Nationalrat Guggisberg nimmt Stellung | 7. Mai 2026
In einem Monat stimmt die Bevölkerung über die SVP-Nachhaltigkeits-Initiative ab: Nun mobilisieren Berner Wirtschafts- und Gewerkschaftsvertreter gegen die geforderte Migrations-Bremse – in ihren Augen eine «Chaos-Initiative». SVP-Nationalrat Lars Guggisberg wehrt sich im Gespräch mit der Plattform J als Mitglied des Initiativkomitees gegen die Argumente der Gegner.
Ab in die Offensive: Berner Wirtschaftsvertreter, Gewerkschaften und Arbeitgeber warnen mit drastischen Worten vor der kommenden Abstimmung: «Die SVP stürzt das Erfolgskonzept Schweiz ins Chaos», sagt Lirija Sejdi, Co-Präsidentin des Gewerkschaftsbunds des Kantons Bern, an der heutigen Medienkonferenz.
«Besonders in der Pflege dürfte die Annahme der Initiative zu grossen Missständen führen»
Lirija Sejdi Co-Präsidentin, Gewerkschaftsbund des Kantons Bern
«Die Initiative möchte die Zuwanderung kappen – und das löst im Kanton Bern Chaos aus», sagt seinerseits Henrik Schoop, Direktor vom Handels- und Industrieverband des Kantons Bern. Zusammen mit dem Gewerkschaftsbund des Kantons Bern und dem Verein Berner Arbeitgeber machen sie einen Monat vor der Abstimmung vom 14. Juni deutlich: Als Arbeitnehmende- und Arbeitgeberverbände sagen sie vehement Nein zur SVP-Initiative – oder wie sie sagen würden: «Chaos-Initiative».

Ernste Sache für die Beteiligten (vlnr): Thomas Warring (Präsident Berner Arbeitgeber), Henrik Schoop (Direktor Handels- und Industrieverein des Kantons Bern), Lirija Sejdi (Co-Präsidentin Gewerkschaftsbund des Kantons Bern) und Stefan Wüthrich (Co-Präsident Gewerkschaftsbund des Kantons Bern) lehnen die SVP-Initiative deutlich und mit drastischen Worten ab.Fotos: Pablo Sulzer
Mit einer Annahme der Initiative dürfte in vielen Branchen der Fachkräftemangel noch akuter ausfallen. So betont die Gewerkschaftsvertreterin: «Besonders in der Pflege dürfte die Annahme der Initiative zu grossen Missständen führen», sagt Co-Präsidentin Lirija Sejdi. Die Initiative würde es verunmöglichen, genügend Personal aus dem Ausland zu rekrutieren und die Situation der hiesigen Angestellten verschlechtern.

Er ist überzeugt von der Notwendigkeit der Initiative: SVP-Nationalrat Lars Guggisberg möchte die Zuwanderung mit der Initiative deckeln und sieht dadurch keine Gefahr für die hiesige Wirtschaft.
Ganz anders klingt es natürlich bei SVP-Nationalrat Lars Guggisberg, der als Mitglied des Initiativ-Komitees für ein Ja an der Urne weibelt. «Auch aus Sicht des Gewerbes finde ich, sollte die Initiative angenommen werden», sagt Guggisberg im Gespräch mit der Plattform J. In den letzten 25 Jahren seien rund zwei Millionen Menschen ins Land zugewandert, doch der Fachkräftemangel sei immer noch nicht behoben – das gehe nicht auf.
Guggisberg: «Infrastruktur am Limit»
Sieht der Nationalrat also keine Gefahr für die Berner und Schweizer Wirtschaft? «Die Initiative lässt die Zuwanderung weiterhin zu – bis zu 40’000 Personen jährlich», hebt Guggisberg hervor – und erwähnt zugleich, dass aktuell rund 70’000 Einwanderer ins Land kämen.
Für ihn stehe eher im Fokus, dass es in der Schweiz langsam aber sicher an Platz mangle und das System überfordert sei: «Wir können mit der Infrastruktur nicht mehr mithalten», sagt der Nationalrat weiter. Er sehe in der hohen Anzahl an ausländischen Sozialhilfe-Bezüger und Gefängnis-Insassen sowie des laut Guggisberg sinkenden Bildungsniveaus klare Indizien für diese schweizweite Überforderung.

«Es wird ein emotionaler Abstimmungskampf»: Henrik Schoop steigt mit dem Handels- und Industrievereins des Kantons Bern «in den Ring», möchte aber sachlich bleiben.
«Wir wollen Lösungen präsentieren für ein gesundes Wachstum, statt mit einem einfachen Rezept zu reagieren, wie diesem planwirtschaftlichen Deckel, den die Initianten fordern», sagt Henrik Schoop als Direktor des Handels- und Industrievereins des Kantons Bern.
Er habe zwar auch Verständnis für das Anliegen der Initiative – es sei das erste Mal, dass die Bevölkerung sich über das Thema Bevölkerungswachstum äussern können. «Umso wichtiger ist es für uns, die Argumente gegen die Initiative aufzuzeigen und das es auch andere Lösungen gibt», so Schoop.

Sie vertritt die Gewerkschaften im Kanton Bern: Lirija Sejdi, Co-Präsidentin des Gewerkschaftsbund des Kantons Bern, macht an der Medienkonferenz deutlich, dass die Initiative für die Gewerkschaften keine Option ist.
«Die Initiative geht keines der Wachstumsthemen konkret an», sagt Lirija Sejdi, Co-Präsidentin des Gewerkschaftsbund des Kantons Bern. «Die Initianten spielen die Arbeitnehmende gegeneinander aus», fügt sie hinzu.
Harter Abstimmungskampf erwartet
Laut aktuellen Umfragen liegen die Befürworter der Initiative leicht vorne. Und während sich die Gewerkschaftsverteterinnen und -vertreter sowie die Wirtschafts- und Arbeitgeber-Exponenten kämpferisch geben und in den Abstimmungskampf steigen, ist SVP-Nationalrat und Initiativ-Komiteemitglied Lars Guggisberg zuversichtlich: «Es wird sicher ein harter Abstimmungskampf», sagt Guggisberg, «doch wenn wir der Bevölkerung deutlich machen können, welche Probleme wir mit der Migration mitimportieren, dann bin ich überzeugt, dass wir ein Ja schaffen», so der SVP-Nationalrat.
«Für mich ist es wichtig mit der Bevölkerung zu sprechen und ihnen aufzuzeigen, was hinter der Initiative steht», sagt Gewerkschaftsvertreterin Lirija Sejdi. «Insbesondere den Menschen verdeutlichen, was die Folgen der Initiative für die Schweiz sein könnten», ergänz Sejdi im Gespräch mit der Plattform J. Am 14. Juni entscheidet die Schweizer Bevölkerung über diese bristante Angelegenheit – ein offenes Rennen ist lanciert.

Vereint im Kampf gegen die SVP-Initiative (vlnr): Thomas Warring (Präsident Berner Arbeitgeber), Lirija Sejdi (Co-Präsidentin Gewerkschaftsbund des Kantons Bern), Henrik Schoop (Direktor Handels- und Industrieverein des Kantons Bern) und Stefan Wüthrich (Co-Präsident Gewerkschaftsbund des Kantons Bern).