Lust, anderen beim Eskalieren zuzuschauen!? Unsere Streaming-Highlights des Monats kreisen um Macht, Begehren und Selbstbehauptung. Von Gilead bis zu Gen-Z-Gefechten, von internalisierter Unterwerfung bis zu befreienden Cowboy-Shoot-outs in der Schönheit Montanas.

„The Testaments – Die Zeuginnen“

Stricken, Sticken und vor allem das: die Vorbereitung auf die Rolle, die für eine junge, fruchtbare Frau vorgesehen ist – Mutter zu werden und gehorsame Gattin. Die Disney+-Serie „The Testaments: Die Zeuginnen“ schildert auf packende Weise die Welt im Gottesstaat Gilead aus der Sicht einer Gruppe junger Frauen, für die ihre Unfreiheit so selbstverständlich ist, dass sie sie als Ehre empfinden. Doch auch in einem totalitären System, das jede Abweichung mit schweren Strafen belegt, kann sich die Sehnsucht nach Selbstbestimmung ihren Weg bahnen.

In Gilead bringt sie das Weltbild der Frauen nicht nur fundamental ins Wanken, sondern bedroht auch ihre Leben. Margaret Atwood hat mit „The Testaments“ eine großartige Fortsetzung ihrer ebenfalls verfilmten Dystopie „The Handmaid’s Tale“ geschrieben. Beide Serien führen eindringlich vor Augen, was Unterdrückung bewirkt, was passiert, wenn man das eigene Denken ausschaltet und „Führern“ die Macht überlässt – und sie zeigen, dass es sich trotz allem lohnt, für die Freiheit zu kämpfen. Claudia Becker

Im Streaming auf Disney+

„Marshals – A Yellowstone Story“

Taylor Sheridan, der Schöpfer des Serien-Blockbusters „Yellowstone“, arbeitet weiter unermüdlich daran, aus der Ranch-Dynastie einen „Star Wars“-artigen Serien-Kosmos für Cowboy-Romantiker zu schaffen. Mit „1883“ hat Sheridan bereits eine Serie zur Vorgeschichte der Familie Dutton und ihrer „Yellowstone“-Ranch in Montana geschaffen, nun startete in Deutschland bei Paramount+ die erste Staffel von „Marshals – A Yellowstone Story“. Dabei handelt es sich sozusagen um die erste Geschichte, die „nach“ der Erfolgsserie spielt.

„Marshals“ dreht sich um Kayce Dutton (wieder von Luke Grimes gespielt), den jüngsten Sohn von John Dutton. Ein Jahr nach dem Tod seiner (indigenen) Frau, nach dem Tod des von Kevin Costner gespielten Patriarchen, dem spurlosen Verschwinden des Bruders und dem Verkauf der Ranch an die Ureinwohner versucht Kayce als Klein-Rancher und alleinerziehender Vater, seinen Frieden zu finden. Dabei hilft am Ende, dass ein alter Mitkämpfer bei den Navy SEALs als US-Marshal mit seinem Team nach Montana kommt, Kayce erst um Hilfe bittet und dann diesen trauernden, einsamen Wolf in sein Team holt.

Das wirkt am Anfang ein wenig steif und bemüht, aber spätestens ab der zweiten von neun Folgen der ersten Staffel entwickelt auch „Marshals“ wieder diesen unnachahmlichen „Yellowstone“-Sog. Einen Sound aus umwerfender Landschaft, Modern-Cowboy-Romantik, brutaler Natur und liebenswert-kaputten Charakteren. Der Wilde Westen von seiner verführerischsten Seite. „Marshals“ ist dabei weniger „Denver-Clan“ und große Politik als die Ursprungsserie – hier wird die Dutton-Geschichte mit all ihren Leichen in diversen Canyons um klassisch-knallharte Verbrecherjagd ergänzt. Der „Bodycount“ bleibt damit gewohnt hoch im gnadenlos schönen Montana. Volker Corsten

Im Streaming auf Paramount+

„Beef“ (Staffel 2)

Ohne konkrete Szenen spoilern zu wollen: Wer die 2023 erschienene Serie „Beef“ gesehen hat, erinnert sich mit größter Wahrscheinlichkeit sehr genau an gleich mehrere, wenn nicht sogar an alle Episoden – im Zweifel bis ins Detail. So eindrucksvoll spielten Ali Wong und Steven Yeun zwei Fremde, die sich – zerfressen von Frust angesichts ihres eigenen Daseins – manipulieren, beleidigen und bekriegen, nachdem sie bei einem Autounfall aufeinandergetroffen waren.

In der sehnlichst erwarteten zweiten Staffel treten nun ganz neue Charaktere auf: Carey Mulligan und Oscar Isaac spielen ein Ehepaar, das sich in einem südkalifornischen Country Club mit den Angestellten anlegt. Diese, ebenfalls ein Paar, gehören der Gen Z an und vertreten deutlich andere Ansichten, was bei „Beef“ naturgemäß zu Konflikten der Extraklasse führt. Da auch diese Episoden aus der Feder von Lee Sung Jin stammen, der für die erste Staffel den Emmy für die „Beste Miniserie“ erhielt, dürften Alt- und Neufans es kaum erwarten können, anderen erneut beim Streiten zuzusehen. Anja Francesca Richter

Im Streaming auf Netflix

„Age of Attraction“

Auf Netflix läuft aktuell ein neues Beziehungsexperiment. Nach „Love is Blind“, wo sich Singles verloben, ohne zu wissen, wie ihr neuer Lebenspartner aussieht, müssen sie nun in „Age of Attraction“ daten, ohne fragen zu dürfen, wie alt ihr Gegenüber ist. Der Cast ist optisch natürlich smart ausgewählt: scheinbar alterslose, glattgesichtige, schlanke Frauen treffen auf bärtige Männer ohne graue Haare; sie alle könnten plus/minus dreißig sein, die vierzig Singles sind in Wahrheit aber zwischen 22 und 60 Jahre alt.

In guter Datingshow-Manier geht es in verschiedenen Konstellationen zum Rafting, Ziplining, zur Weinprobe, in den Whirlpool und zur Massage. Und so finden sich natürlich einige Paarungen, zum großen Reality-Glück auch mit recht großen Altersunterschieden. Reality-Gold sind dann die Altersenthüllungen, die Treffen mit Kindern, die älter sind als der neue Partner ihrer Mutter, und mitzuerleben, wie alle damit umgehen. Ist Alter wirklich nur eine Zahl? Nicola Erdmann

Im Streaming auf Netflix

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