dem Himmel zum Boden streben, sollten wie abstrakte Kunst wirken.
Angeblich legte Baselitz die Komposition solcher Bilder bereits als Kopfstand an und brachte sie aus der 180-Grad-Drehung heraus auf die Leinwand. Diese Technik war ein Alleinstellungsmerkmal von Baselitz und trug ihm nicht nur Kopfschütteln vieler Betrachter, sondern auch internationale Bewunderung ein. Übergroße Leinwände führten dazu, dass der Künstler sie auf den Boden legte und darüber schritt, was manchen Fußabdruck hinterließ.
Bereits 1965 hatte Baselitz „Heldenbilder“ gemalt. Die Gemälde dieser Werkgruppe zeigen in grober Malweise und kräftigen Farben eine monumentale, verletzte und teilweise entblößte Figur in karger Landschaft – eine Auseinandersetzung mit männlichem Heldentum 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die zerlumpten Typen sprechen den irrsinnigen Idealen des „Dritten Reichs“ und der DDR Hohn.
In einer Reihe mit Joseph Beuys und Gerhard Richter
Heute befinden sich Bilder, Skulpturen und grafische Blätter von Baselitz in angesehenen Museen des In- und Auslands, besonders eindrucksvoll im Bonner Kunstmuseum neben Werken von Joseph Beuys, Gerhard Richter, Sigmar Polke, Andreas Gursky und Katharina Grosse. Dort hängt auch ein zentrales Werk des Künstlers, „Die Hand – Die Hand Gottes“ von 1964/65. Das Bild, in das von links ein Arm mit einer offenbar verletzten Hand auf orangefarbenem Grund ragt, veranschaulicht Körperlichkeit, Verletzlichkeit und göttliche Schöpfungskraft und reiht sich ein in die kunsthistorische Serie großer Handdarstellungen: von Dürers betenden Händen bis zu Michelangelos „Die Erschaffung Adams“ mit Gottes Finger in einer ausgestreckten Geste, während Adams Finger leicht gebeugt ist. Hände können in der Kunst vieles bedeuten: eine Metapher für den Künstler als Schöpfer, aber auch das traumatisierte Individuum der Nachkriegszeit oder die segnende Hand im Christentum. In jedem Fall bedeuten Hände einen Kontakt zur Welt. In Baselitz‘ Schaffen zählt die Hand zu jenen Werken, die er von 2005 an in Remix-Arbeiten variierte.
Er lebte zuletzt in Salzburg
Wenn man von den spektakulären Auftritten des Künstlers absieht, war Georg Baselitz, der eigentlich Hans-Georg Kern hieß und aus dem sächsischen Deutschbaselitz stammte, ein Maler, der tief aus seinem Inneren schöpfte, aus seiner Kriegskindheit in Ostdeutschland, seiner Jugend in der DDR und dem Friedens- und Freiheitsdrang, der daraus resultierte und ihn Anschluss an die westliche Moderne finden ließ. Nach seiner Flucht aus der DDR setzte er sich im Westteil Berlins mit den Theorien von Wassily Kandinsky, Ernst Wilhelm Nay und Kasimir Malewitsch auseinander. 1975 erwarb er Schloss Derneburg in Niedersachsen, lebte und arbeitete dort bis 2006. Dann zog er zunächst an den Ammersee, von 2013 an war er in Salzburg zuhause. Dort erhielt er zusammen mit seiner Ehefrau die österreichische Staatsbürgerschaft. 2015 geriet er noch einmal in den Fokus der Öffentlichkeit, als er aus Protest gegen die vorgesehene Verschärfung des deutschen Kulturgutschutzgesetzes seine Leihgaben aus deutschen Museen zurückzog. Demzufolge hatten Museumssammlungen in ihrer Gesamtheit unter Ausfuhrschutz gestellt werden sollen. Dazu kam es dann aber doch nicht.
Georg Baselitz hat mit seiner Arbeit nicht nur die Kunstszene des 20. und 21. Jahrhunderts bereichert, sondern auch sich und seine Familie. Großformatige Gemälde erzielen auf Auktionen Preise von mehr als zwei Millionen Euro.