Andrea Zryd: Chefin Grand Prix Bern | 10. Mai 2026

Andrea Zryd (50) ist dieser Tage vielbeschäftigt. Als Präsidentin des GP von Bern läuft die SP-Nationalrätin auf Hochtouren. Als Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission macht ihr das VBS Kummer.

Ist für ein Spässchen zu haben: GP-Präsidentin Andrea Zryd grüsst in einem Aufwisch die Schweizer Armee und im Usain-Bolt-Style auch die Läufergemeinde.

Ist für ein Spässchen zu haben: GP-Präsidentin Andrea Zryd grüsst in einem Aufwisch die Schweizer Armee und im Usain-Bolt-Style auch die Läufergemeinde.Foto: Noemi Hodler

Der GP ist ausverkauft. 35’000 Teilnehmende. Viel mehr möchten teilnehmen. Beim London-Marathon reden sie davon, einem zweitägigen Anlass, Samstag und Sonntag, zu lancieren. Etwas, das auch die Genfer machen mit der Escalade. Wann gibts den GP Bern am Samstag und Sonntag?

Andrea Zryd: Ich denke nie. Es ist fantastisch, wir waren in jeder Kategorie bis auf den letzten Platz ausgebucht. Dabei sein ist alles! Vielleicht muss man künftig um den Startplatz etwas kämpfen. Wir können an einem Tag nicht mehr Leute nehmen, stossen an die Kapazitätsgrenzen. Ein «Zweitäger» wäre nicht der GP von Bern. Es ist gut, wie es ist.

Alle Jahre wieder: Der GP Bern ist ein Laufanlass der Sonderklasse. Berns Gassen gefüllt mit Laufsportlerinnen und Laufsportlern.

Alle Jahre wieder: Der GP Bern ist ein Laufanlass der Sonderklasse. Berns Gassen gefüllt mit Laufsportlerinnen und Laufsportlern.Foto: Keystone

Sie sind seit einem Jahr OK-Präsidentin. Zu Beginn sagten Sie hier, Sie würden eine Auslegeordnung machen und sich all die Vorschläge ansehen. Gibt es etwas, dass geändert wurde?

Neu hatten wir am Freitagabend den «Inclusion Run» von Coca Cola – ein Feierabendevent, wo alle Menschen miteinander die rund 1,3 Kilometer absolvieren. Rollenderweise, schlendernd, joggend, wie auch immer – einfach ein Begegnungsanlass. Das war frisch. Mein Vorgänger, Matthias Aebischer, hat mir ein Top-Produkt übergeben, das er mit seinen Leuten entwickelt hat. Davon profitiere ich nach wie vor.

Andrea Zryd ist seit dem Jahr 2000 jeden GP gerannt.

Andrea Zryd ist seit dem Jahr 2000 jeden GP gerannt.Foto: zvg

Sie selbst sind den GP seit dem Jahr 2000 immer gerannt. Wie viel trainieren Sie noch?

Drei bis vier Mal pro Woche. Ohne Sport geht bei mir nichts. Es ist aber nicht immer Rennen.

Sie sind auch noch Athletiktrainerin der Schweizer Damen-Eishockey-Nationalmannschaft. Bei den Männern steht in der Schweiz die WM an, mit Spielen in Freiburg und Zürich. Wie weit sind die Damen im Eishockey noch von den Herren entfernt?

Man darf das nicht miteinander vergleichen. Die Männer sind physisch auf einem anderen Level. Die Spielqualität hat sich aber deutlich verbessert und auch das Tempo auf dem Eis. Das Fraueneishockey ist klar professioneller geworden. Es gilt aber noch einen Schritt zu machen. Aber es ist ähnlich wie beim Tennis; das gleiche physische Niveau können Frauen aus physiologischen Gründen nicht erreichen, und trotzdem ist der Sport hochattraktiv. Generell hat sich das Eishockey nicht nur in Übersee, sondern auch in Europa entwickelt und seinen Platz gefunden. Das hat man auch an den Olympischen Spielen in Mailand gesehen. Die Schweizer Frauen holten Bronze – es war ein Hühnerhautmoment.

Die Konditionstrainerin der Schweizer Damen-Eishockey-Nationalmannschaft ist auch mal an Plauschspielen dabei, hier posiert sie mit SVP-Nationalratskollege Hansjörg Rüegsegger.

Die Konditionstrainerin der Schweizer Damen-Eishockey-Nationalmannschaft ist auch mal an Plauschspielen dabei, hier posiert sie mit SVP-Nationalratskollege Hansjörg Rüegsegger.Foto: Keystone

Sie sind Präsidentin von «Bernsport» – der Dachverband der bernischen Sportverbände im Kanton Bern. Swiss Olympic will die Olympischen Winterspiele 2038 in der Schweiz veranstalten. Dabei hat ein Komitee im Januar schon mal vorgestellt, wo die Veranstaltungsorte sein sollen. Von Genf über Lugano, St. Moritz, bis nach Einsiedeln, aber nichts in Bern. Wo ist da der Kanton Bern, fragt sich der Berner.

Das frage ich mich auch.

Da haben Sie etwas falsch gemacht!

Nein, die Standorte innerhalb der Schweiz sind nicht sakrosankt. Wir wollen unbedingt Olympische Spiele in der Schweiz. Wir können das auf «kleinerem Feuer» machen als andere Staaten und auch nachhaltiger. Wir werden uns für den Kanton Bern zu wehren wissen, wenns konkret wird. Etwa für das Skispringen oder ein alpines Skirennen.

Ich will unbedingt Olympische Spiele in der Schweiz

Andrea Zryd SP-Nationalrätin

Sie sind Präsidentin des Nordischen Skizentrums in Kandersteg. Skispringen? Da brauchts eine grosse Olympische Schanze.

(lacht). Es ginge natürlich um die Nordische Kombination. Da ist auch eine künftige Nutzung zentral, gerade, wenn die Spiele nachhaltig sein sollen. In der Schweiz sind die Wege kurz. Jetzt müssen wir zuerst die Spiele in die Schweiz bringen. Auch das Volk muss noch befragt werden. In welchem Rahmen ist noch nicht klar.

Glauben Sie denn, das Schweizer Volk wolle Olympische Spiele?

Die ersten Umfragen waren positiv. Man muss dieses Feuer entfachen. Lieber in der Schweiz als irgendwo … in China oder so. Ganz wichtig: Es braucht die völlige Transparenz. Es muss klar sein: Was zahlen die Standortkantone, was zahlt der Bund?

1968 bei der Weltmeisterschaft in Val Gardena: die 20-jährige Annerösli Zryd gewinnt in der Damenabfahrt überraschend Gold.

1968 bei der Weltmeisterschaft in Val Gardena: die 20-jährige Annerösli Zryd gewinnt in der Damenabfahrt überraschend Gold.Foto: Keystone

Frau Zryd, Sie sind in Adelboden aufgewachsen. Sind Sie verwandt mit meinem Idol der Kindheit, Annerösli Zryd, WM-Goldmedaillengewinnerin in der Abfahrt 1968 in Val Gardena?

Sie ist meine Gotte. An ihr bewundere ich ihren Freigeist, ihre manchmal schelmische, etwas direkte, freche Art. Sie hat sehr viel Humor. Und natürlich war sie eine Pionierin des Skisports.

Dann werden wir auch etwas frech. Sie sind als SP-Nationalrätin Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission. Ich habe den Eindruck, das Departement für Verteidigung und Sport sei ein ziemlicher Saftladen! Teilen Sie diesen Eindruck?

Es gibt schon Situationen, die mir Mühe bereiten. Ich würde jetzt nicht gerade sagen, es sei ein Saftladen. Das ist ein sehr starker Ausdruck! Die machen auch Sachen gut. Die geopolitische Lage ist dermassen schwierig und angespannt, dass auch das VBS an Grenzen stösst. Es ist einfach zu meckern und zu kritisieren, aber die Aufgaben sind manchmal fast nicht zu stemmen. Letztlich sind es Parlament und Bevölkerung, welche die Aufgaben erteilen – auch da ist es nicht immer einfach.

Gehen wir ins Detail. Der F-35 beschäftigt das Berner Oberland besonders. Die Angst vor grossem Lärm auf dem Flughafen Meiringen und im Haslital ist da. Das VBS kündigt gross Lärmmessungen mit drei F-35 aus Italien an … und muss die Übung wieder abblasen.

Das ist schade und schwächt das Vertrauen.

Das Misstrauen gegen den F-35 ist im Haslital besonders gross. Der neue Kampfflieger aus den USA macht mehr Lärm als seine Vorgänger. Lärmmessungen musste die Luftwaffe verschieben.

Das Misstrauen gegen den F-35 ist im Haslital besonders gross. Der neue Kampfflieger aus den USA macht mehr Lärm als seine Vorgänger. Lärmmessungen musste die Luftwaffe verschieben.Foto: Keystone

Und warum klappt es nicht? Haben Sie als Sicherheitspolitikerin nachgefragt?

Es wird in der Sicherheitskommission ein Thema. Wir fragen nach. Was mir mehr Sorgen bereitet, ist die Anzahl Flieger. Diese entspricht nicht der Menge, welche wir bestellt haben.

Zuerst erklärt die Armee, 36 Stück seien unabdingbar, und dann gehts aus finanziellen Gründen auch mit 30 Stück. Das schadet der Glaubwürdigkeit.

Ja, das macht uns Bauchschmerzen. Die SP hat lange gewarnt vor einer Beschaffung des F-35. Jetzt haben wir genau das Debakel. Wir wissen nicht, wie viele wir wirklich bekommen und was es kostet. Dabei wird es sowieso teurer. Aber: Wir brauchen eine solide Luftwaffe in der Schweiz. Sonst sind wir verloren.

Was sehen Sie als Lösung?

Könnten es zwei Flottensysteme sein? Davon sah man lange ab … Sicher ist aber, dass wir Kooperationen mit Europa eingehen müssen, auch bei der Überwachung des Luftraumes.

Trauen Sie den Amerikanern und deren Software noch? Die könnten ja die Flieger grounden.

Das wird etwas salopp gesagt. Es ist technisch schwierig zu beurteilen. Ich persönlich möchte die Abhängigkeit von den Amerikanern auch nicht. Man sollte frisch und anders beschaffen. Aber die Zeit drängt, so schnell bekommt man nicht einen anderen Flieger.

Ich will die Abhängigkeit von den USA nicht. Es braucht die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern

Andrea Zryd SP-Nationalrätin

Wären Kooperationen ein Ansatz?

Genau. Eine Zusammenarbeit mit den europäischen Staaten, um den Luftraum zu schützen, wäre sinnvoll. Gekoppelt an eine solide Boden-Luft-Abwehr.

Ein Radar des Luftabwehrsystems Patriot steht in der Halle am Flugplatz Emmen anlässlich des Medienanlasses «Armeebotschaft 2022» der Schweizer Luftwaffe» 2022 in Emmen.

Ein Radar des Luftabwehrsystems Patriot steht in der Halle am Flugplatz Emmen anlässlich des Medienanlasses «Armeebotschaft 2022» der Schweizer Luftwaffe» 2022 in Emmen.Foto: Keystone

Damit wären wir beim Thema Patriot-Abwehrraketen. Die Schweiz bestellte 2020 fünf Systeme zu 400 Millionen. Der Clou ist aber: Dieses System deckt nach meinen Informationen aus Armeekreisen nur rund zwölf Prozent der Fläche der Schweiz ab. Ständerat Werner Salzmann, Ihr Kollege in der ständerätlichen Sicherheitskommission, sagt, es sei knapp ein Drittel. Welche Zahl auch stimmt, es ist nie und nimmer die ganze Schweiz! Wir Bürger werden für dumm verkauft.

Es reicht nicht. Und es ist schon die Frage: Brauchen wir ein Boden-Luft-System, das nicht mal alles abdeckt? Welche Kriegsszenarien sind realistisch? Ich denke: hybride Angriffe, Cyberangriffe und offensichtlich vor allem Drohnen. Deshalb: Mit europäischen Partnern zusammenarbeiten, welche Langstreckenraketen für die Schweiz abräumen. Und wir schauen, dass wir bei den Drohnen respektive der Drohnenabwehr aufrüsten – unter Bundesrat Pfister ist das nun angedacht.

Die Türkei hat gegen die Kurden schon vor Jahren Drohnen eingesetzt. In der Schweiz waren die lange kein Thema.

Wir haben immer wieder und schon vor Jahren gewarnt, dass wir in falsche Systeme investieren, etwa in die Artillerie. Das ist heute sinnlos. Wir brauchen keine Panzer, sondern eine moderne Armee. Eine Armee, die sich gegen hybride Angriffe und Cyberattacken wappnet. Eine Armee, die mit Partnern zusammenarbeitet. Es braucht nicht «heavy Metall», sondern agile Drohneneinheiten.

Thema Armeepistole. Die Schweizer Armee beschafft die Saurer P 320 von Sigg-Saurer. Die Waffe hat in zivilen Schützenkreisen einen verheerenden Ruf. Man schüttelt nur den Kopf. Nun wurde bekannt: Bei der Evaluation hatte die Waffe die deutlich schlechtesten Resultate … und wird trotzdem beschafft. Als Auftrag für die heimische Industrie.

Ich begreife es nicht. Sportschützen sagten mir: «Never, ever!». Ich habe das Thema im Dezember in der Fragestunde aufgebracht. Die Antwort des Bundesrats war … marode.

Sie wurden brandschwarz angelogen!

Ja, es sieht danach aus. Und das ist das, was uns so aufregt bei diesen Rüstungsgeschäften. Wir können nur reagieren und nie agieren.

Sicherheitspolitikerin Andrea Zryd sprach im Interview mit Peter Salvisberg Klartext.

Sicherheitspolitikerin Andrea Zryd sprach im Interview mit Peter Salvisberg Klartext.Foto: Kelly Müller

… und die VBS-Leute tanzen den Politikern auf der Nase herum und geben ihren Industriefreunden Aufträge für ungenügendes Material wie im Fall der Saurer P 320. Was müsste in der Politik ändern?

Nicht Links-Rechts-Lager öffnen, sondern parteiübergreifend besser zusammenarbeiten. Das ist jetzt aktuell tatsächlich passiert, zusammen mit der SVP. Dass man überprüft, ob man mindestens vorübergehend den Luftraum mit einem Zweiflotten-System schützen könnte. Dass man die F/A-18 verlängert und auch den Tiger noch für luftpolizeiliche Geschichten einsetzt. Ich selbst bin für sehr viel mehr Partnerschaften mit dem Ausland.

Glauben Sie wirklich an eine Zusammenarbeit? Wenns hart auf hart geht, etwa bei den fehlenden Masken in der Corona-Zeit, schaut doch jedes Land für sich.

Die Schweiz ist ein «Rosinenpickerland». Wir haben das Gefühl, in einer Krisensituation würden uns die Nachbarn und Kollegen dann schon helfen. Entweder sind wir nun endlich bereit, Kooperationen einzugehen, und dann hilft man sich dann auch. Oder wir machen nach wie vor unsere Mäuerchen rund um die Schweiz. Dann müssen wir uns aber auch nicht verwundern, wenn uns niemand hilft.

Berner Nationalrätinnen im Gespräch: Aline Trede (Grüne) (links) bespricht sich mit Andrea Zryd (SP) in Sachen Armee. Trede tritt nach ihrer Wahl in den Regierungsrat zurück und wird durch Andrea de Meuron ersetzt.

Berner Nationalrätinnen im Gespräch: Aline Trede (Grüne) (links) bespricht sich mit Andrea Zryd (SP) in Sachen Armee. Trede tritt nach ihrer Wahl in den Regierungsrat zurück und wird durch Andrea de Meuron ersetzt.Foto: Keystone

Frankreich gab dieser Tage bekannt, dass man im Softwarebereich auf Linux setze und Microsoft ablöse. Ein Zeichen gegen die Abhängigkeit von den USA. Ist das Thema in der Sicherheitspolitischen Kommission?

Die ganzen Software-Fragen sind immer ein Thema. Es ist aber nicht mein Fachgebiet. Braucht es eigene Systeme? Ein «Swissfinish» ist immer teuer. Wo gibt es Sicherheitslücken? Wo Abhängigkeiten? Die Fragen sind extrem komplex und für uns Politikerinnen auch schwierig abzuschätzen, wenn man nicht Fachspezialistin ist.

Die Schweizer Rüstungsindustrie klagt: Wenn wir nicht exportieren können, bleiben Aufträge aus. Wissen geht verloren, das wir im Land behalten oder sogar aufbauen möchten. Die SP hat mit anderen das Referendum gegen die Lockerungen des Kriegsmaterialgesetzes ergriffen. Das Volk wird darüber entscheiden.

Wir machen mit diesem neuen Kriegsmaterialgesetz eine ziemlich aktive Belieferung von Kriegen. Wir könnten neu in korrupte Länder respektive «Unrechtsstaaten» exportieren. Und die Ukraine, wo wir ursprünglich indirekt liefern wollten, bleibt aussen vor. Andere Länder, welche die Menschenrechte mit Füssen treten, würden profitieren. Für so etwas habe ich null Verständnis. Ich hoffe, dass das Schweizer Volk das neue Kriegsmaterialgesetz versenken wird.