Einige der besten Filme in Cannes haben leider keine Chance auf die Goldene Palme, weil sie in der falschen Sektion laufen. Das gilt auch für Kokurojo: The Samurai and the Prisoner, den neuen Film des japanischen Regisseurs Kiyoshi Kurosawa, der hierzulande wohl zuallererst mit Horrorfilmen wie Cure – Kyua und Pulse in Verbindung gebracht wird. Die meisterhaft komponierte Bestseller-Verfilmung über eine Reihe unlösbarer Verbrechen (und sogar einen Blitzschlag!) ist eine Meditation über den Einsatz von Gewalt in Kriegszeiten, die vor über 400 Jahren spielt, aber mit ihrer Zeitlosigkeit besticht.
In diesem Historienepos bringt jede Jahreszeit ein neues Verbrechen
Wir schreiben das Jahr 1578. Japan befindet sich in einer Periode der Bürgerkriege und Fehden zwischen Feudalherren. Während in der Ferne Schlachten toben, hat sich Araki Murashige (Masahiro Motoki) in seine Burg zurückgezogen. Einst war er ein Gefolgsmann des brutalen, aber erfolgreichen Feldherren Oda Nobunaga, nun ist er sein Gegner.
Der Burgherr ist ein gestandener Kämpfer, widersetzt sich aber dem gängigen Ehrenkodex, der Menschenleben auslöscht wie die Laternen in seinem tadellos gepflegten Hof. Als eine junge Geisel in seinem Gewahrsam auf scheinbar unmögliche Weise ums Leben kommt, muss der Burgherr seinen metaphorischen Deerstalker aufsetzen. Dem Hobby-Detektiv zur Seite steht ausgerechnet ein Gefangener: der raffinierte Kuroda Kanbei (Masaki Suda aus Cloud).
Basierend auf Honobu Yonezawas mehrfach ausgezeichnetem Roman (bei Amazon *), könnte The Samurai and the Prisoner auch den Untertitel «Ein Verbrechen für jede Jahreszeit» tragen. Über ein Jahr hinweg verfolgt die Erzählung das Schicksal des Burgherrn. Zum einen muss er die Loyalität seiner wenigen Gefolgsleute sicherstellen, um den herannahenden Truppen von Nobunaga zu widerstehen. Zum anderen ermittelt er in mehreren Verbrechen, die Chaos in seinen eigenen Reihen säen.
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The Samurai and the Prisoner ist ein meisterhaft inszenierter Samurai-Krimi
Ein Schlachtenepos sollte man also nicht erwarten, sondern eher ein geruhsam erzähltes Kammerspiel im Mantel eines Kriminalfilms. Eine Mischung aus Wölfe oder Becket und Mord im Orient Express sozusagen. Das massenhafte Meucheln, das in anderen Samurai-Filmen für Verzückung sorgt, fehlt hier, aber der Reiz von Kiyoshi Kurosawas neuem Film stimuliert abgelegenere Regionen des Cineastenhirns. Einmal darauf eingelassen, kommt man gerade von dem erhaben auftretenden Hauptdarsteller Masahiro Motoki nicht mehr los.
Der Krimi-Plot ist das offensichtlichste Lockmittel, denn mit jedem Wechsel der Jahreszeiten präsentiert der Film neue, tödliche Facetten. Ein Mord in einem verschlossenen Raum? Der abgeschlagene Kopf eines toten Generals, der plötzlich – schreckliches Omen! – eine Grimasse zieht? Was im feudalen Japan eben so passieren kann … Gleichzeitig werden die Verbrechen kunstvoll in die größeren innen- und außenpolitischen Turbulenzen von Murashiges Hof verflochten und bilden damit auch Attacken auf seine moralische Standfestigkeit. Jede Tat scheint seine Autorität auszuhöhlen und ein weiterer Schritt zu jener Gewalteskalation zu sein, die er verhindern will.
Dabei findet Kurosawa außerordentlich klare und schöne Bilder für den wachsenden Druck auf den Burgherrn. Der Regisseur ist ein Meister darin, Räume mithilfe von gezielt angeordneten Körpern und Leerstellen sprechen zu lassen. In seinen Horrorfilmen provoziert das oft einen unheimlichen Grusel, der einen stärker durchschüttelt als die härtesten Jumpscares. In The Samurai and the Prisoner gleichen die Gemächer nun einem Schachbrett. Mit wachsender Laufzeit, von Winter zu Frühling bis in den Sommer, büßt es an Spielfiguren ein. Bis wir im Publikum irgendwann allein hinter Araki Murashige und seinem Gewissen stehen.
Ich habe The Samurai and the Prisoner beim Festival in Cannes gesehen, wo der Film seine Weltpremiere in der Sektion Cannes Première gefeiert hat. Einen deutschen Kinostart gibt es noch nicht.
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