Dass ein Bundeskanzler in einer Talksendung die Sendezeit nicht mit anderen Teilnehmern teilen will, sondern als Sologast befragt wird, ist nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist aber, dass die Antworten schon vor Ausstrahlung der Sendung freigegeben werden. Da will einer was loswerden, kann man daraus lesen. Und was Friedrich Merz anbelangt, müsste es wahrscheinlich heißen: Da muss einer auch unbedingt was loswerden, um zu versuchen, die Irritationen, die er selbst in jüngster Zeit ausgelöst hat, wenigstens ein bisschen einzufangen.
Zuletzt hatte Merz innen- wie außenpolitisch für mächtig Wirbel gesorgt. Dass die gesetzliche Rente künftig nur noch eine Basisabsicherung sein werde, hatte die SPD und die Gewerkschaften auf die Zinne getrieben. Und seine Aussage, die USA würden von Iran „gedemütigt“, hatte beim rachsüchtigen US-Präsidenten eine vorhersehbare Wirkung: Donald Trump zieht US-Soldaten aus Deutschland ab (wie viele es am Ende sein werden, muss sich noch zeigen) und verweigert den Deutschen dringend benötigte Mittelstreckenraketen. Dabei war Merz doch schon deutlich genug auf Distanz zum Krieg gegen Iran gegangen. Hätte er es nicht dabei bewenden lassen können?
Wahrscheinlich ist das aber schwierig, wenn man tickt wie Friedrich Merz, bei dem Worte manchmal aus dem Bauch herauspurzeln, ohne den Umweg über den Kopf zu nehmen. „Ich möchte nicht rund wie ein Kieselstein reden und werden“, sagt Merz bei Caren Miosga. Dafür gehe er „ein gewisses Risiko“ ein. Wie groß dieses Risiko für Merz inzwischen geworden ist, zeigt Miosga anhand von Umfrageergebnissen. Im Juni 2025 waren noch 39 Prozent der Befragten mit seiner Arbeit zufrieden, im April 2026 waren es nur noch 21 Prozent, Tendenz eher weiter sinkend. „Ich nehme den Missmut natürlich ernst“, sagt Merz.
Bundeskanzler
:Wie reden Sie denn mit uns?
Friedrich Merz galt in der Opposition als guter Redner, als Kanzler aber neigt er zum Belehren und zum Verplappern. Über einen, der die richtigen Worte als Mittel des Regierens noch immer nicht gefunden hat.
SZ PlusVon Daniel Brössler, Henrike Roßbach und Robert Roßmann
Die Frage ist allerdings, ob Merz den Missmut über seine Regierung, der sich immer stärker an ihm selbst abregnet, dämpfen kann, indem er sich seinen Koalitionspartner vorknöpft. Denn genau das tut Merz im innenpolitischen Teil der Sendung. Und zwar auf eine Weise, auf die man in seiner eigenen Partei schon länger gewartet hat, die aber bei der SPD vermutlich wieder eine Gegenreaktion auslösen wird, die dann wiederum eine Gegenreaktion … und so weiter. Es gebe in der CDU einen „größer werdenden Unmut“ über die Kompromissbereitschaft der Sozialdemokraten. Er erwarte von der SPD „die gleiche Kompromissfähigkeit, wie wir sie zeigen“, sagt Merz und fügt hinzu: „Die SPD muss wissen: Kompromisse sind keine Einbahnstraße.“
Gut möglich, dass SPD-Chef Lars Klingbeil als Reaktion das Gleiche sagt, damit aber die CDU meint. Mit Blick auf die eigenen Leute stellt Merz abermals klar, es solle sich niemand Hoffnungen auf eine Minderheitsregierung machen oder auf irgendwelche Deals mit der AfD. „Das kommt für mich nicht infrage.“ Um sozusagen im gleichen Atemzug dem Koalitionspartner die nächste Ermahnung mitzugeben. „Ich suche keine andere Mehrheit. Das sollte die SPD jetzt aber nicht zu dem Gedanken verleiten, sie könnte mit uns machen, was sie will.“ Er habe auf dem CDU-Parteitag ein gutes Ergebnis bekommen, aber kein Mandat, die CDU „umzubringen“. Die CDU müsse in dieser Koalition „vorkommen“. Schließlich sei es eine Regierung aus einem größeren und einem kleineren Partner.
Merz hat seinen Vorgänger Olaf Scholz mal einen „Klempner der Macht“ genannt. Unabhängig davon, was er damit eigentlich genau zum Ausdruck bringen wollte, kann man von einem Klempner erwarten, dass er die einzelnen Teile seines Materials ordentlich zusammenschraubt. Bei Merz hat man inzwischen den Eindruck, dass er Schwierigkeiten hat, die Einzelteile überhaupt richtig zu sortieren. Um im Klempnerbild zu bleiben, wäre Merz damit eher ein Klempner-Azubi im ersten Ausbildungsjahr.
Bei der Debatte über eine Steuerreform hantiert Merz mit einem Einzelteil jedenfalls so, dass daraus neue Unstimmigkeiten entstehen dürften. Er schließt nämlich Steuererhöhungen für höhere Einkommen, wie sie die SPD will, kategorisch aus. „Er muss wissen, dass das mit der CDU/CSU nicht geht. Auch mit mir nicht“, sagt er an die Adresse seines Vizekanzlers Lars Klingbeil. Dumm nur, dass sich CSU-Chef Markus Söder zuletzt offen für höhere Abgaben für Reiche gezeigt hatte. Ausgerechnet Söder, der sonst gerne als Dr. No auftritt.
Zu den sehr wichtigen Einzelteilen der politischen Agenda des Kanzlers gehört auch die aus den Fugen geratene weltpolitische Lage und hier insbesondere der komplizierte Umgang mit Donald Trump. Er habe Trump gesagt: „Wenn du willst, dass wir dir bei einem solchen Konflikt helfen, dann ruf uns vorher an und frag uns.“ Das ist ohne Frage eine ziemlich klare Ansage. Auch Merz scheint aber inzwischen zu dämmern, dass es vielleicht nicht die beste Idee war, vor Schülern im Sauerland zu sagen, die USA würden von Iran gedemütigt.
Miosga versäumt es, Merz auf eine alte Aussage anzusprechen
Denn so deutlich er die SPD rüffelt, so vorsichtig bleibt er beim Thema Trump. Er müsse akzeptieren, dass der US-Präsident bei diesem Thema eine andere Meinung habe. Das ändere aber nichts an seiner Überzeugung, dass die Amerikaner die wichtigsten Partner in der Nato blieben. Den von Trump verfügten Abzug von US-Truppen bemäntelt Merz mit den Worten, da sei es in den vergangenen Jahren immer ein Stück rauf- und ein Stück runtergegangen. Und was die verweigerten Raketensysteme angehe, hätten die Amerikaner seines Wissens gerade selbst nicht genug davon. Wann er zuletzt mit Trump selbst geredet habe, will Merz nicht genau verraten. Er rede „ganz regelmäßig und ganz vernünftig“ mit Trump und es gebe ja in diesem Jahr noch mehrere Gelegenheiten, bei denen man sich treffen werde.
Merz war vor gut einem Jahr schon einmal Gast bei Miosga. Damals hat er gesagt: „Wenn die Umfragen in einem Jahr immer noch so sind, dann beginne ich mir Sorgen zu machen.“ Leider versäumt es Miosga, den Kanzler auf dieses Zitat anzusprechen. Denn weil die Umfragen inzwischen sogar schlechter geworden sind als vor einem Jahr, worauf die Bild-Zeitung regelmäßig hinweist, müsste er sich jetzt eigentlich gewaltige Sorgen machen. Stattdessen fragt ihn Miosga, ob er demnächst die Vertrauensfrage stellen wolle. Merz gibt darauf eine Antwort, die alles offen lässt. „Das ist eine Frage, mit der ich mich heute nicht beschäftigen muss.“ Und morgen?
