Zwei junge Schauspielerinnen beobachten durch die saphirblaue Nacht, wie in der Hochhauswohnung gegenüber einer jungen Frau erst der Schädel am Glas zertrümmert, dann ihre Eingeweide aufgerissen werden, bevor der maskierte Killer sie in die Tiefe wirft. Ein ledertragender Satan geht um in der Metropole von Her Private Hell.

In den höheren Stockwerken sieht die Stadt aus wie eine ungenutzte Kulisse aus Blade Runner 2049 und im Erdgeschoss ähnelt sie dem Traum von einem japanischen Yakuza-Krimi aus den späten 60ern. So unterschiedlich die Elemente, so eindeutig ihr Schöpfer. Es ist von den ersten Sekunden an unverkennbar, wer hinter dem Film steckt: Nicolas Winding Refn ist zurück.

Her Private Hell ist Refns erster Film seit einer Nahtoderfahrung

Refn war mal so etwas wie ein Kultregisseur, der mit dem Actionfilm Drive und Ryan Gosling zeitweise in den Mainstream vordrang. Danach köchelte er kreativ vor allem im eigenen Saft, was sich ab Only God Forgives in zunehmend vernichtenden Reaktionen äußerte. Dass Zuschauende bei einem Refn-Film reihenweise den Saal verlassen, ist mittlerweile eine Selbstverständlichkeit – und so geschah es auch bei meinem Screening von Her Private Hell in Cannes.

Hier ist der Teaser für Her Private Hell:

Her Private Hell – Teaser Trailer (English) HD

Abspielen

Zehn Jahre ist sein letzter Spielfilm The Neon Demon schon her. Seitdem hat Refn zwei Streaming-Serien für Amazon (Too Old To Die Young) und Netflix (Copenhagen Cowboy) gedreht. Beim Besuch in Cannes hat er verraten, dass er 2023 wegen eines Herzfehlers eine Nahtoderfahrung hatte. «Ich war eine halbe Stunde lang tot und wurde mit Elektrizität wieder ins Leben zurückgeholt, wie Frankenstein», erklärte der Däne im Interview mit Screen . Als zweite Chance bezeichnet er die Erfahrung und als Motivation, wieder ins Kino zurückzukehren.

Es ist, als wäre Nicolas Winding Refn nie weggewesen

Wer einen runderneuerten Nicolas Winding Refn erwartet, wird von Her Private Hell bitter enttäuscht werden. Tatsächlich merkt man dem Thriller kaum an, dass zehn Jahre und eine Begegnung mit dem Sensenmann seit The Neon Demon vergangen sind. Wieder besteht Refns Welt aus jungen Frauen in Gefahr und Männern, die ihre Ohnmacht im Gewaltrausch ausleben. Eingefangen wird das alles in tranceartigen Hochglanzbildern, bei denen man nicht weiß, ob man staunen oder gähnen soll.

Diesmal ist es Elle (Sophie Thatcher), die gemeinsam mit der großäugigen Influencerin Hunter (Kristine Froseth) ein Space-Abenteuer drehen soll, aber mit ihrem Vater Johnny Thunders (Dougray Scott) und ihrer jungen Stiefmutter Dominique (Havana Rose Liu) alle Hände voll zu tun hat. Parallel dazu will der Soldat Private K (Charles Melton) den Tod seiner Tochter rächen.

Auf die Ansätze von Plot und Charakteren sollte man nicht zu viel geben, da die Räume, Kleider und «Menschen» in Her Private Hell völlig Refns Gestaltungswillen untergeordnet werden. Die Gesichter von Charles Melton und Sophie Thatcher sind in dem Thriller kaum mehr als ein Ausstellungsraum für violette Lichtshows, während sich die Streicher von Brian De Palmas Stammkomponist Pino Donaggio (Dressed to Kill) wie Weichzeichner auf die Tonspur legen.

Mehr aus Cannes:

Es mag als cineastisches Stockholm-Syndrom diagnostiziert werden, aber über die Jahre habe ich Refns filmische Modeshows liebgewonnen. Und das, obschon seine Bilder von Schaufenstermenschen völlig lust- und leblos aussehen. Dieser Makel ist das einzig Authentische in seinem Werk. In Her Private Hell – seinem lustigsten Film seit Only God Forgives – umarmt er die Leere dermaßen konsequent, dass man beinahe so etwas wie Leidenschaft darin erkennt.

Ich habe Her Private Hell beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo der Film außerhalb des Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat. Einen deutschen Kinostart gibt es noch nicht.