Hamburg – Seine Schminke macht ihn zum Prügelopfer, seine eigene Mutter nennt ihn „Abschaum“. Der ZDF-Film „Olivia“ über Deutschlands bekannteste Dragqueen begann am Mittwochabend (3,6 Mio. Zuschauer, jetzt in der Mediathek) mit einer Rückblende in die späten 80er-Jahre. Dann wurde klar: Die Zeiten haben sich geändert – das Problem nicht.

Er ist noch ein Kind, da kramt Oliver Knöbel (im Film gespielt von Arian Wegener, 14) im Kleiderschrank seiner alleinerziehenden Mutter Evelin. Nicht nur Mama (Annette Frier, 52), auch der Nachbar (Martin Brambach, 58) ist entsetzt über Lippenstift und Frauenkleider. So etwas passt nicht ins spießige Springe. Zu viel für eine niedersächsische Kleinstadt.

Berührend und humorvoll: Johannes Hegemann (30) spielt Deutschlands bekannteste Dragqueen, Olivia Jones

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Foto: Thomas Leidig/ZDF/Florida Film/dpa

Mama nennt ihn „Abschaum“

Seine erste Liebe Thorsten, ein maskuliner Kerl, schaut später nur zu, als Oliver fürs Anderssein verprügelt wird. Thorsten wird Soldat mit Frau und Kind. „Was soll aus dir bloß werden?“, fragt Mama, als ihr Sohn Kleider näht und den Versicherungsjob aufgibt. Sie beschimpft ihren eigenen Sohn.

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Oliver flieht nach St. Pauli. Der Film zeigt seine Leidensgeschichte samt HIV-Angst und Homohass selbst in Hamburg. Doch Ausdauer, sein einzigartiges Mundwerk und Talent holen Oliver aus der schäbigen 250-Mark-Kellerwohnung. Aus ihm wird Olivia Jones – eine Ikone.

Annette Frier (52) gelingt es, die Abneigung von Olivers Mutter Evelin bewegend rüberzubringen

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Foto: ZDF/Thomas Leidig

Seiner Jugendliebe fehlt der Mut

Theater-Star Johannes Hegemann (30) spielt diesen Weg ohne Pathos, aber mit Wucht – bis hin zum ESC 2016, zu Olivias „Wort zum Sonntag“. Plötzlich taucht sogar Mama Evelin in der Olivia-Jones-Bar auf. Nur einer hadert weiter: „Wie hast du das gemacht, Olli?“, fragt ihn Jugendliebe Thorsten auf einer Parkbank. Ihm fehlt der Mut, er selbst zu sein. Immer noch.

Jugendliebe Thorsten (Jeremy Mockridge, 32) verbirgt sein wahres Ich

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Foto: ZDF/Thomas Leidig

Deshalb tut der Film weh

Das Ende auf der Leinwand zeigt, warum der Film wehtut: Etliche Homosexuelle leben bis heute im Verborgenen, gehen klammheimlich in Szene-Treffs und verstecken sich hinter anonymen Profilen auf Dating-Apps. Weil ihr Umfeld nichts anderes zulässt. Dabei will Deutschland toleranter sein, als es ist: Laut Bundeskriminalamt (BKA) hat sich die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“ seit 2010 nahezu verzehnfacht. 2023 richteten sich 1785 Taten gegen LGBTQ-Personen, im Vorjahr waren es 1188.

BILD-Reporter Nico Nölken (26) hat sich den Olivia-Jones-Film angesehen

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Foto: Malte Krudewig/BILD

Laut „Spiegel“ wurde im vergangenen Jahr jede fünfte Pride-Veranstaltung zum Ziel von rechtsextremen Störern. Die Gegner haben Aufwind. Mit „Olivia“ bleibt ein Film, der nicht nur die Geschichte einer Drag-Ikone erzählt, sondern eine viel größere Frage stellt: Wie frei kann ein Leben sein, wenn man sich verstecken muss?