Dem aufgeblähten Kader der Engländer mit zahlreichen XXL-Verträgen fehlt es an Struktur, das Spielerpersonal wirkt zuweilen beinahe willkürlich zusammengestellt. Alonso muss zunächst einmal ausmisten, muss in einem komplexen Konstrukt klarstellen, auf wen er setzt und auf wen nicht. Er muss der Mannschaft eine klarere Hierarchie verpassen, braucht bei all dem Jugendstil auch ein bisschen mehr Erfahrung. Nicht umsonst heißt es bereits, dass Alonso in seinem ersten Transferfenster im Sommer allen voran Mentalitätsmonster neu dazu holen will.
Das nötige Kleingeld dafür, einen Kader großflächig umzugestalten, hat er bei Chelsea bekanntlich zur Verfügung. Die Blues wiederum wollen wohl auch auf dem Transfermarkt künftig mit dem Namen ihres neuen Chefs spielen und umworbene Akteure explizit mit den Entwicklungsmöglichkeiten locken, die die Arbeit mit Alonso ihnen für ihre Karriere bieten kann. Da der aktuelle Tabellenzehnte kommende Saison nicht in der Champions League vertreten sein wird und möglicherweise sogar gar nicht europäisch spielt, wird das umso wichtiger.
Bleibt die Frage, inwieweit die Geduld der Chelsea-Bosse in der Realität dann tatsächlich gegeben ist, wenn der Plan mit Alonso – was zu erwarten ist – nicht auf Anhieb wie gewünscht funktioniert, wenn abzusehende Dellen eintreten. Bekommt der Spanier dann anders als Maresca oder Rosenior wirklich die nötige Zeit? Seit Thomas Tuchel vor gut dreieinhalb Jahren gehen musste, hat Chelsea fünf Trainer verschlissen, von Graham Potter über Mauricio Pochettino bis hin zu Rosenior versuchten allesamt ihr Glück vergeblich. Der letzte Coach, der länger als rund eineinhalb Jahre an der Stamford Bridge im Amt blieb, war Antonio Conte (2016 bis 2018) mit immerhin zwei Jahren.
«Aus meinen Gesprächen mit den Besitzern und der sportlichen Führung ging eindeutig hervor, dass wir die gleichen Ambitionen teilen», betonte Alonso. Ab dem 1. Juli wird er alles daran setzen, dass sich das Risiko, das er in London auf sich nimmt, auszahlt. Der Grat zwischen mutiger Entscheidung und falscher Wahl, er ist schmal.