Zu viele Eier sind schädlich, Hafer ist ein Wundermittel, Statine lösen das Problem – das Thema Cholesterin verunsichert. Fest steht: Unentdeckt drohen ernste Folgen für Gefäße und Herz. Welche Faktoren wirklich entscheidend sind, das persönliche Risiko effektiv zu reduzieren.
Cholesterin ist ein für den Körper lebenswichtiger, fettähnlicher Stoff. Er dient als Baustein für Zellwände, Hormone (z. B. Östrogen, Testosteron), Vitamin D und Gallensäure. Cholesterin ist damit ein unverzichtbarer Grundstoff für den Körper. Doch seine Menge und Verteilung sind entscheidend für die menschliche Gesundheit.
Ist die Konzentration im Blut erhöht, kann aus dem wichtigen Baustein schnell ein Gesundheitsrisiko werden. Die meisten Menschen verbinden Cholesterin wohl mit der Ernährung. Jahrzehntelang galten Eier, Wurst, Butter und Sahne als wahre Treiber der Cholesterinwerte. Ärzte warnten deshalb eindringlich vor einem Übermaß an fetten, tierischen Lebensmitteln. Wer zu viel Cholesterin isst, wird krank, so die Vermutung. Deshalb ist die Verunsicherung bei vielen Menschen groß.
Doch wann ist zu viel Cholesterin im Blut? Welche gesundheitlichen Folgen kann das haben? Wann ist die Einnahme sogenannter Cholesterin-Senker sinnvoll? Und wie beeinflusst die Ernährung den Cholesterinspiegel wirklich? Weltweit forschen Wissenschaftler zu diesen Fragen.
Forscher der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn fanden kürzlich heraus, dass Haferflocken gegen einen zu hohen Cholesterinspiegel im Blut wirken. Die Studie wurde in dem Fachmagazin „Nature Communications“ veröffentlicht.
Die Untersuchung umfasste insgesamt 68 Teilnehmer und bestand aus mehreren Interventionsphasen. An zwei Tagen bestand jede der drei Mahlzeiten ausschließlich aus Hafer. Insgesamt aßen die Probanden 300 Gramm Haferflocken, gekocht in heißem Wasser, garniert mit ein wenig Obst. Die Mahlzeiten waren kalorienarm – die Teilnehmer nahmen nur halb so viele Kalorien zu sich wie sonst. Eine Kontrollgruppe ernährte sich ebenfalls durch eine kalorienreduzierte Diät. Allerdings ohne Haferflocken.
Alle Teilnehmer lebten mit dem metabolischen Syndrom, auch bekannt als „tödliches Quartett“. Betroffene leiden an Übergewicht, Bluthochdruck sowie erhöhten Blutzucker- und Cholesterinwerten. Die Auswertung der Blut- und Stuhlproben überraschte die Forscher: Der schädliche Cholesterinwert war um zehn Prozent gesunken. Die Probanden verloren zudem im Schnitt zwei Kilo und auch ihr Blutdruck sank leicht.
Das Forscherteam erklärt den niedrigeren Cholesterinwert im Blut so: Gelangen die Haferflocken in den Darm, verstoffwechseln die darin lebenden Bakterien das Getreide und produzieren dabei phenolische Verbindungen. Diese sogenannten sekundären Pflanzenstoffe wirken im menschlichen Körper antioxidativ, entzündungshemmend und zellschützend. Die entzündungshemmenden Verbindungen beeinflussen den Cholesterinstoffwechsel positiv, zeigten bereits Tierstudien.
Welchen Einfluss hat die Ernährung auf das Cholesterin?
„Ernährung hat nur einen geringen Einfluss auf den Cholesterinspiegel“, sagt Jean-François Chenot im Gespräch mit WELT. Der gebürtige Belgier ist Professor und Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin an der Universität Greifswald.
„Wenn Sie eine ganz strenge Diät verfolgen, können Sie Ihren Cholesterinspiegel von beispielsweise 200 auf 190 senken.“ Cholesterinwerte werden im Blut in Milligramm pro Deziliter oder Millimol pro Liter gemessen. Die fettähnliche Substanz wird größtenteils von der Leber produziert und nur zu einem geringeren Teil mit der Nahrung aufgenommen.
In Bezug auf das Cholesterin könne man demnach so viele Eier essen, wie man will. „Im Eigelb ist zwar viel Cholesterin, jedoch gibt es keine Hinweise darauf, dass mehr Eier das kardiovaskuläres Risiko erhöhen.“ Er fügt hinzu: „Ich empfehle aber klar, möglichst wenig tote Tiere zu essen.“
Wie hoch der Cholesterinwert ist, sei weitgehend genetisch festgelegt. Menschen mit viel Fett im Blut leiden an einer angeborenen Hypercholesterinämie. Etwa jeder 250ste Mensch wird mit dieser Erkrankung geboren, wie die Deutsche Herzstiftung mitteilt.
Was ist ein normaler Wert für Männer und Frauen?
Der Cholesterinwert kann mithilfe eines Bluttests geprüft werden. In der Auswertung gibt es drei Werte – mit jeweils eigenen Richtwerten:
Gesamt-Cholesterin: <200 mg/dl (<5,2 mmol/l)LDL-Cholesterin: <116 mg/dl (<3,0 mmol/l)HDL-Cholesterin: >35 mg/dl (>0,9 mmol/l) – bei Männern idealerweise >40 mg/dl (1,0 mmol/l) und bei Frauen >50 mg/dl (1,3 mmol/l)
Das Gesamt-Cholesterin ist die Summe aus LDL und HDL Cholesterin im Blut. Dieser Wert kann erste Hinweise auf einen schlechten Fettstoffwechsel geben. LDL gilt als „schlechtes“ Cholesterin. Hohe HDL-Werte hingegen schützen vor schlechtem Cholesterin.
Doch warum ist ein hoher Cholesterinspiegel problematisch? Produziert die Leber zu viel von dem „schlechten“ – LDL-Cholesterin – lagert sich das Fett als „Verkalkung“ an den Gefäßwänden ab.
Betroffene berichten bei fortgeschrittenen Gefäßverengungen von einem Engegefühl, Brustschmerzen oder Schwindel, wohingegen ausschließlich ein hoher Cholesterinwert symptomfrei ist. Gefährlich wird es, wenn die Verkalkungen drohen einzureißen. Passiert das, kann ein Blutgerinnsel entstehen und das gesamte Gefäß verschließen. In diesem Fall kommt es zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall – es besteht akute Lebensgefahr.
Doch Cholesterin ist nicht allein für verkalkte Gefäße verantwortlich. Zigarettenrauch, Bluthochdruck, Bewegungsmangel und Blutzucker führen ebenfalls zu Ablagerungen in den Arterien. Die möglichen Folgen: Niereninsuffizienz, vaskuläre Demenz und Erektionsstörungen.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen infolge von Gefäßverkalkungen noch immer die häufigste Todesursache bei Frauen in Deutschland. Besonders gefährdete Gefäße für Verkalkungen sind große und mittelgroße Arterien, insbesondere die Herzkranzgefäße, die Halsschlagader sowie Arterien im Becken- und Beinbereich. Auch die Aorta und hirnversorgende Gefäße sind häufig betroffen.
„Cholesterin ist keine Krankheit, es ist ein Risikofaktor“
„Die Grenzwerte, welcher Cholesterinspiegel zu hoch ist oder nicht, wurden immer wieder geändert. Das ist der Punkt, an dem ein Streit zwischen dem Hausarzt und dem Kardiologen entbrennt“, sagt Chenot im Gespräch mit WELT. Ab wann Cholesterin-Senker – sogenannte Statine – eingesetzt werden sollten, sei längst ein Politikum unter Ärzten.
„Bevor ich als Hausarzt jemandem eine Tablette verordne, gebe ich die folgenden Werte in einen Risikorechner ein: den Cholesterinwert, Blutdruck, ob er Diabetes hat, ob er raucht, wie alt er ist und ob er ein Mann oder eine Frau ist.“ Das Programm errechnet anhand dieser Daten das prozentuale Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis innerhalb der nächsten zehn Jahre.
Im Dezember 2024 hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der über den Nutzen von Cholesterin-Senkern entscheidet, die Verordnung von Statinen neu geregelt. Seitdem können auch Patienten behandelt werden, deren Zehn-Jahres-Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall mindestens zehn Prozent beträgt. Zuvor lag der Wert bei 20 Prozent. Durch den neuen Wert liegen automatisch mehr Menschen über dem Grenzwert.
„Ein gesunder 70-Jähriger mit optimalem Blutdruck und Fettwerten hat ein Risiko von etwa zehn bis 12 Prozent, in den nächsten 10 Jahren ein kardiovaskuläres Ereignis zu erleiden“, so Chenot. Anhand dieses eher unterdurchschnittlichen Risikos für sein Alter sollten nun Cholesterin-Senker verschrieben werden, weil sein Risiko über zehn Prozent ist. Doch ausschlaggebend sei hier das Alter: „Ich behandle kein Alter. Cholesterin-Senker wären hier schwer zu begründen“, so Chenot.
Der Allgemeinmediziner gibt ein Beispiel: Hat eine 35-jährige Frau ein zehnprozentiges Risiko, „würde sie von mir eine Tablette bekommen“. Im Vergleich zu Gleichaltrigen habe sie ein überdurchschnittliches Risiko. „Cholesterin ist keine Krankheit, es ist ein Risikofaktor“, neben vielen anderen, betont er. Wenn alle anderen Risikofaktoren verringert werden können, könne man auch mit einem höheren Cholesterinwert gut leben.
„Wenn Raucher mit dem Rauchen aufhören, sinkt das Risiko für einen Herzinfarkt um 50 Prozent“, erklärt er. Und weiter: „Wenn ich dir einen Cholesterin-Senker gebe, um 20 Prozent.“ Das seien Maßnahmen, die für das Risiko viel wirksamer sind als eine Cholesterin-Tablette. Chenot kritisiert, dass einige Kardiologen einseitig fokussiert auf Cholesterinwerte oder eine er nicht am Lebensalter orientierten Risikoschwelle Statine verschreiben. Nach dem Motto: „Das Cholesterin ist hoch und durch Medikamente beeinflussbar, also verschreiben wir Medikamente.“
Viele Patienten wüssten nicht, ob sie dem Kardiologen oder Hausarzt glauben sollen, erzählt Chenot. „Wenn man das so ganz stumpf und primitiv macht, wie die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) das vorschlägt, dann würden 70 bis 80 Prozent der Menschen in Deutschland Fettsenker-Tabletten nehmen.“
Kardiologe Ulrich Laufs sieht das – wenig überraschend – anders. Laufs ist Professor und Leiter der Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig. „Wir glauben, dass man etwa zwei Drittel aller Herzinfarkte und Schlaganfälle, verhindern kann, wenn man Blutdruck und Cholesterin rechtzeitig tief hält“, sagt Laufs im Gespräch mit WELT.
Hoch dosierte Statine können die Menge an LDL-Cholesterin im Blut halbieren. Bei mittlerer Dosis verringert sich der Wert um 30 bis 50 Prozent. Zu den berichteten Nebenwirkungen von Statinen zählen unter anderem Muskelschmerzen und ein leicht erhöhtes Diabetesrisiko.
Der Kardiologe betont: „Der Lebensstil ist die Basis, und dann kommen die Medikamente“. Die wichtigsten Faktoren seien „Bewegung, Nichtrauchen und ein normales Körpergewicht“, erklärt Laufs. „Alkohol erhöht übrigens den Spiegel der Körperfette“, fügt er hinzu. Um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen, sei zudem wichtig, den eigenen Cholesterinwert im Blut regelmäßig zu prüfen. Wer gesetzlich versichert ist, kann das beim Hausarzt überprüfen lassen.
Der Check-up sei für 18- bis 34-Jährige einmalig und ab 35 Jahren alle drei Jahre kostenlos. Für Laufs ist klar, dass der Einsatz von Cholesterin-Senkern bei einem hohen Cholesterin im Blut sinnvoll sei, um den Kalkablagerungen frühzeitig vorzubeugen. „Wenn die Verkalkungen einmal da sind, können Fettsenker die Ablagerungen zumindest auf dem gleichen Level halten und auch zu einem kleinen Rückgang beitragen.“
Litt der Patient bereits an einem ein Herzinfarkt oder Schlaganfall, seien Cholesterin-Senker ebenfalls ratsam. „Wir haben Gott sei Dank günstige Medikamente, mit denen wir das Risiko nachweislich reduzieren können“, so Laufs.
Ulrich Laufs ist Mitglied im Exekutivkomitee der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC). Die Leitlinien der Fachgesellschaft zur Behandlung von Fettstoffwechselstörungen wurden in den vergangenen sechs Jahren zweimal überarbeitet.
Nach den aktuellen Empfehlungen wird zunächst das Gesamt-Cholesterin gemessen. Dieser Wert gibt eine erste Orientierung, reicht allein aber nicht aus. Entscheidend ist vor allem das LDL-Cholesterin: Je höher das individuelle Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, desto niedriger sollen die Zielwerte liegen. Zur Senkung empfiehlt die ESC in erster Linie Statine, bei Bedarf ergänzt durch weitere Medikamente.
Die Leitlinie empfiehlt zudem, einmal im Leben den Wert des Lipoprotein(a) im Blut zu messen. Auch dieser Wert ist weitgehend genetisch bestimmt. Ab einer Konzentration von 30 mg/dl steigt das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall leicht, ab 50 mg/dl gilt Lipoprotein(a) als klarer Risikofaktor – unabhängig vom Gesamtcholesterin. Ist Lipoprotein (a) erhöht, soll das LDL-Cholesterin besonders niedrig gehalten werden, auch wenn das Gesamt-Cholesterin unauffällig ist.