La forza del destino | 4. Mai 2026
Veni, vidi – Verdi. Der modifizierte lateinische Ausspruch versinnbildlicht am Berner Stadttheater den Sieg der Musik über ein Regiekonzept, das den Vierakter «La forza del destino» als bizarre Persiflage auf die Bühnen Bern bringt. Julia Lwowski setzt in ihrer unausgegorenen Lesart auf die Kernaspekte aus der Schublade des erweiterten Klassenkampfs. Die Solisten sind mehrheitlich eine Freude, und Alevtina Ioffe sorgt am Pult des BSO trotz all der szenischen Widrigkeiten für drei Stunden Hörgenuss.

Bildgewalt für Verdis gewaltige «Forza» in Bern: Christian Valle als Padre Guardino und Caterina Marchesini als Leonora.Fotos: Florian Spring
Der Schreibende hatte im November 2025 die Frage aufgeworfen (die Plattform J berichtete), ob die für ihre radikalen wie dekonstruktivistischen Ansätze bekannte Inszenatorin Julia Lwowski dem Berner Haus eine Opernkatastrophe beschert. Nun, der Begriff Katastrophe ist zu hoch gegriffen, denn eine solche setzt eine gewisse Fallhöhe voraus. Was Lwowski und ihr Team dem Berner Publikum vorsetzen, ist vielmehr eine unbeholfene Kasperlevorstellung, die das monumentale musikalische Panorama von Gewalt und Vergeltung zur harmlosen Farce schrumpfen lässt.
Die Themen Rassismus, Kolonialismus, Kapitalismus und Kirche sind zwar omnipräsent, verlieren aber durch ihre stereotype wie kindliche Herangehensweise jede Schlagkraft
Längst überholtes Regietheater
Der erratische Versuch einer Provokation durch antiquiertes Regietheater wirkt bei Lwowski bemüht. Die Bombe zündet nicht, weil sie keine Zündschnur hat. Die Themen Rassismus, Kolonialismus, Kapitalismus und Kirche sind zwar omnipräsent, verlieren aber durch ihre stereotype wie kindliche Herangehensweise jede Schlagkraft. Den Zorn des Stammpublikums weckt Lwowski einzig damit, wie sich ihr Musiktheaterkollektiv «Hauen und Stechen» dezidiert über die Oper lustig macht. Doch dazu später.

Wer erschiesst hier wen? Bei Lwowskis Lesart überschneiden sich die Bilder immer mal wieder: Mihails Čuļpajevs als Don Alvaro und Caterina Marchesini als Donna Leonora (oben).
Verdis 23. Opus mit dem Libretto von Francesco Maria Piave und Antonio Ghislanzoni war ein Auftragswerk von 1862 für St. Petersburg. Verdi sollte noch sieben Jahre an diesem düsteren Stoff weiterwerkeln, bis der internationale Durchbruch 1869 an der Mailänder Scala mit der heute gespielten Neufassung gelang.
Regisseurin Julia Lwowski flüchtet sich in eine exzessive Videomanie und setzt von Beginn an massiv auf Livekameras. Diese bewegten Bilder wirken jedoch redundant. Statt Tiefe zu erzeugen, lenken sie eher vom Wesentlichen ab
Redundanz und Videomanie
Das Premierenpublikum erlebte eine Inszenierung, die bewusst aus dem Rahmen fällt – allerdings primär durch eine oberflächliche Bilderflut. Regisseurin Julia Lwowski flüchtet sich in eine exzessive Videomanie und setzt von Beginn an massiv auf Livekameras. Diese bewegten Bilder wirken jedoch redundant. Statt Tiefe zu erzeugen, lenken sie eher vom Wesentlichen ab. In dieser Interpretation erscheint der Marchese di Calatrava als arroganter Unsympath, der sich seinen Logenplatz erkauft, um Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund hämisch aus seinem Dunstkreis zu vertreiben.

In Verdis Oper thront über allem der Vater Il Marchese di Calatrava …

… den seine Tochter Leonora (Caterina Marchesini) ins Kloster zwingt.
Hier findet die Regisseurin einen Punkt, der im Werk als Randnotiz angelegt ist: In Verdis «Forza» eskaliert ein Konflikt, weil der Marchese die Liebe seiner Tochter Leonora zum Inka-Prinzen Alvaro in heutigen Interpretationen aus rassistischen Motiven untersagt. Bei einem Fluchtversuch löst sich versehentlich ein Schuss, der den Vater tötet und eine jahrelange, blutige Verfolgung durch Leonoras Bruder Don Carlo di Vargas auslöst. Die Tragödie endet in einem Kloster, wo der blinde Hass der Familie schliesslich Don Carlo und Leonora in den Tod reisst. Soweit die Handlung – und der kann man zu weiten Teilen sogar folgen, «Ruckelkamera» hin oder her.
Slapstick versus Intimität
Martin Mallons Handkamera läuft indes auf Hochtouren, während Yassu Yabaras Bühnenelemente – mal Schlachthauswand, mal Stoffbahne – als Alibi-Projektionsflächen für nervöse, oft sinnfreie Bildkaskaden herhalten. Hauptsache, es flimmert, wenn die Personenführung mal wieder im Leerlauf feststeckt. Der Rest der Kreativität erschöpft sich im Zertrümmern eines Modell-Kriegsschauplatzes oder in einem hysterischen Schleiertanz um den Solisten. Ein visuelles Dauerfeuer, das im Grunde jeden Intellekt beleidigt – es sei denn, die Pubertät dauert noch an.
Während Leonores Arie «Madre, pietosa Vergine» fliessen falsche Tränen: Videobilder zeigen Choristen, die theatralisch schluchzen und sich dabei Wasser aus Taschentüchern über die Brauen pressen
Mitunter gewinnt man den Eindruck, dass sich zumindest die Solisten Freiräume geschaffen haben, um einer Arie die nötige dramatische Ausdruckskraft zu verleihen. Doch auch hier bringt es die Regie fertig, intime Momente mit Slapstick zu konterkarieren. Während Leonores Arie «Madre, pietosa Vergine» fliessen falsche Tränen: Videobilder zeigen Choristen, die theatralisch schluchzen und sich dabei Wasser aus Taschentüchern über die Brauen pressen.
Kinder knallen gegen eine Tischplatte
Einmal mutiert ein Franziskanermönch zum hyperagilen Fluglotsen, ein andermal sind es drastische Übersteigerungen von Mimik und Gestik, die man im Filmschaffen als «Overacting» bezeichnet. Bei der Szene, in der Kinder symbolisch gegen eine Tischplatte geknallt werden, vergeht dann aber den meisten das Lachen im Saal, auch wenn die Regie damit die Drastik eines Krieges vor Augen führen will.
Schick deinen Vater auf den Strich. Zerschneide deine Kreditkarte
Die Kunstfigur Kumernissa

Schicksalshafte Dreierkombination ohne Macht (vlnr): Gustavo Castillo (Con Carlo), Caterina Marchesini (Leonora) und Mihails Čuļpajevs (Don Alvaro).
Frau mit Schnauz, Mann mit Rock
Für die Kostüme zeichnet Romy Springsguth verantwortlich; es ist ein wilder Ritt durch den Fundus, vom schicken Zweireiher über das schwarze Abendkleid bis hin zu farbenfroh stilisierten Mönchskutten und Statisten in Plastikfolien. Die Wahrsagerin Preziosilla steckt im roten Sado-Maso-Outfit mit schwarzen Stiefeln. Die Damen im Bild haben Schnauzer, die Herren auf der Bühne tragen mitunter Rock. Video-Einspieler mit der fiktiven Figur «Kumernissa» geben Aufschluss. Das madonnenähnliche Wesen lehrt uns: «Geh über eine Grenze. Wechsle dein Geschlecht.» Und fährt dann wesentlich derber fort: «Schick deinen Vater auf den Strich. Zerschneide deine Kreditkarte.»
Eine Dame neben mir wurde schon nach 30 Minuten vom Opernschlaf übermannt, ich beneide sie aufrichtig. Christian Aufderstroth am Licht trifft keine Schuld. Eine Reihe hinter mir hat die Gruppe «Family & Friends» Platz genommen. Alle glucksen vor Freude wie bei einer Kindervorstellung, und sie gehören am Schluss auch zu jenen, die laut «Bravo» skandieren und frenetisch klatschen. An der Premiere am Sonntagabend waren besonders viele Claqueure anwesend, um potenzielle Buhrufe abzufedern. Das gelang nur ansatzweise. Die Stammgäste rebellieren von mal zu mal lauter.
Caterina Marchesini verleiht der Leonora mit ihrem expansiven Sopran tragische Grösse, wobei sie besonders in den Momenten der Verinnerlichung durch feinstimmige Piani besticht
Kraftvolle Helden
Musikalisch steht die Produktion auf festem Grund: Caterina Marchesini verleiht der Leonora mit ihrem expansiven Sopran tragische Grösse, wobei sie besonders in den Momenten der Verinnerlichung durch feinstimmige Piani besticht. Als ihr Gegenspieler Don Carlo präsentiert sich Gustavo Castillo mit einem markanten Bariton, dessen virile Strahlkraft der Figur eine unerbittliche Präsenz verleiht. Marcela Rahal weiss ihren Mezzosopran als Preziosilla wirkungsvoll zu inszenieren; ihr Timbre ist von dunkler Samtigkeit durchzogen. Eine kriegstaugliche Amazone inmitten rivalisierender Böcke.

Zuerst Brüder im Geiste, dann erbitterte Rivalen: Mihails Čuļpajevs (Don Alvaro) (links) und Don Carlo (Gustavo Castillo).
Christian Valles Charakter-Bariton
Den zugewiesenen komödiantischen Pol besetzt Jonathan McGovern, dessen charaktervoller Bariton dem Fra Melitone eine bemerkenswerte Kontur verleiht. Ebenso eindrucksvoll agiert Christian Valle als Marchese und Padre Guardiano mit seinem profunden Bass. Einzig Mihails Čuļpajevs vermag als Don Alvaro nicht vollends zu überzeugen: Sein lyrischer Tenor gerät in den exponierten Höhen spürbar an seine Grenzen, was sich schmerzhaft in mangelnder Präzision der Intonation äussert.
Unter der Leitung von Alevtina Ioffe entfaltet das Berner Symphonieorchester eine majestätische Klangpracht, die zwischen donnernder Schicksalswucht und filigraner Zartheit meisterhaft austariert ist
Präzise musikalische Struktur
Unter der Leitung von Alevtina Ioffe entfaltet das Berner Symphonieorchester eine majestätische Klangpracht, die zwischen donnernder Schicksalswucht und filigraner Zartheit meisterhaft austariert ist. Als ordnende Kraft setzt Ioffe dem irren Treiben auf der Bühne eine präzise musikalische Struktur entgegen. Ihr vorwärtsgetriebenes Dirigat bändigt die Energie der Partitur und verschmilzt die Szenen zu einer zwingenden emotionalen Einheit. Der Chor der Bühnen Bern, einstudiert von Zsolt Czetner, bildet das fulminante Rückgrat und bedient die genuine «Verdi-Wucht».

Eine «Regimentstochter von Verdis Gnaden: Die Wahrsagerin Preziosilla (Marcela Rahal) führt die Massen an.
Auf Scholz folgt Schulz
Ein Wiedersehen mit Julia Lwowski gibt es in der nächsten Saison am Opernhaus Zürich. Ihr Team wird die Donizetti-Oper «L’elisir d’amore» verantworten. Gehauen und gestochen. Intendant Matthias Schulz (nicht Scholz) freut sich auf einen «repertoiretauglichen» Liebestrank. Ob dann die Opernstars Reihe stehen, darf bezweifelt werden. Freunden des emotionalen Musiktheaters sei an dieser Stelle die Wiederaufnahme von Puccinis «La rondine» in Zürich wärmstens empfohlen.
Peters Kultur-Tipp

«La forza del destino»
Giuseppe Verdi
Stadttheater Bern / Bühnen Bern
Kornhausplatz 20
3011 Bern
Weitere Vorstellungen bis Freitag, 19. Juni