Kritik an der Ukraine sei in Berlin «weitgehend tabu», schreibt NZZ-Chefredaktor Eric Gujer. Die Bundesregierung verurteile «selbst die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines nicht». Die Aussenpolitik von Kanzler Friedrich Merz (CDU) werde immer rätselhafter.
Verwundert stellt Gujer fest, die Empörung in Deutschland sei ausgeblieben, nachdem klar geworden sei, dass Kiew hinter dem Attentat auf die für Deutschland so wichtige Energieinfrastruktur stehe. Präsident Wolodymyr Selenskyj sei «nicht zum Staatsfeind Nummer eins erklärt» worden. «Im Gegenteil, er wird in Berlin weiter hofiert.»

Neue Töne bei der Neuen Zürcher: Chefredaktor Gujer wirft Deutschland vor, vor dem «ukrainischen Staatsterrorismus» zu kuschen
Niemand respektiere ein Land, das sich selbst so wenig respektiere, dass es sich «nicht einmal gegen eine flagrante Verletzung seiner nationalen Interessen wehrt». Die Bundesregierung und die deutschen Medien aber schwiegen.
Gujer diagnostiziert hier eine Neigung zu «stellvertretendem Hurrapatriotismus». Nirgends werde der ukrainische Heroismus so verklärt wie in der Bundesrepublik.
Generell sieht der NZZ-Chef in Deutschland einen mangelnden Realismus in der Aussenpolitik. Hinzu komme eine deutsche Eigenheit: das Unvermögen, seinen Standpunkt offen und ehrlich auszusprechen. Merz fahre darum einen «atemberaubenden Zickzackkurs» in aussenpolitischen Belangen. Insofern sei die Funkstille beim ukrainischen Staatsterrorismus nur konsequent. «Wer so rumeiert, schweigt am besten.»
Das sind völlig neue Töne von der Neuen Zürcher. Jahrelang klang Gujers Blatt wie ein Unterstützungsorchester für die Ukraine, ähnlich, wie es auch in deutschen Medien der Fall ist – und weit weg von der traditionellen Nüchternheit und erst recht von der Unabhängigkeit und Neutralität eines Schweizer Standpunktes.