Wenn ME/CFS und Diabetes zusammentreffen, potenzieren sich die Herausforderungen für Betroffene und Behandelnde gleichermaßen. VDBD und DDG empfehlen einen 5-Punkte-Plan – und plädieren für mehr interdisziplinäres Bewusstsein für diese komplexe Komorbidität.

Rund 650.000 Menschen in Deutschland leben mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) – eine Zahl, die seit der COVID-19-Pandemie weiter steigt. Treten ME/CFS und Diabetes mellitus gleichzeitig auf, entsteht eine therapeutische Konstellation, die weit über die Summe beider Erkrankungen hinausgeht. Klassische Diabetesempfehlungen – regelmäßige körperliche Aktivität, strukturierte Selbstkontrolle, kohlenhydratbewusste Ernährung – stoßen bei Menschen mit ME/CFS rasch an ihre Grenzen. Der Verband der Diabetesberatungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) haben nun konkrete Versorgungsempfehlungen formuliert und fordern mehr Awareness für diese bislang wenig beachtete Betroffenengruppe.

Was ist ME/CFS – und warum ist es diabetesrelevant?

ME/CFS ist eine schwere, multisystemische chronische Erkrankung, die Immunsystem, Nervensystem, Gefäßregulation und Energiestoffwechsel gleichermaßen betrifft. Leitsymptom ist eine tiefgreifende, nicht durch Schlaf erholbare Erschöpfung. Charakteristisch ist die sogenannte Post-Exertionelle Malaise (PEM): Bereits geringe körperliche oder kognitive Belastung kann zu einer ausgeprägten, manchmal tagelangen Symptomverschlechterung führen.

Für den Diabetesstoffwechsel ergeben sich daraus relevante Wechselwirkungen:

Störungen des autonomen Nervensystems können dazu führen, dass Hypoglykämien schlechter wahrgenommen oder mit Kreislaufsymptomen verwechselt werden.

Unterzuckerungen und chronische niedriggradige Entzündungen im Rahmen des Diabetes können ME/CFS-Symptome verstärken und die Erschöpfung vertiefen.

Kognitive Einschränkungen („Brain Fog”) erschweren das Selbstmanagement, etwa die Berechnung von Mahlzeiteninsulin oder das Anpassen der Therapie an wechselnde Belastungssituationen.

„Haben diese Patientinnen und Patienten zudem einen Diabetes, erfordert dies eine gute Kenntnis über beide Erkrankungen und deren mögliche Wechselwirkungen.”

Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen, Immunologin an der Charité Universitätsmedizin Berlin

Bewegung, Pacing und Insulinresistenz: ein schwieriges Dreieck

Eines der zentralen Spannungsfelder ist die Frage körperlicher Aktivität. Regelmäßige Bewegung gilt als wichtige Säule sowohl der Typ-2-Diabetes-Therapie als auch der Prävention – bei ME/CFS ist sie jedoch häufig kontraindiziert oder nur in stark reduziertem Maß möglich. Schon minimale Aktivität kann bei Betroffenen einen „Crash” auslösen.

DDG-Präsidentin Prof. Dr. Julia Szendrödi weist darauf hin, dass es zwar zunehmend Hinweise auf eine gestörte Energieverwertung sowie Veränderungen im Fett- und Zuckerstoffwechsel bei ME/CFS gibt – belastbare epidemiologische Daten, die ein erhöhtes Diabetesrisiko in dieser Gruppe direkt belegen, fehlen jedoch bislang. Tatsächlich zeigte eine US-amerikanische Fall-Kontroll-Studie (Maloney et al., 2010) eine Assoziation zwischen CFS und dem Metabolischen Syndrom, was pathophysiologische Überschneidungen nahelegt.

Das Prinzip des Pacing – also das bewusste Einteilen verfügbarer Energie, um PEM zu vermeiden – ersetzt bei ME/CFS strukturierte Bewegungsprogramme. Behandelnde sollten dieses Konzept kennen und in die Diabetesberatung integrieren, statt an konventionellen Bewegungszielen festzuhalten.

Technologie und Vereinfachung als therapeutische Antwort

Angesichts der kognitiven und körperlichen Einschränkungen von Menschen mit ME/CFS und Diabetes sind technologische Hilfsmittel besonders wertvoll:

Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) kann unbemerkte Hypoglykämien sichtbar machen und die Eigenwahrnehmung unterstützen.

Insulinpumpen und AID-Systeme (Automated Insulin Delivery) reduzieren den kognitiven Aufwand des Selbstmanagements erheblich.

Einfache, flexible Therapiepläne mit klaren Routinen entlasten Betroffene und beugen Überforderung vor.

„Wir müssen die Realität der Betroffenen ernst nehmen. Standardprogramme überfordern sie. Es geht nicht darum, Leistung zu steigern, sondern den Alltag stabil zu halten.”

VDBD-Vorsitzende Kathrin Boehm

Pharmakologische Ansätze: GLP-1-RA und Metformin im Fokus

Besonderes Interesse gilt derzeit GLP-1-Rezeptoragonisten: Sie verbessern nicht nur die Blutzuckerkontrolle und fördern die Gewichtsreduktion, sondern werden auch auf entzündungsmodulierende und gefäßschützende Eigenschaften untersucht. Einzelne Fallberichte deuten darauf hin, dass diese Substanzklasse auch ME/CFS-Symptome positiv beeinflussen könnte – klinische Studien laufen.

Darüber hinaus hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) aktuell beschlossen, Metformin zur Prophylaxe von Long/Post-Covid im Off-Label-Use bei Personen mit Übergewicht verordnungsfähig zu machen. Studiendaten zeigen, dass Metformin das Risiko für Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion um bis zu 50 % senken konnte – ein relevanter Aspekt, da ME/CFS häufig als Post-Covid-Erkrankung auftritt.

Der 5-Punkte-Plan von VDBD und DDG

VDBD und DDG haben auf Basis klinischer Erfahrung und pathophysiologischer Überlegungen – mangels spezifischer Leitlinienempfehlungen – einen praxisorientierten 5-Punkte-Plan entwickelt:

Erkrankung ganzheitlich verstehen – ME/CFS beeinflusst Energiehaushalt, Nervensystem und Stoffwechsel und kann den Diabetes direkt beeinflussen.

Therapie individuell anpassen – Pacing statt starrer Bewegungs- oder Therapiepläne; Belastung richtet sich nach täglicher Kapazität.

Blutzucker engmaschig überwachen – erhöhtes Risiko für Schwankungen und unbemerkte Hypoglykämien; technische Unterstützung (CGM/AID) nutzen.

Therapie und Alltag vereinfachen – klare Routinen, alltagstaugliche Ernährung, angepasst an kognitive Einschränkungen.

Sicherheit in den Fokus stellen – realistische Ziele, aktive Hypoglykämieprävention und Vermeidung von Überforderung.

Ausblick: Forschungsbedarf und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Alle Beteiligten betonen: Es braucht mehr Forschung, belastbare Daten und vor allem mehr Austausch zwischen den Fachdisziplinen. Eine 12-Jahres-Populationsstudie aus Taiwan (Leong et al., 2022) zeigte bereits, dass ME/CFS-Betroffene ein breites Spektrum an Komorbiditäten und einen erhöhten Versorgungsaufwand aufweisen – ein Befund, der die Forderung nach interdisziplinären Versorgungsstrukturen unterstreicht.

Quellen:

1. Pressemitteilung des VDBD vom .04.05.2026: Wie sich ME/CFS und Diabetes gegenseitig beeinflussen können

2. Maloney EM, Boneva RS, Lin JMS, Reeves WC. Chronic fatigue syndrome is associated with metabolic syndrome: results from a case-control study in Georgia. Metabolism. 2010;59(9):1351–1357. [Paper]

3. Leong K-H, Yip H-T, Kuo C-F, Tsai S-Y. Treatments of chronic fatigue syndrome and its debilitating comorbidities: a 12-year population-based study. Journal of Translational Medicine. 2022;20:268. [Paper]
4. Bae J, Lin JS. Healthcare Utilization in Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome (ME/CFS): Analysis of US Ambulatory Healthcare Data, 2000–2009. Front Pediatr. 2019;7:185. [Paper]
5. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Beschluss über eine Änderung der Arzneimittel-Richtlinie: Metformin zur Prophylaxe von Long/Post Covid.