Brustwarzen-Tape statt Bestzeit | 8. Mai 2026
Zwei Radiomoderatoren, ein erster Grand Prix von Bern – und eine Vorbereitung mit Höhen und Tiefen. Vor dem grossen Tag sprechen sie über Trainingspausen, Wadenkrämpfe, falsche Shirts und ihren Plan, auf dem Zielfoto auf keinen Fall als «Woo-Girl» zu enden.
Ein «Muss», sagt Michel Schelker und unterstreicht seinen Willen dazu mit einer entsprechenden Pantomimebewegung. Am Grand Prix Bern, wo er diesen Samstag zum ersten Mal die zehn Meilen laufen wird, wird er seine Brustwarzen abkleben. Obwohl seine Läuferkarriere kein grosses Palmarès aufweist, erinnert er sich an einen Lauf in Melbourne, wo er mit einem neuen reinweissen T-Shirt angetreten ist. Die Erinnerung: Schmerzen und ein T-Shirt, befleckt mit roten, kreisförmigen Batikmustern auf Brusthöhe.
Rekordzahlen am GP 2026
Der Grand-Prix von Bern vom Samstag, 9. Mai, verzeichnet in diesem Jahr 37’870 Anmeldungen – damit werden die letztjährigen Rekordzahlen überboten. Im Elitefeld der Männer stehen zudem mit Geoffrey Kamworor, Dominic Lobalu und Matthias Kyburz gleich drei GP-Gewinner am Start.
Auch Simon Moser ist mittlerweile bei diesem Wissensstand angelangt. Mit welcher Strategie er dieses Problem am Samstag angehen will, steht noch nicht fest. Oben ohne zu laufen, wie er es im Training praktiziert hat, finden weder er noch Schelker eine ästhetisch vertretbare Option.

Bis jetzt blieb es beim schmerzhaften «Runners Knee» – das «Runners High» lässt noch auf sich warten.Fotos: Denise Jacob
Zwischen Trainingspause und «trainieren wie ein Hengst»
Die beiden Berner, bekannt aus der Morgenshow von Radio Energy und ihrem Podcast «Die Sprechstunde», laufen dieses Jahr zum ersten Mal den GP. Das «Original» – 10 Meilen oder 16,093 Kilometer.
Auf das Ereignis haben sich die beiden unterschiedlich vorbereitet. Moser – nach dem Entscheid teilzunehmen – ist mit einer dreivierteljährigen Trainingspause gestartet, steigerte sich seit Anfang Jahr auf bis zu 40 Laufkilometer pro Woche, um nun seit zwei Wochen wieder zu pausieren. «Ambivalent» nennt er sein Trainingsverhalten.
Geradezu antizyklisch ist Schelker unterwegs. Während Moser anfangs Jahr «wie ein Hengst trainierte», musste Schelker sich zuerst mit Viren herumschlagen, bevor er das Training aufnehmen konnte. Nun habe er aber einen Rhythmus gefunden.

Dehnen? Bis jetzt für Moser …

… und Schelker nur Kür, nach dem GP am Samstag vermutlich Pflicht.
Zwischen «Runners High» und «Runners Knee
Vom endorphingeschwängerten «Runners High» haben die beiden bis jetzt nicht viel mitbekommen. Eher plagen Schelker – je nach Schuhwahl – das «Runners Knee» oder «Wadenkrämpfe des Todes». Sport sind sie keineswegs abgeneigt. Schelker schwillt die Brust und sagt: «Es gibt wohl keine Sportart, die wir noch nicht ausprobiert haben», und Moser geht auf Zählrunde: «Paddeln, Squash, Fussball, Tennis, Golf, Skaten, Snowboarden …»
Sie nennen sich polysportiv und bevorzugen spielerische Sportarten, «wo man gewinnen kann», erklärt Moser. Schelker erinnert ihn daran, dass der GP auch gewonnen werden kann. Moser bleibt kritisch: «Ja, aber es ist kein Spiel – es tut nur weh und ‘fägt’ nicht.»

Simon Moser und Michel Schelker (rechts) – ob Tempo oder Sprüche schneller sind, wird sich zeigen.
Zwischen Start und Ziel
Am Samstag haben sie genügend Zeit, dem «Runners High» erneut nachzujagen. Mit ihnen am Start sind weitere 7323 GP-Debütantinnen und -Debütanten. Das Moderatoren-Duo selbst startet in einem Block mit einer Zielzeit von rund einer Stunde 45 Minuten. Das Ziel sei: «nicht aufgeben und vor dem Besenwagen ins Ziel kommen», sagt Schelker.
Nach zwei Stunden ist so oder so Schluss – dann sammelt der «Besenwagen» die noch auf der Strecke verbliebenen Läuferinnen und Läufer ein und führt sie mit «Zeitlimit überschritten» ins Ziel und in die Rangliste. «So weit wird es nicht kommen», ist Moser überzeugt.
Am meisten Respekt haben die beiden am Samstag vor dem Aargauerstalden mit neun Prozent Steigung. Moser hat ihn bereits getestet und nennt ihn «Steigung des Todes». Schelker testet ihn nicht – er kennt ihn und weiss: «Da muss man einfach ‘düre’.»
Der Support von Freunden für ihre GP-Challenge halte sich «in Grenzen», erzählen beide. Dafür solidarisieren sich rund 50 «Stündelerinnen und Stündeler» – so nennen sie die Fans ihres Podcasts «Die Sprechstunde» – und starten mit ihnen im selben Block.

Moser und Schelker sind startklar und haben sich auch schon ihre Zieleinlaufpose überlegt.
Zwischen WC-Stopp und «Woo-Girl»-Momenten
Gefragt nach Tipps für andere GP-Frischlinge zählen die beiden auf: viel schlafen, am Vorabend «keinen Saufen», am Wettkampftag viel trinken, genügend essen und – das haben sie ihre Joggingerfahrungen offenbar bereits gelehrt – vorher aufs WC gehen.
Bleibt noch der Zieleinlauf – wie spielt sich dieser vor ihrem geistigen Auge ab? Ein triumphaler Sprint oder eher ein Hand-in-Hand-Auftritt? Beide haben konkrete Vorstellungen. Während sich Moser bereits im Lauf jegliche Gesichtsentgleisungen verbietet und auf der Zielgerade auf «smilen» setzt, plant Schelker eine «classy pose» – mit süffisantem Lächeln, möglichst erholt und nicht angespannt aussehen. Auf keinen Fall will er «Woo-Girl»-mässig auf dem Zielfoto verewigt werden.