Sechs Jahre nach Beginn der COVID-19-Pandemie gehören Kopfschmerzen zu den häufigsten und am längsten anhaltenden Symptomen nach einer SARS-CoV-2-Infektion. Dieser Fachartikel beleuchtet die verschiedenen Formen von COVID-19-assoziierten Kopfschmerzen, ihre Pathophysiologie und therapeutische Ansätze. Erfahren Sie, wie sich akute Kopfschmerzen von persistierenden Post-COVID-Kopfschmerzen unterscheiden und welche Rolle Impfungen dabei spielen.

Long-COVID und Post-COVID: Definition und Häufigkeit

Sechs Jahre nach Beginn der COVID-19 Pandemie sind viele Symptome und Beschwerden, die im Zusammenhang mit der Infektion auftreten, noch immer nicht in ihrer Pathophysiologie verstanden. Dies gilt im Besonderen für die nach einer Infektion über Wochen bis Monate anhaltenden Beschwerden. Diese werden in den Medien häufig unter den Begriffen Long-COVID bzw. Post-COVID (Beschwerden länger als 4 Wochen bzw. 3 Monate nach der Infektion anhaltend) zusammengefasst (▶ Tab. 1). Die Häufigkeit von entsprechend anhaltenden Beschwerden nach SARS-CoV-2 Virus-Infektion wird in England mit ca. 1,8 % der Bevölkerung angegeben [1].

Risikofaktoren für Long-COVID

Risikofaktoren für Long-COVID sind:

Vorbestehende Beschwerden (z. B. primäre Kopfschmerzen wie Migräne)

Weibliches Geschlecht

Schon initial multiple Beschwerden

Notwendigkeit einer stationären Therapie

Fehlende Impfung

Fehlende Möglichkeit die akute Infektion in Ruhe auszukurieren

Keine virusstatische Therapie

Wiederholte COVID-19-Infektionen [1]

Symptome von Long-COVID

Symptome von Long-COVID sind vielfältig. Folgende Symptome werden beklagt:

Ermüdbarkeit und geringe Belastungstoleranz

Kurzatmigkeit

Brustenge

Veränderte Stimme

Orthostatische Intoleranz

„Brain fog” (Kurzzeitgedächtnisstörung)

Schwindel

Geruchsverlust

Hautrötung

Schlafstörung

Depression

Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Verlust an Muskelkraft [1]

Die Pathophysiologie, die für diese verschiedenen Symptome verantwortlich ist, ist noch unklar. Neben genetischen Faktoren werden eine persistierende Inflammation der Endothelien, Aktivierung von Gerinnungsmechanismen, eine Dysregulation der Immunresponse, Veränderungen des Mikrobioms und Störung der Atmungskette diskutiert [1].

Schon relativ schnell nach Beginn der Pandemie wurde von spanischen Autoren über anhaltende Kopfschmerzen im Rahmen einer SARS-CoV-2 Virus-Infektion berichtet [2]. Im akuten Stadium der Infektion hatten 75 % der Patientinnen und Patienten Kopfschmerzen, nach 6 Wochen noch 38 %, wobei die Hälfte der Betroffenen in dieser Studie keine Kopfschmerzvorgeschichte hatte.

Im Folgenden soll erst auf die akuten Kopfschmerzen im Verlauf der COVID-Infektion eingegangen werden und dann auf die länger anhaltenden Kopfschmerzen.

NameDefinitionPost-COVID (WHO)Symptome bestehen 3 Monate nach Beginn der COVID-19-Infektion weiter, mit einer Dauer mindestens 2 Monaten, und können nicht anders erklärt werdenLong COVID (US Department of Health)Symptome und Befunde, die nach einer COVID-Infektion beginnen und für mehr als 4 Wochen bestehenAnhaltende symptomatische COVID-19 Erkrankung (UK National Institute of Health)Anders nicht erklärte Symptome, die für 4–12 Wochen nach einer COVID-19-Infektion anhaltenPost COVID-19 Syndrom (UK National Institute of Health)Symptome, die für mehr als 12 Wochen nach der COVID-19-Infektion bestehen und nicht anders erklärt werden könnenTab. 1: Definitionen für protrahierte Symptome nach COVID-19-Erkrankungen; mod. nach Greenhalgh et al. [1].

Akuter Kopfschmerz bei SARS-CoV-2-Infektion

Das SARS-CoV-2 Virus gehört wie auch die Viren der Influenza-Familie (A, B, C), das Zika-Virus und das Nipah-Virus zu den RNA-Viren [3]. Die Infektion mit SARS-CoV-2 läuft primär über respiratorische Endothelzellen, die über den ACE-2-Rezeptor, an dem sich das Virus über seine Spike-Proteine anheftet, befallen werden.

Symptome und Prävalenz

Eine COVID-19-Erkrankung manifestiert sich zunächst durch unspezifische Allgemeinsymptome, die Ähnlichkeit mit einer Influenza-Infektion haben. Im Vordergrund stehen:

Fieber

Trockener Husten

Abgeschlagenheit

Myalgien und Arthralgien

Kopfschmerzen in ca. 50 % der Fälle

Die Prävalenz von Kopfschmerzen variiert in der Literatur stark und wird mit 10–74 % angegeben [2]. Kopfschmerzen können dabei das erste Symptom einer Infektion sein (ca. in 25 %) [4].

Risikofaktoren für Kopfschmerzen bei COVID-19

Risikofaktoren für das Auftreten von Kopfschmerzen sind:

Ausgeprägte Entzündungsreaktion (charakterisiert z.B. durch hohe CRP- bzw. IL6-Werte)

Primäre Kopfschmerzen (z. B. Migräne) in der Vorgeschichte

Weibliches Geschlecht

Jüngeres Alter

Anosmie

Myalgien

Fieber (▶ Abb. 1) [1, 4]

Es ist aber zu bedenken, dass die meisten Untersuchungen zu Kopfschmerzen bei Patientinnen und Patienten mit einer COVID-19-Erkrankung mit Infektionen durch die frühen Varianten (Alpha- bzw. Delta-Variante) durchgeführt wurden, welche eine besonders ausgeprägte Entzündungsreaktion hervorrufen [5, 6].

Abb. 1: Einordnung von COVID-19 assoziierten Kopfschmerzen; mod. nach [2].Abb. 1: Einordnung von COVID-19 assoziierten Kopfschmerzen; mod. nach [2].Abb. 1: Einordnung von COVID-19 assoziierten Kopfschmerzen; mod. nach [2].

Unterschiede zwischen Virusvarianten

Die jetzt vorherrschende Stratus-Variante führt zu einer deutlich geringeren inflammatorischen Aktivierung. Daten, wie sich dieses auf die Kopfschmerzen auswirkt, fehlen. In einer Kohorte englischer Patientinnen und Patienten wurde für die Omicron-Variante, welche auch einen milderen Verlauf als die Delta-Variante hervorruft, eine seltenere Auslösung von Anosmie/Geschmacksstörungen und Kopfschmerzen verglichen mit der Delta-Variante gefunden [7].

Klinische Charakteristika

Klinisch werden mittelschwere drückende, seltener auch pulsierende Kopfschmerzen berichtet. In 50 % ist der Kopfschmerz stark und wird auch von einer Photo-/Phonophobie und Übelkeit begleitet und reagiert schlecht auf Schmerzmittel. Es gibt Hinweise, dass das Auftreten von Kopfschmerzen in der Akutphase bei schwer an COVID-19 Erkrankten eher mit einer günstigen Prognose assoziiert ist (gezeigt für Infektionen mit den frühen Varianten) [8]. Die Schwere der Kopfschmerzen korreliert mit der Dauer der Infektion [9].

Generell sind die Kopfschmerzen bei Infektionen mit der Omicron-Variante weniger lange anhaltend, ebenso bei Patienten mit vorheriger Impfung (ca. 7,7 Tage) [9].

Vergleich mit Kopfschmerzen bei anderen Virusinfektionen

Wie ist dies im Vergleich mit Kopfschmerzen im Rahmen anderer Virusinfektionen? Insgesamt ist die Literatur dort deutlich weniger umfangreich. Kopfschmerzen als Akutsymptom werden aber häufig beschrieben.

Historische Grippewellen

Für historische Grippewellen wurden unterschiedliche Häufigkeiten von Kopfschmerzen berichtet [10]:

Asiatische Grippewelle (1889–1892): Im akuten Stadium 75–83 % der Betroffenen mit Kopfschmerzen. Der angenommene Erreger ist Influenza A Subtyp H3.

Spanische Grippe (1918): Nur relativ wenig über Kopfschmerzen berichtet, trotz häufig tödlichem Verlauf [10].

Influenza A-Pandemie 2009 (Virustyp H1N1): Kopfschmerzhäufigkeit von 66,5 % [11]. Das mediane Erkrankungsalter war 12–44 Jahre, weitere Symptome waren Husten und Fieber in ca. 84 % der Patientinnen und Patienten sowie Muskelschmerzen in 58,1 %.

Denguefieber

Ähnliche Symptome werden auch für das Denguefieber, ein RNA-Virus aus der Gruppe der Flavi-Viren, gefunden:

Fieber in 86–100 %

Muskelschmerzen in 42,2–79 %

Kopfschmerzen in 59,2–68 %

Hautausschlag in 29,2–74 % der Betroffenen [12]

Wie bei Virusinfekten typisch findet sich häufig eine Thrombopenie [12]. Bei diesen Infektionen besteht auch eine nicht zu vernachlässigende Mortalität [13].

Autoren: A. Straube, R. Ruscheweyh

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