Nach einer Operation am Unispital Zürich erlitt Daniel Rüegg schwere Komplikationen – 25 weitere Eingriffe wurden nötig.

Unter dem ehemaligen Klinikleiter Francesco Maisano kam es am Universitätsspital Zürich (USZ) zwischen 2016 und 2020 zu Verfehlungen und über 70 unerwarteten Todesfällen. Dies ist das Ergebnis eines Untersuchungsberichts. Der ehemalige Patient Daniel Rüegg wurde am USZ unter der Leitung von Maisano operiert, danach: Reanimation, Koma und 25 Nachoperationen.

Maisano äussert sich erstmals zu den Vorwürfen

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Gegenüber der italienischen Zeitung «Il Fatto Quotidiano» äussert sich der ehemalige Klinikdirektor des USZ, Francesco Maisano erstmals zu den Vorwürfen.

Maisano beschreibt seine Ausgangslage ab 2014 als schwierig. Er habe ein international ausgerichtetes Fachgebiet übernommen und sich als italienischer Arzt im deutschschweizerischen Umfeld nicht akzeptiert gefühlt. Zudem weist er die im Bericht erhobenen Vorwürfe teilweise zurück. Insbesondere sieht er innovative Methoden wie das von ihm mitentwickelte Cardioband nicht als Ursache der Übersterblichkeit.

Auch den Vorwurf des Interessenkonflikts relativiert Maisano. Seine Verbindungen zur Industrie seien offengelegt gewesen. Zugleich unterstreicht er die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Forschung und Unternehmen.

Angefangen hat seine Leidensgeschichte 2018 nach zwei Wochen Fieber mit einem Besuch beim Hausarzt. Die Diagnose: eine beschädigte Herzklappe. Er muss operiert werden. Der verantwortliche Arzt bei dieser Operation: Francesco Maisano. Doch bei der einen Operation bleibt es nicht: Es folgt Komplikation um Komplikation. Letztlich wird Rüegg innerhalb von rund zwei Monaten 26 Mal operiert. 40 Tage liegt er auf der Intensivstation, teils im Koma.

Als er aufwacht, beginnen die schwere Rehabilitation und der Wiedereintritt in das normale Leben. «Ich musste wieder lernen, zu schlucken, zu atmen, zu reden und viel später dann auch aufzustehen, und zu gehen. Das war eine wahnsinnig harte Zeit. Ich hatte Träume aus dieser Zeit auf der Intensivstation und habe damit gekämpft, im normalen Leben wieder Fuss zu fassen», sagt Rüegg.

Hohe Hürden auf dem Rechtsweg

Über einen Artikel im «Beobachter» kam er in Kontakt mit Erika Ziltener, der damaligen Präsidentin des Dachverbands Schweizerischer Patientenorganisationen. Zusammen rollten sie seinen Fall neu auf, forderten sämtliche Unterlagen aller Spitäler an und reichten mithilfe einer Anwältin eine Schadenersatzforderung beim USZ ein.

Darauf kam eine Stellungnahme, in der es hiess, man lehne alle Forderungen ab, es liege «keine Sorgfaltspflicht­verletzung des USZ vor». Das hätte ihn nicht überrascht, meint Rüegg und sagt: «Ich entschloss mich, die Sache nicht weiter zu verfolgen und mich auf den Rest meines guten Lebens zu konzentrieren.»

Solche Entscheidungen kennt Erika Ziltener gut. Um einen Fall weiterzuverfolgen, brauche es Wissen und finanzielle Möglichkeiten. Zum Fall von Daniel Rüegg sagt Erika Ziltener, dass es noch viele offene Fragen bezüglich der Vorbereitung und der Risikoabschätzung gebe. Insbesondere sei auch bis heute nicht klar, was die Ursache für eine gravierende Blutung beim Patienten war.

Vertrauen bleibt – doch mehr kritisches Nachfragen

Somit bleibt auch unklar, ob in seinem Fall tatsächlich ein Behandlungsfehler stattgefunden hat. Klar ist jedoch, dass Daniel Rüegg den behandelnden Arzt Maisano weder vor noch nach der Operation jemals zu Gesicht bekommen hat. Das Vorbereitungsgespräch habe der Assistenzarzt geführt, erklärt Rüegg. «Das ist wirklich sehr, sehr problematisch. Der Operateur gehört dorthin. Er muss hinstehen, erklären, was passiert ist, und wie es weitergeht», betont Ziltener.

Trotz der schweren Operation und aller Komplikationen sei sein Vertrauen in die Ärzteschaft und das Schweizer Gesundheitssystem nicht grundsätzlich erschüttert, sagt Daniel Rüegg. Er würde jedoch Patienten in ähnlichen Situationen vor einer Operation raten, mehr nachzufragen, und wenn es sein muss, auch unangenehm zu werden. «Ich wäre jetzt in einer ähnlichen Situation als Patient sicher ein bisschen kritischer», sagt Rüegg.