Verdis «Forza» entzweit Bern | 7. Mai 2026

Das Feuilleton jubelt, das Stammpublikum flieht, und die Politik beginnt zu rechnen. Wer heute die Bilanzen der grossen Opernhäuser in Deutschland und der Schweiz liest, blickt in einen Spiegel der gezielten Selbsttäuschung. Während Fachmagazine wie die «Opernwelt» intellektuelle Dekonstruktion als notwendige Reibung prämieren, findet an der Abendkasse eine Erosion statt, die das Genre seine Existenz kosten könnte.

Dekonstruktive Lesarten wie diejenige von Julia Lwowski zu Giuseppe Verdis Opus «La forza del destino» am Stadttheater Bern spalten das Publikum.

Dekonstruktive Lesarten wie diejenige von Julia Lwowski zu Giuseppe Verdis Opus «La forza del destino» am Stadttheater Bern spalten das Publikum.Fotos: Florian Spring

Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, heisst es im Volksmund. Gefälscht wäre nun im Bereich von Zuschauerzahlen im Theater übertrieben, doch getrickst wird auf jeden Fall. Besetzte Plätze bedeuten nicht, dass sie auch adäquat bezahlt sind. Honi soit qui mal y pense – Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Freikarten für Geflüchtete

Offizielle Besucherzahlen sind zur Währung der Existenzberechtigung in der Kulturszene geworden, doch sie verschleiern mitunter die ökonomische Realität. In Metropolen wie Berlin wird die Auslastung durch ein Heer von «Subventionsnomaden» gestützt. Freikarten für Geflüchtete und 15-Euro-Tickets für Studenten füllen zwar die Ränge, doch sie ruinieren gleichzeitig den Deckungsgrad.

Um den Verlust eines einzigen Stammgastes, der wegen einer misslungenen Inszenierung wegbleibt und zuvor 150 Euro beziehungsweise 150 Franken zahlte, zu kompensieren, müssen zehn rabattierte Neukunden gewonnen werden

Die Verjüngung des Publikums kostet

Das ökonomische Gesetz ist simpel: Um den Verlust eines einzigen Stammgastes, der wegen einer misslungenen Inszenierung wegbleibt und zuvor 150 Euro, beziehungsweise 150 Franken zahlte, zu kompensieren, müssen zehn rabattierte Neukunden gewonnen werden. Statistisch ist der Saal zwar «voll», finanziell ist er im schlimmsten Fall ein Sanierungsfall oder er wird es mit der Zeit. Man erkauft sich eine optische Verjüngung durch den Verzicht auf wirtschaftliche Substanz. Doch wie lange geht dieses Spiel weiter? In Deutschland ist die Situation prekär (siehe Kasten).

Bühnen Bern startete die aktuelle Saison im Musiktheater mit einer völlig entkoppelten Version von Puccinis Werk «Manon Lescaut».

Bühnen Bern startete die aktuelle Saison im Musiktheater mit einer völlig entkoppelten Version von Puccinis Werk «Manon Lescaut».

Die Inszenierung von Anna Bergmann erhielt von den regionalen Medien schlechte Kritiken, während das Feuilleton jubelte.

Die Inszenierung von Anna Bergmann erhielt von den regionalen Medien schlechte Kritiken, während das Feuilleton jubelte.

Bern und Basel: Ein Schweizer Lehrstück

Die Schweiz liefert das Labor für dieses Dilemma. In Basel unter Benedikt von Peter wird das Musiktheater zum Hochamt des Experiments – mit fatalen Folgen. Gemäss dem Geschäftsbericht 2023/24 lag die Auslastung der Opernsparte bei 66,2 Prozent, jene der Grossen Bühne isoliert sogar nur bei rund 61,6 Prozent (Spielzeit 2022/23) – kein ästhetisches Statement, sondern ein Politikum. Charakteristisch für den Kurs ist dabei eine schleichende Verschiebung: Klassische Opernwerke treten zunehmend zugunsten von «Musiktheater»-Projekten zurück, die oft weiter vom tradierten Repertoire entfernt sind. Wenn politische Kräfte die Subventionen hinterfragen – wie es in Baselland bereits mehrfach geschehen ist – brennt die Lunte am Fundament. Ein Haus, das die «bürgerliche Mitte» verliert, verliert seine demokratische Legitimation.

Anfang Mai 2024 war Operndirektor Rainer Karlitschek (links) Gast von Kulturredaktor Peter Wäch im Talkformat «Zäme im Zäntrum» der Plattform J.

Anfang Mai 2024 war Operndirektor Rainer Karlitschek (links) Gast von Kulturredaktor Peter Wäch im Talkformat «Zäme im Zäntrum» der Plattform J.Foto: Max Hutmacher

Ist «Jesus Christ Superstar» eine Oper?

In Bern hingegen herrscht unter Florian Scholz und seinem Operndirektor Rainer Karlitschek die Kunst der statistischen Mimikry. Man rettet die Quote durch «Eventisierung». Wenn die äusserst erfolgreiche Produktion «Jesus Christ Superstar» unter dem Label «Oper» läuft, ist das Etikettenschwindel zur Sicherung der Subventionsbeiträge. Den eigentlichen Geldregen bringt dann eine konventionelle «Zauberflöte» aus dem Haus in Klagenfurt, die in Bern mehrfach in die Wiederaufnahme ging.

Ohne diesen ästhetischen Anker wäre das Budget für dekonstruktive Experimente längst im Minus. In Bern wird die Oper also etwas «frisiert», um den Schein der Relevanz zu wahren. Dazu dienen auch spartenübergreifende Projekte wie «Dido and Aeneas» mit dem Tanzensemble. Letzteres ist in Bern ein Garant für ein volles Haus.

Wenn die äusserst erfolgreiche Produktion «Jesus Christ Superstar» unter dem Label «Oper» läuft, ist das Etikettenschwindel zur Sicherung der Subventionsbeiträge

Zürich: Matthias Schulz im Spagat

Auch in Zürich muss sich Matthias Schulz erst noch beweisen. Sein Einstand mit einer Fledermaus, in der die Kult-Figur des Frosch durch drei mythologische Nornen (und Texte der Kabarettistin Patti Basler) ersetzt wurde, sorgte bereits für Debatten im Stammpublikum – ein riskantes Spiel mit der Tradition in einer Stadt, die auf Sponsoren angewiesen ist. Die Verpflichtung von Julia Lwowski für Donizettis «L’elisir d’amore» (Premiere April 2027) wirkt wie ein Spiel mit dem Feuer: Lwowski dekonstruiert aktuell in Bern Verdis «Forza» so radikal, dass sie weite Teile des Publikums verstört zurücklässt (die Plattform J berichtete). Wer solche Handschriften in das Belcanto-Repertoire Zürichs trägt, riskiert, die zahlungskräftige Klientel nachhaltig zu verprellen.

Verstörende Bildgewalt von Regissuerin Lwowski für Verdis gewaltige «Forza» in Bern: Christian Valle als Padre Guardino und Caterina Marchesini als Leonora.

Verstörende Bildgewalt von Regissuerin Lwowski für Verdis gewaltige «Forza» in Bern: Christian Valle als Padre Guardino und Caterina Marchesini als Leonora.

Die Star-Blockade und das Schweigen der Bühne

Ein oft verschwiegener Aspekt ist der Qualitätsverlust. Weltstars wie Benjamin Bernheim oder Anna Netrebko meiden Häuser, in denen sie gegen die Logik der Partitur in Müllcontainern singen müssen. Wer radikal dekonstruiert, bekommt keine Weltklasse-Stimmen mehr und im Hinblick auf Bern vielleicht auch keine Sprungbrett-Künstler mehr. Das Ensemble beklagt sich hinter vorgehaltener Hand über die Konzepte, die Solisten schweigen für die Karriere, die an relevanteren Häusern weitergeht. Das Publikum merkt den Unterschied: Man zahlt keine Premium-Preise für zweitklassige Besetzungen in erstklassig-hässlichen Kulissen.

Italien als Korrektiv des Marktes

In Italien verhindert der finanzielle Druck den deutschen Wahnsinn «Regietheater». Da Sponsoren aus der Luxusindustrie eine tragende Rolle spielen, herrscht ein Diktat der Ästhetik. Ein Sponsor will Schönheit und Repräsentation, keine ideologisch gefärbte Schlachtplatte. Das mag konservativ wirken, sichert aber das Überleben des Genres als populäre Kunstform, während es im Norden zur hermetischen Nische für eine winzige, subventionierte Elite verkommt. Heute ist man mit der schnellsten Verbindung von Bern nach Mailand in etwas mehr als drei Stunden an der Scala für ein Opernerlebnis.

Wenn die Oper nur noch für Fachmedien wie «Opernwelt» und in steigendem Masse für «Studierende» spielt, sägt sie den Ast ab, auf dem sie sitzt

Der Preis der Arroganz

In Deutschland und Frankreich ist das Theatersterben in der Fläche bereits Realität. Kleinere Häuser stehen vor der Abwicklung, weil die Schere zwischen steigenden Kosten und Netto-Erlösen nicht mehr schliessbar ist. Wenn die Oper nur noch für Fachmedien wie «Opernwelt» und in steigendem Masse für neudeutsch «Studierende» spielt, sägt sie den Ast ab, auf dem sie sitzt. Und Musicalproduktionen wie aktuell «Mamma Mia!» auf Schweizerdeutsch in der Maag-Halle in Zürich brauchen definitiv keine Subventionen. Für das hat es in Bern jetzt eine eigene Festhalle.

Krise der deutschen Opernhäuser

Finanzielle Notlage: Der Deutsche Städtetag warnt vor flächendeckenden Schliessungen, da steigende Betriebskosten und kommunale Haushaltslöcher die Finanzierung von rund 140 öffentlich getragenen Häusern gefährden (Quelle: Deutscher Städtetag, 2024).

Wirtschaftlicher Druck: Die Eigenkapitalquote vieler Häuser ist gering; oft werden weniger als 20 Prozent der Kosten durch Ticketverkäufe gedeckt, was die Institute extrem abhängig von staatlichen Zuschüssen macht (Quelle: Deutscher Bühnenverein, Theaterstatistik 2022/23).

Publikumsschwund durch Ästhetik: Umstrittene moderne Regie-Interpretationen führen laut Kritikern zu einer Entfremdung vom Stammpublikum und gefährden die Auslastung, während die Gesamtzuschauerzahl seit den 1960er-Jahren massiv gesunken ist (Quelle: FAZ / Studie «Publikumserwartungen im Musiktheater»).

Sanierungsstau: Ein Investitionsstau in Milliardenhöhe, insbesondere bei Grossbauten in Berlin und Stuttgart, verschärft die Debatte um die Existenzberechtigung kostenintensiver Hochkultur (Quelle: Bundesrechnungshof / Landesrechnungshof BW).

Warnungen vor dem «Theatersterben»

Der Deutsche Städtetag warnte Ende 2025 unter Präsident Burkhard Jung explizit davor, dass die Städte bei ausbleibender finanzieller Entlastung durch Bund und Länder zunehmend Leistungen kürzen oder einstellen müssen – ausdrücklich auch im Kulturbereich. Eine spezifische Warnung vor dem Schliessen einzelner Theatergebäude wurde nicht formuliert, die strukturelle Bedrohung des Theaterwesens ist aber Teil dieser allgemeinen Alarmierung.