Florian Scholz zur neuen Saison | 6. Mai 2026

Bühnen Bern präsentierten am Freitag die Saison 2026/27, die einmal mehr vollgepackt ist mit Klassikern, neuen Lesarten und Kooperationen. Intendant Florian Scholz spricht im «Zäme im Zäntrum», warum die Welt aus den Fugen ist, das Vierspartenhaus in der Oper auf die «Schlachtrösser» setzt und er auf E-Mails mit Kommentaren zu seinem Lohn aus Gründen nicht antwortet. Dafür dürfen wir dem gebürtigen Deutschen aus Heidelberg erklären, was ein «Chrüsimüsi» ist.

Florian Scholz (vorne rechts), Intendant von Bühnen Bern, zählt auf seine starken Spartenleiter (vrnl): Rainer Karlitschek (Operndirektor), Isabelle Bischof (Direktorin Bern Ballett), Felicitas Zürcher (Chefdramaturgin und stellvertretende Schauspieldirektorin) sowie Roger Vontobel (Schauspieldirektor).

Florian Scholz (vorne rechts), Intendant von Bühnen Bern, zählt auf seine starken Spartenleiter (vrnl): Rainer Karlitschek (Operndirektor), Isabelle Bischof (Direktorin Bern Ballett), Felicitas Zürcher (Chefdramaturgin und stellvertretende Schauspieldirektorin) sowie Roger Vontobel (Schauspieldirektor).Fotos: Marvin Mears

Es ist ein strahlender Nachmittag, die Sonne flutet das Studio und treibt die Temperaturen in die Höhe – passend zur Stimmung im Raum. Florian Scholz, seit 2019 designierter Intendant und seit 2021 künstlerischer Gesamtleiter der Bühnen Bern, wirkt entspannt, ja sogar heiter, trotz des gewaltigen Apparats, den er steuert. Mit rund 50 Premieren & Konzerten und fast 500 Vorstellungen pro Jahr stemmt Bern ein Programm, das man sonst eher in Metropolen wie Berlin oder München vermuten würde. Scholz jongliert zwischen der Verantwortung als Konzertdirektor und dem Vertrauen in seine Spartenleiter. Ein Gespräch über die heilende Kraft der Musik, den Mut zum «Nicht-Gefallen» und warum Hamlet auch 2026 noch unser aller Spiegel ist.

Wir stehen vor Ihrer sechsten Saison im aktuellen Team. Wenn ich das Programm anschaue: wieder vollgepackt bis obenhin. Fangen wir beim Erfolg an – dem Berner Symphonieorchester (BSO) unter der Leitung von Krzysztof Urbański, der seinen Vertrag bis 2032 verlängern konnte. Ein Coup?

Florian Scholz: (lacht) Ja, das ist tatsächlich ein Glücksfall für uns. Die Chemie zwischen Krzysztof, dem Orchester und dem Publikum stimmt einfach. Wir haben gerade diese Rachmaninoff-Abende mit Anna Vinnitskaya erlebt – das war magisch. Sie kommt nächste Saison wieder. Wir wollen solche Partnerschaften langfristig pflegen.

Das BSO unter Ihnen als Konzertchef ist ein Publikumsrenner. Sie bringen auch Francesco Piemontesi, einen Schweizer Weltstar.

Genau. Er hat sogar extra einen neuen Steinway-Flügel in Hamburg für Bern ausgesucht. Es wurde Zeit, diesen Ausnahmekünstler nach Bern zu holen. Er ist ein Suchender, einer, der mit den Werken ringt. Dass er uns das Instrument ausgesucht hat, das durch eine Stiftung ermöglicht wurde, ist ein tolles Signal. Wir gehen mit ihm und dem BSO sogar auf Gastspiel nach Genf.

Roger Vontobel und Chefdramaturgin Felicitas Zürcher leisten eine extrem kontinuierliche Arbeit. Sie wissen genau, wo «der Hammer hängt», was in Bern «verhäbet» und wo man ins Leere läuft

Florian Scholz Intendant Bühnen Bern

Kommen wir zum Schauspiel: Während man in Zürich am Schauspielhaus über massive Einbussen klagt, scheint das Theaterschaffen unter Roger Vontobel zu florieren. Was ist das Geheimnis?

Ich würde nicht vergleichen wollen, aber Roger und Chefdramaturgin Felicitas Zürcher leisten eine extrem kontinuierliche Arbeit. Sie wissen genau, wo «der Hammer hängt», was in Bern «verhäbet» und wo man ins Leere läuft. Ich bin da kein «Eigenlobhudler», aber die Abteilung macht das spitze. Die beiden denken intensiv darüber nach, was unsere Gegenwart ausmacht.

Florian Scholz stellte am Freitag die neue Saison 2026/27 im Stadttheater Bern vor.

Florian Scholz stellte am Freitag die neue Saison 2026/27 im Stadttheater Bern vor.

Vollgepacktes Programm von Bühnen Bern, 50 Premieren und Konzerte, an die 475 Vorstellungen.

Vollgepacktes Programm von Bühnen Bern, 50 Premieren und Konzerte, an die 475 Vorstellungen.

Die neue Saison steht unter dem Motto «Zeitgenossenschaft und Widerständigkeit im Zeichen gesellschaftlicher Umbrüche». Das klingt nach schwerer Kost angesichts der Weltlage.

Die Welt ist aus den Fugen, das spüren wir alle. Die Aufgabe des Theaters ist es, da ein Halt zu sein. Wir wollen wach sein, wahrnehmen, was schiefläuft, aber nicht darunter zusammenbrechen. Es geht auch um Wertschätzung für das gute Leben, das uns hier gegönnt ist. Deshalb hat klassische Musik und auch das Theater ihren Platz – als Zeichen, dass wir nicht einknicken.

Im Schauspiel gibt es viel Schweizer Stoff. Ein Doppelabend mit zwei Werken von Charles Ferdinand Ramuz. In «Chrüsimüsi» setzen sich die beiden Theatermacherinnen Eléonore Bonah und Maria Clara Castioni anhand einer dreisprachigen Koproduktion mit der Comédie de Genève und dem LAC Lugano mit Schriftstellerin Adelheid Duvanel auseinander.

Wie erklären Sie als Schweizer jemandem wie mir ein «Chrüsimüsi»?

Ein Durcheinander, ein Chaos – fast wie ein Müsli. In der Schweiz sagt man nicht ganz politisch korrekt ein «Puff».

Verstehe. Es ist jedenfalls ein spannendes Projekt mit Genf und Lugano, das zeigt, wie verstärkt vernetzt wir arbeiten.

«Molières «Menschenfeind» ist eine perfekte Folie, um die ungeschriebenen Spielregeln der Schweizer Gesellschaft zu untersuchen

Florian Scholz Intendant Bühnen Bern

Gut gelaunt und offen für alle Fragen: Intendant Florian Scholz von Bühnen Bern beim Talk der Plattform J.

Gut gelaunt und offen für alle Fragen: Intendant Florian Scholz von Bühnen Bern beim Talk der Plattform J.Fotos: Loredana Cappelletti

Viele Klassiker im Schauspiel werden überschrieben. Bei Molières «Der Menschenfeind» ist es Ihre neue Hausautorin Meral Kureyshi. Vergrault man da nicht das Publikum, das auch mal einen Klassiker wie «Maria Stuart» pur und ohne «Einordnung» will?

Den Wunsch nach dem Klassischen erfüllen wir ja, etwa bei der «Schneekönigin» von Hans Christian Andersen (lacht). Aber der «Menschenfeind» ist eine perfekte Folie, um die ungeschriebenen Spielregeln der Schweizer Gesellschaft zu untersuchen. Was Molière am Pariser Hof machte, macht Meral heute hier. Das muss ein Theater leisten.

Beim Blick auf den Opernspielplan 2026/27 fällt auf: «La Traviata», «Don Giovanni», «Tosca». Das sind alles «Schlachtrösser». Wo bleiben die Ausgrabungen?

Wir fahren in Bern eine klare Strategie. Wir haben ein Haus ohne Repertoirebetrieb, das heisst, wir zeigen jede Saison sechs neue Premieren – und das wars. Wenn Sie heute in Bern auf die Strasse gehen und die Leute fragen, was in «Così fan tutte» passiert oder wie die Handlung von «Simon Boccanegra» ist, werden Sie nur wenige finden, die diese Werke überhaupt schon einmal sehen konnten.

Also eine Art Bildungsauftrag?

Absolut. Es ist mir ein grosses Anliegen, dass die Berner Bevölkerung die Möglichkeit hat, das Kernrepertoire in ihrem eigenen Theater kennenzulernen. Das sind die wichtigen Werke der Menschheitsgeschichte. Deshalb stärken wir dieses Fundament bewusst. Die Strahlkraft und das Wagnis holen wir uns dann über die Regie-Handschriften oder über gezielte Auftragswerke wie «Ophelias Flügel» von Sarah Nemtsov. Ein starkes Kernrepertoire ist kein Stillstand, sondern die Basis, auf der wir alles andere erst aufbauen können.

Wenn man immer nur das macht, von dem man denkt, es kommt sicher gut, dann langweilt sich das Publikum irgendwann zu Tode. Wir brauchen die Reibung

Florian Scholz Intendant Bühnen Bern

Letzten Juni 2025 holte Florian Scholz den Internationalen Hans Gabor Belvedere Gesangswettbewerb für angehende Opernsänger nach Bern.

Letzten Juni 2025 holte Florian Scholz den Internationalen Hans Gabor Belvedere Gesangswettbewerb für angehende Opernsänger nach Bern.Foto: Peter Wäch

Anna Bergmann inszeniert den Doppel-Opernabend «Cavalleria/Pagliacci». Nach ihrer Regiearbeit von Puccinis «Manon Lescaut» am Anfang dieser Saison, die bei Kritikern nicht gut ankam, erneut ein gewagter Schritt.

Ich akzeptiere ein Nichtgefallen, das gehört zum Theater. Bei Puccinis «Manon Lescaut» hatten wir international fantastische Kritiken, lokal war es schwieriger. Aber wenn man immer nur das macht, von dem man denkt, es kommt sicher gut, dann langweilt sich das Publikum irgendwann zu Tode. Wir brauchen die Reibung. Und mit dem Maler Leonardo Devito haben wir für den Doppelabend jemanden, der architektonisch wundervolle Bilder schafft. Das wird auch ein Fest für die Augen.

Sie haben 50 Premieren und Konzerte, an die 475 Vorstellungen. Sind Sie eigentlich bei jeder Premiere dabei? Eine Tour de Force …

Ich bin bei den Premieren da, ja. Aber es ist keine Strafe.

Ihr Lohn wird in Bern immer mal wieder diskutiert.

(Lacht herzhaft) Ich habe gerade erst wieder eine E-Mail bekommen. Eine Dame meinte, das sei alles viel zu viel. Was ich darauf antworte? Meistens gar nichts. Es gibt eine Gürtellinie, und wenn die unterschritten wird, muss man nicht kommunizieren.

Das Vierspartenhaus Bühnen Bern brummt (vrnl): Florian Scholz (Intendant), Rainer Karlitschek (Operndirektor), Isabelle Bischof (Direktorin Bern Ballett), Felicitas Zürcher (Chefdramaturgin und stellv. Schauspieldirektorin) sowie Roger Vontobel (Schauspieldirektor).

Das Vierspartenhaus Bühnen Bern brummt (vrnl): Florian Scholz (Intendant), Rainer Karlitschek (Operndirektor), Isabelle Bischof (Direktorin Bern Ballett), Felicitas Zürcher (Chefdramaturgin und stellv. Schauspieldirektorin) sowie Roger Vontobel (Schauspieldirektor).

Das Berner Symphonieorchester setzt die Zusammenarbeit mit Chefdirigent Krzysztof Urbański fort: Die Verantwortlichen zeigen sich zufrieden mit dem Dirigenten und verlängern den Vertrag um fünf weitere Spielzeiten bis ins Jahr 2032.

Das Berner Symphonieorchester setzt die Zusammenarbeit mit Chefdirigent Krzysztof Urbański fort: Die Verantwortlichen zeigen sich zufrieden mit dem Dirigenten und verlängern den Vertrag um fünf weitere Spielzeiten bis ins Jahr 2032.

Sie sind 56 und bis 2029 bestätigt in Bern. Bleiben Sie Bühnen Bern darüber hinaus erhalten oder möchten Sie an einem anderen Haus bis 65 wirken?

Unser Metier hat diese Krankheit, immer nach dem «Was kommt danach?» zu fragen. Ich bin ganz in der Gegenwart. Ich habe tatsächlich ein Angebot abgesagt, mein Platz ist bis 2029 hier. Danach entscheiden der Stiftungsrat und die Politik. Ich bleibe da entspannt. Ich lebe gern hier in Kehrsatz mit meinem Mann und unseren drei Hunden.

Wir sind von einem Alpenparadies ins nächste gekommen. Bern ist als Hauptstadt internationaler und urbaner als das beschauliche Klagenfurt

Florian Scholz Intendant Bühnen Bern

Florian Scholz, Intendant von Bühnen Bern, im Talk «Zäme im Zäntrum» der Plattform J mit Kulturredaktor Peter Wäch (rechts).

Florian Scholz, Intendant von Bühnen Bern, im Talk «Zäme im Zäntrum» der Plattform J mit Kulturredaktor Peter Wäch (rechts).

Von den Kärntner Alpen an die Berner Alpen. Wie fühlt sich das an?

Wir sind von einem Alpenparadies ins nächste gekommen. Bern ist als Hauptstadt internationaler und urbaner als das beschauliche Klagenfurt. Ich geniesse diese intellektuelle Dichte hier. Ich möchte noch kurz etwas zum Tanz sagen.

Bitte gerne.

Isabel Bischof macht einen tollen Job. Eine unserer Tanzpremieren ist eine Kooperation von Bern Ballett mit dem Ballet de l’Opéra Grand Avignon. Es heisst «SYNERGY INC. Or How to Fix a Broken Heart» und behandelt die Thematik soziale Medien. Das Ganze wird von der Choreografin Emilie Leriche und von Martin Harriague, Direktor des Ballet de l’Opéra Grand Avignon, als abendfüllender Tanzabend kreiert. Die Vorstellungen werden in Bern und Avignon gemeinsam von beiden Ensembles getanzt. Darauf sind wir stolz.

Zum Schluss noch ein Hinweis auf eine aktuelle Premiere der laufenden Saison. Die Produktion von Giuseppe Verdis «La forza del destino» von Regisseurin Julia Lwowski, die am Sonntag Premiere feiert, wird bereits sehr kontrovers diskutiert.

Umso mehr sollte man sich die Produktion anschauen. Und wir haben auf jeden Fall starke Solisten, es gibt ein Fest der schönen Stimmen.