Blicken wir nach vorne: Angenommen, die «10-Millionen-Schweiz»-Initiative wird angenommen. Wann würden wir die Folgen spüren?
Siegenthaler: Die Effekte würden schneller eintreten, als viele denken. Schon die Annahme würde Unsicherheit schaffen. Unternehmen planen langfristig – wenn sie befürchten müssen, künftig keine Fachkräfte mehr zu finden oder der Zugang zum EU-Markt unsicher wird, reagieren sie sofort. Das könnte bedeuten, dass Investitionen verschoben oder Standorte überdacht werden.
Droht tatsächlich eine Abwanderung von Unternehmen – oder ist das eine Drohkulisse?
Siegenthaler: Das ist kein rein hypothetisches Szenario. Bereits nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative haben wir gesehen, dass Unternehmen Investitionen aufgeschoben haben. Wenn die Personenfreizügigkeit und damit potenziell auch die bilateralen Verträge wegfallen, wäre das ein erheblicher Standortnachteil.
Beerli: Man könnte das auch als Umkehr der Firmenansiedlungen sehen, die wir als Folge der Einführung der Personenfreizügigkeit gesehen haben.
Und was geschieht mit den Löhnen: würden diese steigen aufgrund des knapperen Angebots an Fachkräften?
Beerli: Da muss man differenzieren. In einigen Branchen könnten sie sinken, weil produktive Firmen, die heute Lohnvorreiter sind, das Land verlassen. In lebenswichtigen Bereichen hingegen – wie in der Landwirtschaft, im Baubereich, im Gastgewerbe oder in der Pflege – dürften die Löhne steigen. Aber wichtig: steigende Löhne bedeuten oft auch steigende Preise. Diese Produkte und Dienstleistungen würden teurer. Es ist daher unklar, ob auch die realen Löhne steigen würden.
Könnte die Schweiz den Rückgang der Zuwanderung nicht durch mehr inländische Arbeitskräfte kompensieren?
Beerli: Das würde nicht ausreichen. Selbst wenn mehr Frauen Vollzeit arbeiten oder wenn alle bis 70 im Erwerbsleben bleiben, wird das die demografische Entwicklung nicht vollständig kompensieren. Wir steuern auf eine Situation zu, in der das inländische Arbeitskräfteangebot strukturell sinkt. Ohne Zuwanderung wird es schwierig, dieses Defizit auszugleichen.
Ohne Personenfreizügigkeit müsste die Schweiz die Zuwanderung neu regeln. Welche Alternativen gibt es?
Siegenthaler: Es gibt verschiedene Modelle – etwa Punktesysteme oder Kontingente. In der Praxis sind diese aber weniger effizient. Sie sind bürokratischer, weniger flexibel und reagieren langsamer auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts. Wozu ein Punktesystem führen kann, zeigt sich jetzt gerade im Vereinigten Königreich. Seit dem Brexit hat man dort mehr statt weniger Zuwanderung. Auch die Qualifikationsstruktur der Zugewanderten hat sich unvorteilhaft entwickelt, mitunter weil die Zugewanderten vermehrt von ausserhalb der EU kommen. Gleichzeitig musste die britische Regierung die Bildungsanforderungen im Punktesystem senken, weil viele Sektoren, die auf mittelqualifizierte Fachkräfte angewiesen sind, aufgrund der Zuwanderungsbeschränkungen mit der EU Personalengpässe verzeichneten.
Ist es denkbar, dass diese Debatte eigentlich obsolet ist, weil wir aufgrund der KI-Revolution auf dem Arbeitsmarkt künftig viel weniger Zuwanderung benötigen?
Siegenthaler: Das ist relativ unplausibel, da viele Berufe im Arbeitsmarkt trotz KI sehr relevant bleiben werden. Eine aktuelle KOF-Studie gibt aber erste Hinweise darauf, dass KI tatsächlich bestimmte Tätigkeiten ersetzt und gewisse Berufe unter Druck geraten. Aber noch ist unklar, ob es sich dabei um einen vorübergehenden Effekt oder um eine strukturelle Entwicklung handelt. Ähnlich beunruhigend wie allfällige Verdrängungseffekte durch Roboter sind derzeit allerdings die Folgen des demographischen Wandels.
Inwiefern?
Beerli: Aufgrund des demografischen Wandels wird das Arbeitskräfteangebot in der Schweiz strukturell sinken. Und in 15 bis 20 Jahren werden wir eine ganz andere Bevölkerungsdebatte führen: jene einer schrumpfenden Bevölkerung, wie sie in Japan oder Korea heute schon existieren. Das bedeutet dann: weniger Betriebe, weniger Investitionen und ein schmerzhafter Strukturwandel. Dann kommt es zu Desinvestitionen, 5% weniger Stellen pro Jahr, sinkenden Häuserpreisen. Im Vergleich dazu sind die heutigen Zuwanderungs-Schmerzen verkraftbar.
Gegner der 10-Millionen-Schweiz-Initiative sprechen von einer «Chaos-Initiative». Ist das aus ökonomischer Sicht berechtigt – oder eher Angstmacherei?
Siegenthaler: Die letzten 20 Jahre zeigen, dass die Offenheit des Arbeitsmarkts volkswirtschaftlich ein zentraler Wachstumsmotor war mit einigen Nebenwirkungen. Eine starke Begrenzung der Zuwanderung würde dieses Modell infrage stellen – kurzfristig durch Unsicherheit und langfristig durch geringeres Wachstum und stärkeren Druck durch den demografischen Wandel. Eigentlich bräuchte die Schweiz in Zukunft möglichst viel Flexibilität in Sachen Zuwanderung. Mit der 10-Millionen-Obergrenze geschieht jedoch genau das Gegenteil: wir würden uns freiwillig Handschellen anlegen.