Zukunft Kunstmuseum Bern | 15. Mai 2026
Einst wurden von Bern aus die Zeitungen der Welt gedruckt, heute fliesst dieses industrielle Erbe in die Kultur, die Industrie und das Sozialwesen der Region. Dr. Christoph Schäublin, ehemaliger Uni-Rektor und langjähriger Kenner der Berner Museumslandschaft, prüft als Stiftungsratspräsident der Ursula Wirz-Stiftung jährlich Hunderte von Gesuchen. Ein Gespräch über das Vermächtnis einer visionären Patronin, die Notwendigkeit privater Förderung und die Frage, warum eine lebendige Kulturstadt weit mehr braucht als nur ein schönes Weltkulturerbe.
Wer Dr. Christoph Schäublin treffen will, findet ihn an der Marienstrasse 11a, in einem geschichtsträchtigen Winkel des Berner Kirchenfeldquartiers. Die herrschaftliche Villa steht etwas zurückversetzt im Garten, doch das Gespräch findet im ehemaligen Kutscherhäuschen statt, das direkt an die Strasse grenzt. Wo früher Pferde ausgespannt und Kutschen untergestellt wurden, hat sich Schäublin ein nahezu ebenerdiges helles Büro eingerichtet. Es ist ein hoher, einladender Raum, der im Sommer angenehm kühl bleibt – ein Ort, an dem der Geist des Humanismus auf die harte Realität von rund 500 Fördergesuchen pro Jahr trifft.
Schäublin wartet bereits am Tor, um sicherzugehen, dass seine Gäste den Eingang gegenüber dem kürzlich renovierten «Marienhof» finden. Wer ihm gegenübersteht, sieht einen Mann, dem man das Alter von 85 Jahren niemals ansieht. Er ist freundlich, nahbar und aufrichtig interessiert. Er lacht gerne, während er seine Sätze akkurat und mit jener akademischen Bedachtsamkeit formuliert, die man bei einem Mann seines Formats erwartet. Er ist der Präsident des Stiftungsrates der Ursula Wirz-Stiftung, und er redet über eine Institution, die im Stillen dort wirkt, wo der Staat heute oft an seine finanziellen Grenzen stösst. Nächstes Jahr feiert die Stiftung ihr 20-Jahr-Jubiläum.

Peter Wäch (links) trifft Prof. Dr. Christoph Schäublin in seinem Büro an der Marienstrasse in Bern.Fotos: Patrick Schmed
Ein Kind der Berner Industrie
Die Geschichte der Stiftung ist untrennbar mit der Berner Industriehistorie des 20. Jahrhunderts verknüpft. Sie ist das Vermächtnis von Dr. iur. Ursula Wirz, der einstigen Patronin der Maschinenfabrik Wifag. In einer Zeit, als die Welt des schweren Maschinenbaus noch fest in Männerhand war, führte sie das Unternehmen mit eiserner Disziplin, Präzision und einem grossen sozialen Weitblick gegenüber ihrer Belegschaft. Da sie keine direkten Nachkommen hatte, floss ihr beträchtliches Vermögen im Jahr 2007 in die von ihr gegründete Stiftung.
Ich bin zutiefst überzeugt, dass eine Gesellschaft ohne Kultur verkümmert, Kultur ist der Spiegel einer Gesellschaft.
Dr. Christoph Schäublin Stiftungsratspräsident Ursula Wirz-Stiftung

Der emeritierte Professor und Rektor Christoph Schäublin lacht gerne, während er seine Gedanken pointiert zusammenfasst.
«Fräulein Doktor Wirz – sie hat Zeit ihres Lebens darauf insistiert, die Fräulein Doktor zu sein – hat mich persönlich in den ersten Stiftungsrat berufen», erinnert sich Schäublin schmunzelnd an die Gründungsphase. Dass der Ruf an ihn erging, der Wirz nie persönlich kennengelernt hat, war kein Zufall. Nach seiner Emeritierung als Rektor der Universität Bern war Schäublin 14 Jahre lang Präsident des Kunstmuseums Bern und prägte die Institution massgeblich, unter anderem während der komplexen Aufarbeitung des Gurlitt-Erbes. Heute ist er das Gesicht jener Stiftung, die das industrielle Erbe der Wifag in gesellschaftliches und kulturelles Kapital umwandelt. «Ich bin zutiefst überzeugt, dass eine Gesellschaft ohne Kultur verkümmert», sagt Schäublin mit Nachdruck, «Kultur ist der Spiegel einer Gesellschaft. Sie zeigt uns in der Kunst, was alles möglich wäre, wenn man einmal davon absieht, was tatsächlich vorhanden ist.»

Natürlich bewahrt Christoph Schäublin (links) auch in seinem Büro erlesene Kunstwerke auf, die er Peter Wäch mit Anekdoten gespickt präsentiert.
Der private Player in der Pflicht
In einer Zeit, in der die öffentlichen Haushalte unter Druck stehen, wächst die Bedeutung privater Mäzene. Die Ursula Wirz-Stiftung agiert hier als agiler Player im Hintergrund. «Ich sehe die Aufgabe einer Stiftung vornehmlich darin, das zu ermöglichen, was der Staat aus finanziellen Gründen nicht mehr leisten kann», erklärt Schäublin. Ob es das renommierte Musikfestival in Meiringen ist, ein Laienchor im Emmental oder ein humanitäres Projekt im Oberaargau – der Fokus der Stiftung liegt bewusst auf dem Mittelland. «In Basel und Zürich gibt es sehr potente Stiftungen. Wir konzentrieren uns auf Bern, Fribourg und Solothurn, also die Regionen, in denen die Wifag ihre Wurzeln hatte», so Christoph Schäublin.

Nicht nur Kunst prägt den Raum, sondern auch Bücher.
Dabei bleibt die Stiftung ihrem industriellen Ursprung treu. Ein Standbein, das Schäublin besonders am Herzen liegt, ist die Förderung der Drucktechnologie. In Fribourg hat die Stiftung massgeblich zur Gründung eines Instituts an der Fachhochschule beigetragen – es ist das einzige seiner Art in der Schweiz. Hier zeigt sich der Geist der Innovation: Es geht nicht nur um das Bewahren von Altem, sondern um die Förderung von Unternehmertum und technischer Exzellenz.
Das Kunstmuseum muss aufgerüstet werden. Das Projekt «Eiger» ist ein guter und notwendiger Schritt.
Dr. Christioph Schäublin Stiftungsratspräsident Ursula Wirz-Stiftung

Das ungewöhnliche Bücherregal passt zu den Wurzeln der Ursula Wirz-Stiftung, welche in der Maschinenindustrie gründen.
Weitblick für den Museumsstandort
Obwohl das Porträt der Stiftung im Vordergrund steht, lässt sich die aktuelle politische Grosswetterlage in Bern nicht ausblenden. Am 14. Juni entscheidet das Stimmvolk über den Kredit für die Neuausrichtung des Kunstmuseums Bern. Schäublin, der die Bedürfnisse des Hauses wie kaum ein Zweiter kennt, findet deutliche Worte: «Das Kunstmuseum muss aufgerüstet werden. Das Projekt ‚Eiger‘ ist ein guter und notwendiger Schritt. Ich habe selbst erlebt, dass der Bau von Atelier 5 von 1983 nicht mehr sinnvoll zu sanieren ist; er muss durch einen zeitgemässen Neubau ersetzt werden.»

Ein kunstvoller Pferdekopf macht den einstigen Zweck des Gebäudes als Kutschenhaus sichtbar.
Für Schäublin ist ein erstklassiges Museum kein Luxusgut für eine städtische Elite, sondern ein zentraler Standortfaktor für die gesamte Region. «Bern könnte kulturell noch einen Zacken zulegen, um auf Augenhöhe mit Städten wie Basel zu bleiben», stellt er fest und ergänzt, «wenn man die Stadt für internationale Besucherinnen und Besucher attraktiv machen will, genügt das Label des Unesco-Weltkulturerbes allein nicht. Die Kulturinstitutionen müssen bespielt und mit Leben gefüllt werden.» Ein modernes Museum strahle bis ins Berner Oberland aus, da es Touristen und Einheimischen gleichermassen helfe, ihren Horizont zu erweitern.
Wir wollen jungen Menschen ermöglichen, die oft hohen Schwellen zu den Kulturinstitutionen zu überschreiten.
Dr. Christoph Schäublin Stiftungsratspräsident Ursula Wirz-Stiftung

«Werkstatt für angewandte Phantasie», so die Bezeichnung für das Gebäude, in welchem Christoph Schäublin sein Büro hat.
Mission: Jugend und Nachhaltigkeit
Ein besonderes Augenmerk legt der Stiftungsrat unter Schäublin auf die Jugend. «Wir wollen jungen Menschen ermöglichen, die oft hohen Schwellen zu den Kulturinstitutionen zu überschreiten», sagt er. Die Stiftung achtet bei der Vergabe der Mittel verstärkt darauf, dass Projekte nachhaltig wirken und die nächste Generation abholen. Es gehe darum, Klassiker der Kunst und Musik mit der Moderne zu verbinden, damit sie für junge Menschen relevant bleiben.
Nach gut einer Stunde Gespräch im kühlen ehemaligen Kutscher- und heutigen Kulturhäuschen entlässt Christoph Schäublin seine Gäste wieder in die Frühlingssonne, die in den gepflegten Innenhof scheint. Die Arbeit geht dem Philologen nicht aus; die Erstprüfung der rund 500 Gesuche pro Jahr übernimmt er nach wie vor selbst. «Mir wird es dank der Ursula Wirz-Stiftung nie langweilig», schliesst er mit einem Lächeln, «es hält mich auf dem Laufenden, was in unserer Gesellschaft und in der Kulturpolitik aktuell passiert. Ich muss nicht sagen, vor 40 Jahren sei alles besser gewesen – ich sehe jeden Tag, wie viel kreatives Potenzial in diesem Kanton steckt.»

In seinem Büro an der Marienstrasse in Bern bearbeitet Prof. Dr. Christoph Schäublin Hunderte von Anfragen.
In eigener Sache und für das neue Kunstmuseum Bern
Die Plattform J ist eine von wenigen inhabergeführten Medienhäusern der Schweiz und berichtet mit Schwerpunkt auf den Kanton Bern. Sie erachtet die Erneuerung des Kunstmuseums Bern als genauso wichtig für die Kultur im Kanton wie die Medienvielfalt. In einer Serie blickt die Newsplattform deshalb hinter die Kulissen des renovationsbedürftigen Kunstmuseums.
Im ersten Teil geht es um die Bedeutung von Kunst als Spiegel der Gesellschaft, auch und insbesondere für die Jugendlichen. Professor Dr. Christoph Schäublin ist emeritierter Professor und Rektor und steht heute als Präsident der Stiftung Ursula Wirz vor.
Weitere Informationen zur Institution unter www.ursulawirzstiftung.ch

Das Kunstmuseum Bern muss saniert werden, schon bald wird in einer kantonalen Abstimmung über den dafür nötigen Kredit abgestimmt.