Das Trainerteam von Alba Berlin war in letzter Zeit zur Kreativität verdammt. Mit Jack Kayil, Martin Hermannsson und Bennet Hundt fielen alle drei Point Guards verletzt aus. Hilfe kam in den vergangenen zwei Spielen von Kooperationspartner Lok Bernau, doch vor dem Top Four im Pokal am Samstag und Sonntag in München sieht es plötzlich nach einer sehr ungewöhnlichen Maßnahme aus.
Inmitten der Berliner Basketballer, die sich auf ihr Training vorbereiten, steht Lena Gohlisch, Aufbauspielerin des Frauenteams. „Ich fahre am Wochenende mit“, sagt die Kapitänin und lacht. Den Humor haben sie bei Alba trotz der Personalprobleme nicht verloren.
In München wird Gohlisch natürlich nicht aushelfen, die Hoffnung auf eine erfolgreiche Pokalendrunde ist dennoch groß – und das hat auch mit den Fortschritten bei Kayil zu tun.
Top Four in München Halbfinale am Samstag Bayern München – Bamberg (16 Uhr, Livestream bei BR und Dyn)Alba Berlin – Oldenburg (19 Uhr, Livestream bei RBB und Dyn)
Das Finale findet am Sonntag, 16.30 Uhr, statt.
Während Hermannsson mit einer schweren Daumenverletzung definitiv ausfällt und Hundt weiter mit Schmerzen in der Schulter kämpft, sieht es beim Berliner Shootingstar gut aus. „Es wird von Tag zu Tag besser. Ich bin sehr, sehr zuversichtlich“, sagt Kayil vor dem Training am Donnerstag. Er hatte die vergangenen zwei Spiele wegen muskulärer Probleme in der Wade verpasst, will beim Halbfinale am Samstag gegen Oldenburg (19 Uhr, RBB-Livestream) aber unbedingt wieder dabei sein.
Notfall im Spielaufbau. Gegen Hamburg fehlten mit Jack Kayil sowie Martin Hermannsson (links) und Bennet Hundt (rechts) alle drei Point Guards verletzt.
© imago/Engler
Kayil ist Ende Januar 20 Jahre alt geworden. In diesem Alter kämpfen die meisten Spieler um jede Einsatzminute, doch Kayil ist nicht wie die meisten Spieler. Bei Alba hat er sich innerhalb weniger Monate zu einem Anführer entwickelt. Nicht verbal, denn ein Lautsprecher ist der gebürtige Neuköllner nicht. Doch auf dem Feld gibt er den Ton an.
„Er hat die Mentalität, die Spiele entscheiden zu wollen“, sagt Vladimir Bogojević. „Das ist altersunabhängig. Manche Leute wollen diese Verantwortung tragen – und Jack ist so einer.“
Er hat die Mentalität, die Spiele entscheiden zu wollen. Manche Leute wollen diese Verantwortung tragen – und Jack ist so einer.
Vladimir Bogojević, Co-Trainer von Alba Berlin
Der frühere Profi kennt Kayil so gut wie wenige Menschen in der Basketballszene. Bevor Bogojević Co-Trainer von Albas Profis wurde, arbeitete er im Nachwuchsbereich. Er machte am frühen Morgen Individualtraining mit dem damals größten Talent des Vereins. In der NBBL gewannen sie 2023 gemeinsam den Titel. „Wir haben schon viel Zeit zusammen in der Halle verbracht“, sagt Bogojević.
Dass Kayil den Klub anschließend verließ, hat Bogojevic und viele Verantwortliche bei Alba getroffen. Doch das Thema ist abgehakt. Über Vechta und die serbische Talentschmiede Mega Basket ist der Berliner im vergangenen Sommer zurück in die Heimat gekommen. „Schön, dass sich der Kreis schließt“, sagt Bogojević.
Umweg über die Provinz. Jack Kayil wechselte mit 17 Jahren aus der Alba-Jugend zu Rasta Vechta.
© IMAGO/Christian Becker
Die Hoffnungen waren groß, schließlich hatte Kayil in der Zwischenzeit mit den U-Nationalmannschaften EM-Gold und WM-Silber geholt. Wie schnell er in der Bundesliga und Champions League eine tragende Rolle eingenommen hat, war für viele trotzdem überraschend.
„Nur nicht für mich“, sagt Bogojević und lacht laut. „Ich bin der Einzige, der bei Jack wirklich von nichts überrascht ist.“ Seine Qualitäten – Wurf, Robustheit, Druckresistenz – seien damals schon deutlich zu erkennen gewesen.
Doch das eine sind Anlagen und Leistungen im Nachwuchsbereich, das andere der große Schritt in den Profibereich. Die Liste an vermeintlichen Supertalenten, die an diesem sportlich zerbrochen sind, ist lang. Kayil bewältigt diese Herausforderung hingegen mit einer beeindruckenden Leichtigkeit. „Es ist eine Stärke von mir, dass ich nicht zu viel nachdenke“, sagt Kayil. „Außerdem spüre ich viel Vertrauen vom Team und den Trainern.“
Es ist eine Stärke von mir, dass ich nicht zu viel nachdenke.
Jack Kayil
Während gerade die europäischen Topvereine in der Euroleague kaum auf junge Spieler setzen, ist das bei Alba – auch aufgrund des geringeren Budgets – anders. Für Kayil war von Beginn an eine wichtige Rolle vorgesehen und dieser Plan geht auf. „Die Situation könnte für beide Seiten nicht besser sein“, sagt Manager Marco Baldi.
Seit anderthalb Jahren spielt Jack Kayil auch für die deutsche A-Nationalmannschaft.
© imago/Frank Hoermann
Bei Alba dürfe Kayil Fehler machen, ohne die Angst zu haben, sofort wieder auf der Bank zu landen. Das gebe ihm die Leichtigkeit, die er für sein Spiel brauche. In der BBL erzielt er im Schnitt 13 Punkte pro Spiel, vor wenigen Wochen reihte er wettbewerbsübergreifend sogar vier Spiele aneinander mit jeweils mindestens 20 Zählern.
Büffeln fürs College
Einen Spieler, der in diesem Alter bereits so prägend für seine Mannschaft war, hat es in Albas Vereinsgeschichte noch nicht gegeben. Das sieht nach kurzem Überlegen auch Baldi so. Franz Wagner sei mit 17 bereits unheimlich reif gewesen, verließ den Verein dann aber. Ademola Okulaja habe ebenfalls schon sehr früh auf hohem Niveau gespielt. „Einen so guten jungen Point Guard, der Verantwortung trägt und die Mannschaft anführt, hatten wir aber nie“, sagt Baldi.
Wie an Okulaja und Wagner werden sich Albas Fans aber auch an Kayil nicht lange berauschen können. Schon vor Monaten wurde bekannt, dass er im kommenden Sommer in die USA geht. Die Gonzaga University hat sich seine Dienste gesichert.
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Um am College zu spielen, muss Kayil aber noch ordentlich büffeln. Da er kein Abitur hat, macht er gerade online seinen Highschool-Abschluss, um an der Uni zugelassen zu werden. An diesem Wochenende liegt Jack Kayils Fokus aber eindeutig auf dem Sport. „Es kribbelt schon ein bisschen. Das richtige Pokalfeeling kommt dann, sobald wir in München sind.“