
AUDIO: Album der Woche: Arvo Pärt: Complete Symphonies (4 Min)
Stand: 10.05.2026 06:00 Uhr
Der 90-jährige Arvo Pärt gehört längst zu den bedeutendsten Komponisten der Gegenwart. In seiner langen Karriere hat er auch vier Sinfonien komponiert, die jetzt in einer neuen Gesamtaufnahme mit dem Iceland Symphony Orchestra vorliegen.
Dass seine oft meditativen Werke häufig aufgeführt werden, hängt auch mit dem von ihm erfundenen «Tintinnabuli»-Stil zusammen – wörtlich könnte man es mit Glöckchen-Stil übersetzen. Pärt verwendet ihn vor allem in kleineren Instrumentalwerken und in seiner Chormusik. In seiner vierten Sinfonie aus dem Jahr 2008, komponiert für Streichorchester, Harfe, Pauken und Schlagzeug, erkennt man jenen «Tintinnabuli»-Stil: ein ruhiges Fließen, ein Mäandern im Strom des scheinbar Immer-Gleichen.
Vom Dissonanz-Feuerwerk zur Klangmeditation
Doch zu Beginn seiner Komponisten-Laufbahn zeigt Pärt noch ein ganz anderes Gesicht. Als junger Mann verwendet er, etwa in seiner ersten Sinfonie aus den frühen 1960er-Jahren, schroffe Rhythmen und dissonante Akkorde – eine Musik, die näher an Igor Strawinsky und Dmitri Schostakowitsch ist als an dem uns heute bekannten Arvo Pärt.
Das Iceland Symphony Orchestra hat alle vier Sinfonie von Arvo Pärt eingespielt und beweist dabei eine große stilistische Wandlungsfähigkeit. Das Sanft-Entschleunigende des späten Pärt gelingt ebenso wie das Zackig-Aufrührerische, Kantige mit seinen Anleihen an die Zwölftonmusik.
In der zweiten Sinfonie von 1966 verzichtet Pärt auf beschreibende Überschriften und verwendet stattdessen lediglich die reinen Metronom-Zahlen. Erst mit der dritten Sinfonie von 1971 vollzieht Pärt eine stilistische Wende. Inmitten seiner mehrjährigen Studien von Gesängen des Mittelalters und der Renaissance entwickelt er eine Sprache, die deutlich schlichter, meditativer klingt.

Tõnu Kaljuste widmet Arvo Pärt zu seinem 90. Geburtstag ein neues Album – mit Klangfarben aus Vergangenheit und Gegenwart.
Farbenreiche Reise durch Pärts Sinfonien
Die Dirigentin Eva Ollikainen zeichnet diesen Entwicklungsprozess nach, indem sie die einzelnen Stimmen hier kammermusikalisch auffächert. Das Iceland Symphony Orchestra wirkt wie ein ortskundiger Reiseführer, der gezielt auf die Besonderheiten und die Schönheiten von Pärts Musik hinweist. Mal machen wir Station in zerklüfteten und dramatischen Klanglandschaften, mal bestaunen wir eine schier unendliche Weite, die suggeriert: Es gibt möglicherweise noch ein Dahinter, wo es weitergeht.
Eva Ollikainen und das Iceland Symphony Orchestra erweisen sich als äußerst anpassungsfähig, ohne nach den jeweiligen Extremen zu suchen. Das Schroffe bewahrt eine gewisse Wärme, das Sanfte wirkt nie seifig. So ist eine insgesamt erfreulich homogene Aufnahme der vier Sinfonien von Arvo Pärt entstanden, aufschluss- und farbenreich zugleich.

Arvo Pärt: Complete Symphonies
Iceland Symphony Orchestra, Eva Ollikainen
Genre:
Klassik
Label:
Chandos
Bestellnummer:
0095115537220
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