Erleidet die Schweiz den Dichtestress? Diese Frage spaltet derzeit entlang der Frontlinien im Zusammenhang mit der Initiative „Keine 10-Millionen-Schweiz“ das ganze Land. Zu viel Zuwanderung, zu viel Infrastruktur für zu viele Menschen, zu viel Beton, zu volle Züge, sagen deren Befürworter.

Wohlstand braucht Wachstum und Wachstum braucht Zuwanderung, sagen die Gegner, zu denen im Raum Basel alle Parteien außer der SVP, die Kantonsregierung und die Wirtschaftsverbände gehören. Vor dem Hintergrund dieser nationalen Debatten stellte die Stiftung „Architektur Dialoge“, die sich als Plattform für Baukultur versteht, das urbane Wachstum in der Stadtregion Basel zur Diskussion. „Millionenstadt Basel – Die Stadtwerdung der Agglomeration“ lautete die Fragestellung, auf die es dieser Tage bei der Podiumsdiskussion im Haus der UBS keine einfache Antworten gab.

Basel wächst

Dass der Großraum Basel wächst und vermutlich weiter wachsen wird, wurde an diesem Abend nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Auch nicht die Einschätzung, dass es für eine weitere bauliche Entwicklung positive Narrative geben muss, um namentlich außerhalb des städtischen Zentrums die Akzeptanz für Planen und Bauen zu steigern.

Doch bei den Konsequenzen aus diesem Befund gingen die Meinungen dann doch etwas auseinander. Gedankliches innehalten, um Begriffe wie Wachstum neu zu sortieren, war ein Ratschlag von Lilitt Bollinger, die den Architektenverband vertrat. Die Dichte dort, wo sie erwünscht ist und Vorteile bringt, positiv zu besetzen, war eine Empfehlung der Planungssoziologin Christina Schumacher.

Schlüssige Projekte

Thomas Waltert, der Raumplaner des Kantons Basel-Land, empfahl, im ohnehin jetzt schon mit rund 800.000 Einwohnern auf die Millionengrenze zusteuernden trinationalen Raum die Chancen der Konversionsareale zu nutzen.

Johannes Eisenhut, der als Geschäftsführer der Senn Development AG naturgemäß eine Offenheit für Bauinvestitionen besitzt, sah in der aktuellen Diskussion den Wunsch, die ländliche Schweiz zu schützen.

Dem stimmte er ausdrücklich zu. Für die metropolen Zentren des Landes empfahl er jedoch, die Rolle einer „erwachsenen Stadt“ aktiv einzunehmen und mit schlüssigen Projekten, die Wohnen und Arbeiten zusammenbringen und die guten öffentlichen Raum schaffen, positiv besetzte Narrative zu erzählen. Für die Agglomeration, die Eisenhut als eine Vorstufe zur Stadt sieht, wählte er den Vergleich mit der Pubertät. Deshalb müsse man deren Wachstum im Vertrauen fördern, dass daraus der erwachsene Status der guten Stadt entsteht.

In diesem Sinn plädierte Eisenhut für mehr Mut bei der Urbanisierung. Dabei griff er auf Beispiele aus der eigenen unternehmerischen Tätigkeit zurück. Die Senn Development AG investiert massiv im Allschwiler Biotechnologiezentrum Bachletten.

Lebhafte Urbanität

Auf die dortigen Büro- und Laborgebäude hätte man laut Eisenhut noch „vier Stockwerke Wohnungen“ setzen können, um lebhafte Urbanität zu schaffen. So kritisierte er auch den seiner Meinung nach zu geringen Wohnraumanteil eines anderen, beispielhaft in die Diskussion eingebrachten Allschwiler Entwicklungsgebiets als zu wenig urban.

Germanist Johannes Eisenhut empfahl sogar, aus dem baurechtlichen Terminus „Dichte“ das Wort „Dichtung“ herauszulesen. Mit solchen poetischen Assoziationen stand er an diesem Abend allein, insgesamt war der Veranstaltung nämlich eine gewisse Zurückhaltung anzumerken. Einen Grund dafür könnten neue Umfragen zur 10-Millionen-Initiative geliefert haben.

Nach derzeitigen Prognosen hat die Initiative durchaus Erfolgsaussichten – allen Warnungen zum Trotz. Die Wachstumsgeschichten könnten also ohne Happy End ausgehen.