Hanta, Noro, Legionellen & Co.Warum Kreuzfahrtschiffe ein Paradies für Krankheitserreger sind06.05.2026, 16:55 Uhr
Von Hedviga Nyarsik
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Viele Menschen auf engem Raum schaffen ideale Bedingungen für die schnelle Weitergabe von Keimen. (Foto: picture alliance / Jörg Carstensen)TeilenFolgen auf:
Was für Urlauber nach perfekter Auszeit klingt, ist aus Sicht des Infektionsschutzes ein heikler Ort: Auf Kreuzfahrtschiffen teilen teils Tausende Menschen dieselben Buffets, Flure, Wasserleitungen und Innenräume – ideale Bedingungen für Viren und Bakterien.
Kreuzfahrten sind beliebt. Sie versprechen eine All-inclusive-Auszeit auf dem Wasser, mit Restaurants, Buffets, Theater, Spa und Sonne an Deck. Aus Sicht des Gesundheitsschutzes sind sie aber auch ein idealer Ort, an dem sich Infektionen in kurzer Zeit ausbreiten können. Mediziner Vikram Niranjan von der University of Limerick schreibt bei «The Conversation», ein Kreuzfahrtschiff sei im Grunde «eine vorübergehende Stadt auf See» – mit gemeinsam genutzten Speisesälen, Kabinen, Aufzügen, Wasserleitungen und Innenräumen. Genau diese enge, vernetzte Umgebung mache Schiffe so anfällig für Ausbrüche.
Wie schnell sich Krankheitserreger an Bord verbreiten können, zeigte schon der COVID-Ausbruch auf der «Diamond Princess» im Jahr 2020. Damals wurden 619 Passagiere und Besatzungsmitglieder positiv getestet. Modellrechnungen kamen später zu dem Schluss, dass Quarantäne- und Isolationsmaßnahmen zwar viele weitere Infektionen verhinderten, eine noch frühere Reaktion den Ausbruch aber stärker hätte eindämmen können.
Am engsten mit Kreuzfahrtschiffen verbunden ist seit Jahren jedoch ein anderer Erreger: das Norovirus – der klassische Brechdurchfall-Verursacher. An Bord findet er perfekte Bedingungen wieder: viele Menschen, viele Kontaktflächen, viele gemeinsame Mahlzeiten. Das Robert-Koch-Institut (RKI) weist darauf hin, dass Noroviren leicht über Hände, Oberflächen, Lebensmittel und Erbrochenes übertragen werden.
«Wer sich auf eine Kreuzfahrt begibt, sollte sich bewusst sein, dass Noroviren unter den Bedingungen an Bord ideale Voraussetzungen für eine rasche Verbreitung finden – wie überall, wo viele Menschen auf engerem Raum zusammenkommen», sagte auch Tomas Jelinek, Leiter des CRM Centrum für Reisemedizin, laut einer Mitteilung. Sein Rat: «Eine gute Händehygiene ist der wichtigste Schutz – gerade nach dem Toilettengang und vor dem Essen.» Besonders wichtig sei gründliches Händewaschen mit Wasser und Seife.
Enge Räume, offene Buffets, viele Menschen
Wie groß die Gefahr durch das Norovirus ist, zeigen Zahlen der US-Gesundheitsbehörde CDC. Ihr Vessel Sanitation Program erfasst regelmäßig Magen-Darm-Ausbrüche auf Kreuzfahrtschiffen. 2025 wurden in seinem Zuständigkeitsbereich 23 solcher Ausbrüche registriert. Ob große, bekannte Kreuzfahrtschiffe oder kleinere Anbieter, macht bei dem Risiko keinen Unterschied. Das Entscheidende daran ist weniger das einzelne Schiff als das System: Buffets, gemeinsam genutztes Besteck, Türklinken, Aufzugsknöpfe und eine hohe Fluktuation von Passagieren schaffen ideale Bedingungen für eine rasche Weitergabe von Keimen.
Hinzu kommt: Auch die Crewmitglieder arbeiten und leben im selben engen System, oft in Gemeinschaftsunterkünften. So kann sich eine Infektion nicht nur von Passagier zu Passagier ausbreiten, sondern auch zwischen Crew und Gästen hin- und herbewegen. Auch Atemwegsinfektionen profitieren davon. Forschungen zur «Diamond Princess» deuten etwa darauf hin, dass die Übertragung über Aerosole eine wichtige Rolle spielte.
Ein weiteres Risiko auf See sind Legionellen. Anders als Noroviren springen sie meist nicht direkt von Mensch zu Mensch über. Stattdessen stecken sich Menschen an, wenn sie feinste Wassertröpfchen aus belasteten Leitungssystemen, Duschen oder Whirlpools einatmen. 2024 berichtete die CDC über zwei Ausbrüche der Legionärskrankheit auf Kreuzfahrtschiffen, die mit privaten Außen-Whirlpools in Verbindung gebracht wurden. Das RKI betont zudem, dass sogenannte reiseassoziierte Legionellosen eine wichtige Rolle spielen: etwa jeder fünfte ans Institut übermittelte Fall trat in den untersuchten Jahren im Zusammenhang mit Reisen auf.
Ein Hantavirus-Ausbruch, wie derzeit auf der «Hondius», ist nach Einschätzung von Fachleuten sehr ungewöhnlich. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass sich die Passagiere gegenseitig angesteckt haben – untypisch für diesen Erreger, der eigentlich durch Nager übertragen wird. Dieser Fall zeigt laut Niranjan, dass enge Räume und gemeinsames Leben an Bord große Risikofaktoren sind, unabhängig vom Krankheitserreger.
Worauf sollten Reisende achten?
Warum trifft es manche Reisende besonders hart? Die Antwort ist recht simpel: Kreuzfahrten sind bei älteren Menschen beliebt, und viele Passagiere haben Vorerkrankungen. Eine Norovirus-Infektion könne dann schnell zu gefährlicher Austrocknung führen, eine Atemwegsinfektion etwa zu einer Lungenentzündung, schreibt Mediziner Niranjan. Schiffsarztpraxen können zwar Erstversorgung und kurzfristige Behandlung leisten, sind aber nicht dafür ausgelegt, einen großen, schnell laufenden Ausbruch wie ein Krankenhaus an Land zu managen. «Genau deshalb sind frühes Melden, schnelle Isolation und konsequente Hygiene so wichtig», so der Experte.
Was heißt das für Reisende? Niranjan rät, schon vor dem Boarding auf transparente Melde- und Isolationsregeln der Reederei zu achten. Impfungen sollten aktuell sein, besonders ältere Menschen, Schwangere und Personen mit Vorerkrankungen sollten sich vor Reiseantritt ärztlich beraten lassen. An Bord selbst bleibt der wichtigste Schutz erstaunlich banal: gründliches Händewaschen mit Wasser und Seife, gerade vor dem Essen und nach dem Toilettengang. Wer krank wird, sollte nicht «tapfer durchziehen», sondern Buffets und volle Innenräume meiden und Symptome sofort melden.